Ein Rückblick auf das Jahr 2017 (und ein bisschen mehr): Meine liebsten Lektüren

In diesem Beitrag möchte ich – wie es in vielen Blogs eine schöne und liebgewonnene Tradition ist – auf meine liebsten Lektüren im Jahr 2017 zurückblicken, wobei ich mir die Freiheit nehme, das Jahr ein wenig zu verlängern: Am 22. Oktober 2016 ist meine erste Besprechung auf diesem Blog online gegangen, und da ich Silvester 2016 keinen „Vierteljahresrückblick“ geschrieben habe, dürfen diese ersten hier dokumentierten Lektüren nun auch im Wettbewerb antreten.

Es sei außerdem erwähnt, dass ich seit dem Sommer leider weniger zum Lesen komme als in den Monaten und Jahren zuvor: Nach den zwar auch anstrengenden, aber vor allem angenehmen und lektürereichen Studienjahren absolviere ich seit diesem Schuljahr mein Referendariat in Berlin – und das ist eine durchaus arbeitsintensive und erschöpfende Zeit, die mich leider einige Male vom Lesen abhält. Ich hoffe, dass sich dies in nächster Zeit wieder etwas ändert…

Nun aber wirklich zu den besten Lektüren der letzten eineinviertel Jahre. Weil mir drei Plätze etwas zu wenig sind, gibt es hier auch noch den vierten Platz. Dieser wird in Deutschland ja häufig etwas despektierlich mit „Blechmedaille“ bezeichnet, im anglophonen Raum gibt es dann den viel schöneren Begriff der „honourable mention“.

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Honourable Mention: Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten, 2016.

Bakewells Einführung in den französischen Existenzialismus und seine (deutschen) Vorläufer ist ein in jeder Hinsicht gelungenes philosophisches Sachbuch: Auf angenehme Weise verfolgt man die Lebens- und Denkwege der Protagonisten (und der Protagonistin) dieser Denkrichtung, Bakewell stellt auf spannende Weise dar, wie sich die Dame und die Herren gegenseitig beeinflusst haben und von ihrer Umwelt und Zeit beeinflusst wurden. Ich habe mich in meinem Leben bisher (fast) nur literarisch mit dem Existenzialismus beschäftigt und durch dieses Buch nun große Lust bekommen, mich auch einmal intensiver an das existenzialistische Denken zu wagen. Auch wenn Denker wie Husserl, Sartre und de Beauvoir heute weniger gelesen werden als andere, so haben sie doch spannende Gedanken als Antworten auf eine wichtige Zeit gedacht. Bakewell vermittelt einen guten Eindruck davon, warum hier auch für uns noch Anregendes zu finden ist. Gerade der Impetus, mit dem hier „Freiheit“ stark gemacht wird, ist auch heutzutage noch reizvoll.

01_eribonDritter Platz: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, 2016.

Eribons autobiografische Schrift über seine Kindheit und Jugend, die ihn durch seine Homosexualität und seinen intellektuellen Werdegang immer weiter von der Welt seiner Eltern entfernt haben, und die darauf folgende Wiederannährung im fortgeschrittenen Alter wäre auch schon ohne den aktuellen Kontext eine faszinierende und erkenntnisreiche Lektüre. Selten hat mich ein Text über die „feinen Unterschiede“, die Zugehörigkeit, Fremdheit sowie intellektuelles und emotionales Erwachsenwerden ausmachen so sehr in seinen Bann gezogen. Dass die Welt, der sich Eribon viele Jahre später wieder annähert, inzwischen nicht mehr der Kommunistischen Partei sondern dem Front National nahesteht, gibt dem Buch darüber hinaus eine politische Dimension, die auch auf viele Prozesse, die gerade in Deutschland ablaufen, ein neues Licht wirft. Da kann ich dem Autor auch seine Haltung verzeihen, bei der manchmal nicht mehr klar wird, wer das größere Problem ist – der Front National selbst oder ein Neoliberalismus, der (für Eribon) dazu beiträgt, Menschen so zu entwurzeln, dass sie am Ende den FN wählen. Es sei jedoch erwähnt, dass dies in Rückkehr nach Reims eine weitaus geringere Rolle spielt als in Eribons Auslassungen zur französischen Präsidentschaftswahl und so bleibt ein unglaublich spannender Blick auf eine Biografie und das Milieu, dem sie entstammt.

29_zweig_welt_gesternZweiter Platz: Stefan Zweig, Welt von Gestern, 1942.

