Kurzbesprechung: Iris Alanyali, Gebrauchsanweisung für die Türkei, 2015.

Wenn ich einen längeren Urlaub in einem mir unbekannten Land verbringe, finde ich es häufig nett mit dem entsprechenden Band dieser Reihe einzusteigen und neben den klassischen Reiseführerinformationen ein wenig mehr über Land und Leute, Geschichte, regionale Unterschiede und kulturelle Besonderheiten zu lernen. Trotz des schrecklichen Namens der Reihe vermitteln die Bände diese Dinge meistens ganz gut, natürlich auch mit wechselnder Qualität: Irland habe ich wirklich gerne gelesen, Schottland war eher etwas dröge, aber trotzdem informativ. Jetzt also die Gebrauchsanweisung für die Türkei.

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Besprechung: Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, 2003.

Vor kurzem habe ich den Entschluss gefasst, mich ein wenig intensiver mit der Türkei und der türkischen Literatur zu beschäftigen. Mal sehen, wie lange das trägt, aber gerade bin ich sehr motiviert und habe Lust, mich diesem komplexen Land zu nähern. Und wer ist besser dafür geeignet, einen Anfang zu machen, dachte ich mir, als das Aushängeschild der türkischen Literaturlandschaft, der Friedens- und einzige Nobelpreisträger des Landes Orhan Pamuk? Die Wahl des Werkes war auch schnell getroffen: Da ich auf einer längeren Reise gerade in Istanbul angekommen war, entschied ich mich für Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. Jetzt, nach der Lektüre, zweifele ich ein wenig, ob das eine gute Entscheidung war. Es ist nicht direkt so, dass ich Pamuks Istanbulbuch ungerne gelesen habe, aber andere Wege in die türkische Literatur wären sicherlich zugänglicher gewesen.

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Hinweis: Lesevorhaben zur Türkei und zur türkischen Literatur 

Nachdem mein erstes Lesevorhaben zur literarischen Moderne stockt – aber es ist ja auch sehr langfristig angelegt und nicht beendet – habe ich daraus die vollkommenen falschen Schlüsse gezogen und gleich ein neues gestartet.

Dieses Mal geht es um die Türkei und die türkische Literatur.

Literarisches Fundstück: Orhan Pamuk über Gottesfurcht 

Ich fürchtete also nicht Gott, sondern die Leute, die zu sehr an ihn glaubten, und ihren Zorn auf Leute wie mich. Da die Intelligenz der Strenggläubigen mit der von Gott, den sie so inständig verehrten, nicht zu vergleichen war – allein der Gedanke daran ist schon blasphemisch -, beunruhigte mich ferner ihre Dummheit. Die Angst, sie würden mich eines Tages dafür bestrafen, nicht so zu sein wie sie, war jahrelang mein ständiger Begleiter und spielte wohl auch in meiner frühen Hinwendung zu linkem Gedankengut eine größere Rolle als jedes theoretische Werk.

Gefunden in: Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2013 (OA: 2003), S. 216 f.

Besprechung: Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, 2002.

46726Was für ein Roman. Was! Für! Ein! Roman! Schon während der Lektüre von Amos Oz‘ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis habe ich das Buch immer wieder sinken lassen und mich in Gedanken über seine Figuren und Themen verloren und jetzt, nachdem ich das Buch zu Ende gelesen habe, versuche ich immer noch zu fassen, wie es dieser großartige Roman geschafft hat, all das zu vereinen, was ihn ausmacht. Selten habe ich es erlebt, dass ein Autor so gewaltige Stoffmengen so schön und fesselnd in einen Erzählfluss verwebt, wobei dieser Fluss nicht einfach nur geradeaus vor sich hinfließt, sondern immer wieder Vor- und Rückgriffe macht, Nebenarme geschickt einführt und in den Hauptstrang einfließen lässt und so ein faszinierendes Panorama einer Gesellschaft entstehen lässt.

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Besprechung: James Fenimore Cooper, Lederstrumpf, Bd. 1: Der Wildtöter, 1841.

Cover einer deutschen Ausgabe von 1888, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

Mit Der Wildtöter, dem chronologisch ersten, historisch aber letzten Teil von James Fenimore Coopers Pentalogie Lederstrumpf, wird hier schon wieder ein Wild-West- und Abenteuerroman besprochen, aber ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, es wird fürs Erste der letzte sein. Wie es zu diesem unerwartet aufflackerndem Interesse gekommen ist, kann man in meinem Artikel zu Winnetou nachlesen und von diesem Roman her rührt letztlich die Idee jetzt auch noch den Lederstrumpf zu lesen. Denn an verschiedenen Stellen wird bei Karl May auf die Romane Coopers Bezug genommen und zwar in Ablehnung: Wenn ein ‚Greenhorn‘, ein Neuling, in den Westen kommt, dann wird er gefragt, ob er die Romane Coopers gelesen habe, und wenn er dies bejaht, wird er belehrt, dass die Realität, wie er selbst noch merken werde, ganz anders sei als die idealisierte und romantische Welt der Lederstrumpfromane. Wie groß und welcher Art die Unterschiede zwischen Cooper und Karl May wirklich sind, darauf wird später noch eingegangen. Zunächst soll kurz ein wenig in die Lederstrumpfromane eingeführt werden. Weiterlesen „Besprechung: James Fenimore Cooper, Lederstrumpf, Bd. 1: Der Wildtöter, 1841.“

Literarisches Fundstück: Das Sortieren von Büchern 

Als ich etwa sechs Jahre alt war, kam ein großer Tag in meinem Leben: Vater räumte einen kleinen Platz in einem der Bücherregale frei und erlaubte mir, meine Bücher dort hineinzustellen. […]

Ich beging einen entsetzlichen Fehler. Vater ging zur Arbeit, und ich durfte mit meinem Platz im Regal so verfahren, wie ich Lust hatte, aber ich hatte eine völlig kindliche Vorstellung davon, wie man so etwas tut. So kam es, daß ich meine Bücher der Größe nach einordnete […]. Ich war immer noch euphorisch, als Vater von der Arbeit heimkehrte, einen bestürzten Blick auf mein Bücherbord warf und mich dann, ohne ein Wort zu sagen, lange eindringlich ansah, mit einem Blick, den ich nie vergessen werde: Es war ein Blick der Verachtung, der unsäglich bitteren Enttäuschung, ein Blick der vollkommenen Verzweiflung über diesen personifizierten genetischen Fehlschlag. Schließlich quetschte er mühsam hervor: „Bist du denn völlig verrückt geworden? Der Größe nach? Was, sind Bücher denn Soldaten? Eine Ehrengarde? Ist das eine Parade der Feuerwehrkapelle?“

Wieder verstummte er. […]

Am Ende des Schweigens offenbarte mir Vater, innerhalb von zwanzig Minuten, alle Tatsachen des Lebens. Hielt mit nichts hinter dem Berg. Führte mich in die verborgensten Geheimnisse der Bibliothekarskunst ein. Wies mir sowohl den Königsweg als auch die bewaldeten Nebenpfade, schwindelerregende Panoramen von Variationen, Nuancen, Phantasien, entlegene Alleen, kühne Abweichungen und exzentrische Capricen: Bücher kann man alphabetisch nach Verfassernamen ordnen, nach Reihen und Verlagen, chronologisch, nach Sprachen, nach Themen, nach Genre und Sachgebiet, sogar nach dem Druckort. Möglichkeiten über Möglichkeiten.

Gefunden in: Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Roman, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, 2016 (OA: 2002), Berlin: Suhrkamp pocket, S. 54 ff.