Mit seiner berühmten Autobiografie gelingt Stefan Zweig ein großes Porträt der intellektuellen und kunstschaffenden Schicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von Wien, wo Zweig geboren und aufgewachsen ist, erweitert sich sein Horizont immer weiter, bis er schließlich ganz Europa in den Blick nimmt. Man gewinnt den Eindrück, dass Zweig mit nahezu jedem bedeutenden Künstler der Zeit mindestens bekannt und mit einem Großteil von ihnen auch befreundet war. Vor allem der französischsprachige Raum liegt ihm natürlich am Herzen, hier sind es vor allem Romain Rolland und Émile Verhaeren zu denen eine intensive Beziehung besteht. Mit Rolland setzt sich Zweig gemeinsam gegen den ersten Weltkrieg ein und Verhaerens Werke übersetzt er ins Deutsche. Aber auch das Wiener Milieu, aus dem Zweig entstammt und in dem er auch Rilke und den in der Jugend alles überragenden Hofmannsthal kennenlernt, kommt nicht zu kurz. Schließlich folgt der Aufstieg und die Machtübernahme Hitlers, zuerst in Deutschland, dann in Österreich und zuletzt in fast ganz Europa. Auch diese Zeit schildert Zweig spannend und kenntnisreich. Viel mehr beeindruckt hat mich jedoch seine Darstellung dessen, was Hitler zerstört hat: ein intellektuelles und europäisches Künstlernetzwerk, das durch seine ganze Lebensart allem entgegen stand, was danach passierte, und an dem uns Zweig auf wunderbare Art teilhaben lässt.

46726Erster Platz: Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, 2002.

Das Buch, das mich in diesem Jahr am meisten beeindruckt hat, war Amos Oz‘ Roman Eine Geschichte von Liebe von Finsternis. Selten habe ich einen Roman gelesen, der so unglaublich viel Material, Einflüsse, Geschichte und Lebensgeschichten gebündelt und in einen so wunderbaren Text gegossen hat. Es ist sehr schwer zusammenzufassen, worum es in Oz‘ Roman geht – er erzählt anhand der Lebensgeschichte eines Jungens bzw. einer Familie die Zeit vor und nach der Gründung des Staates Israel, wobei in zahlreichen ebenfalls familiengeschichtlich eingebetteten Rückblicken auch das jüdische Leben im Ost- und Mitteleuropa der Zeit davor immer wieder zur Sprache kommt. Die Gesellschaft der 30er und 40er Jahre in Palästina bzw. Israel, die Amos Oz dann hauptsächlich darstellt, schildert er als eine kulturell sehr reiche jedoch auch spannungsgeladene und von inneren und äußeren Konflikten geprägten Gesellschaft. Allein die Vorstellung, wie viele unterschiedliche Prägungen in dieser Zeit in Palästina aufeinandergetroffen und miteinander ausgekommen sind, hat mich auch nach der Lektüre noch sehr beschäftigt. Aber es sind nicht nur diese gesellschaftlichen und historischen Aspekte, die mich interessiert haben, sondern Oz erzählt einfach wunderbare Geschichten von faszinierenden Charkateren. Es macht großen Spaß diesen Roman zu lesen. Jedem, der dies noch nicht getan hat, lege ich seine Lektüre hier noch einmal sehr ans Herz!

 

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Kurzbesprechung: Axel Kuhn, Die Französische Revolution, 2012.

50_reclam_frz_revAxel Kuhn, ein deutscher Historiker, der sich laut Wikipedia der Geschichte der deutschen Demokratie seit dem 18. Jahrhundert verschrieben hat, hat für den Reclam-Verlag gleich zwei Bücher zur Französischen Revolution geschrieben, ein pinkes, etwas ausführlicheres und ein blaues in der Reihe „Kompaktwissen Geschichte“. Da ich als studierter Politikwissenschaftler mich gerade im Lehramtsanwärterdienst in Berlin befinde und das in diesem an Kuriositäten reichen Schulsystem bedeutet, dass ich auch Geschichte unterrichte (Historikern geht das umgekehrt genauso, sie unterrichten auch Politische Bildung.), griff ich zu diesem schmalen Büchlein, um die in meinem Gedächtnis etwas angestaubten Erinnerungen an die Ereignisgeschichte der Französischen Revolution wieder aufzufrischen und somit meinen Unterricht inhaltlich vorzubereiten. Um es gleich vorwegzunehmen: Diesen Zweck hat Reclams kleines blaues Bändchen gut erfüllt. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Axel Kuhn, Die Französische Revolution, 2012.“

Kurzbesprechung: Klaus Walther, Was soll man lesen?, 2005.

51_walther_was_soll_man_lesenWie schon an anderer Stelle erwähnt, mag ich Bücher über Bücher einfach sehr gerne; Leseempfehlungen und Lesebiografien anderer finde ich immer wieder faszinierend und inspirierend, weil sie Bücher auf persönliche Art und Weise darstellen und sie einem so oft näherbringen als die leicht variirenden, aber doch oft sehr ähnlichen Listen der Weltliteratur, die sich so finden lassen. Dabei geht es mir aber auf keinen Fall darum, mir mein Leseleben durch die Leseempfehlungen eines anderen diktieren zu lassen – es handelt sich immer um Anregungen! Bei einer solchen Einstellung ist ein Buch mit dem Titel Was soll man lesen? provokant. Das klingt nach Anweisung, nach: Du sollst diese Bücher lesen, weil ich sie für gut halte! Aber weil eben auch die Reibung an diesen Anweisungen Freude bereitet, habe ich Klaus Walthers Buch trotzdem zu lesen begonnen, auch weil der Untertitel Ein Leseverführer wiederum etwas versöhnt. Denn er deutet an, dass es um Verführung, das heißt um Überzeugung und nicht um Anordnung geht, und außerdem zeigt der bescheidene indirekte Artikel, dass hier nicht der Anspruch erhoben wird, selbst der Weisheit letzter Schluss zu sein. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Klaus Walther, Was soll man lesen?, 2005.“

Kurzbesprechung: Joachim Kaiser, Sprechen wir über Musik, 2012.

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Der im Mai dieses Jahres verstorbene Kritiker Joachim Kaiser gehört wohl neben dem im literarischen Bereich noch bekannteren Reich-Ranicki zu den wenigen ‚Großkritikern‘ der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wie sein Kollege auch war Joachim Kaiser sehr meinungsfreudig; während man Reich-Ranicki jedoch vor allem mit den großen Verrissen im Literarischen Quartett in Verbindung bringt, habe ich, in dem (wenigen), was mir bekannt ist, Kaiser als begeisterungsfähiger und positiver wahrgenommen. (Ich kenne neben diesem kleinen Büchlein vor allem die sehr ähnlich gelagerten Videofassungen und seine Besprechungen von Thielemanns Beethoven-Zyklus mit dem Dirigenten selbst.) Spannend finde ich an Kaiser auch, dass er als Musik-, Theater- und Literaturkritiker tätig war – ein durchaus beeindruckendes Feld! In Sprechen wir über Musik beantwortet der Autor in inhaltlich loser Folge ZuhörerInnen- und LesserInnenfragen, die sich um den Bereich der klassischen Musik drehen. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Joachim Kaiser, Sprechen wir über Musik, 2012.“

Besprechung: Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), 2014.

46_haratischwiliZwei Anläufe in zwei Urlauben habe ich gebraucht, um Nino Haratischwilis knapp 1300 Seiten starken Monumentalroman Das achte Leben (Für Brilka) durchzulesen. Beim ersten Versuch führte das Ende des Urlaubs mit anschließendem direktem Start in ein arbeitsintensives Praktikum dazu, dass ich den Faden des Buches verloren hatte (bzw. gelang es mir nicht mehr, um in einem Bild des Buches zu bleiben, die vielen, vielen Fäden, die gemeinsam den Teppich dieser Geschichte bilden, zu entwirren). Jetzt habe ich es geschafft, Das achte Leben durchzulesen, und hatte dabei die besondere Freude, große Teile des Romans im Land des Romans, in Georgien, zu lesen. Das war gleich doppelt spannend: Zum einen habe ich einen unglaublich tiefen und breiten Einblick in das Land gewonnen, welches ich bereist habe, und zum anderen kann ich Bilder mit den Orten verbinden, an denen der Roman spielt. Auf einmal sehe ich den Freiheitsplatz und den Rustaveli-Boulevard in Tbilissi vor mir und kann mir auch die Steppe, durch die junge Stasia mit ihrem weißen Oberleutnant reitet, viel besser vorstellen. Dass Das achte Leben bei mir, trotz dem es ein großartiger Roman ist, nicht nur positiv in Erinnerung bleibt, darauf will ich später noch eingehen, zunächst möchte ich jedoch auf die spannenden und großartigen Seiten zu sprechen kommen. Weiterlesen „Besprechung: Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), 2014.“

Kurzbesprechung: Ralf Sotscheck, Mein Irland, 2016.

48_irlandDer wunderbare, in Hamburg ansässige Mareverlag ist vielen Büchernarren schon durch seine prachtvoll ausgestatteten Klassikerausgaben bekannt (Hier schreibt beispielsweise Tobi von den Lesestunden über Hugos Die Arbeiter des Meeres.), er hat jedoch auch eine langsam wachsende Reihe mit dem Titel Meine Insel im Programm. Dort schreiben verschiedene teilweise bekannte Autoren und Autorinnen über „ihre“ Insel, also über eine Insel, die ihnen ganz persönlich sehr nahe liegt. So schreibt etwa Fritz J. Raddatz über Sylt und Frido Mann über Nidden. Ralf Sotscheck, den Autor von Mein Irland, kannte ich bisher als Irlandkorrespondenten der taz und als Gesprächspartner Harry Rowohlts in dem skurril-interessanten Interviewbuch In Schlucken-zwei-Spechte. In diesem Buch nun steht Sotschecks Wahlheimat Irland im Mittelpunkt. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Ralf Sotscheck, Mein Irland, 2016.“

Kurzbesprechung: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, 1923.

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Manchmal gibt es diese lustigen Zufälle im Leseleben: Gerade bewundere ich noch die wunderschönen Bände der Bunin-Werkausgabe bei Dörlemann und kann mich nicht entscheiden, welchen der Bände ich mir zuerst bestelle, da fallen mir in einem Antiquariat, in das mich meine Füße zufällig getragen haben, gleich zwei dieser blauen Büchlein in die Hände: Ein unbekannter Freund und Verfluchte Tage. Begonnen habe ich dann mit Ein unbekannter Freund, eine Erzählung aus dem Jahr 1923, die nur gut zwanzig großzügig bedruckte Seiten einnimmt und trotzdem eine ganz besondere Intensität entfaltet. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, 1923.“