Kurzbesprechung: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, 1923.

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Manchmal gibt es diese lustigen Zufälle im Leseleben: Gerade bewundere ich noch die wunderschönen Bände der Bunin-Werkausgabe bei Dörlemann und kann mich nicht entscheiden, welchen der Bände ich mir zuerst bestelle, da fallen mir in einem Antiquariat, in das mich meine Füße zufällig getragen haben, gleich zwei dieser blauen Büchlein in die Hände: Ein unbekannter Freund und Verfluchte Tage. Begonnen habe ich dann mit Ein unbekannter Freund, eine Erzählung aus dem Jahr 1923, die nur gut zwanzig großzügig bedruckte Seiten einnimmt und trotzdem eine ganz besondere Intensität entfaltet. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, 1923.“

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Besprechung: Elif Shafak, Der Bastard von Istanbul, 2006.

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Schon mehrfach habe ich Bücher gelesen, die wegen ihrer moralischen Verfehlungen oder aus anderen Gründen vor Gericht gebracht und sogar verurteilt wurden. Spontan fallen mir etwa Klaus Manns Mephisto, Flauberts Madame Bovary oder Baudelaires Les fleurs du mal ein. Auch wenn ich diese Prozesse immer unsinnig und die Verurteilungen falsch finde – sogar das lange Unterverschlusshalten von Hitlers Mein Kampf hat meiner Meinung nach eher zu einer Mystifizierung dieses grundschlechten Machwerks geführt, aber das ist ein anderes Thema -, kann ich sie doch im Kontext ihrer Zeit nachvollziehen. Persönlichkeitsrechte, wie sie im Falle von Klaus Manns kaum verschlüsselten Schlüsselroman eine Rolle spielen, sind eben auch ein wichtiges Gut. Dass Flaubert das Moralempfinden des 19. Jahrhunderts verletzt hat, erschließt sich auch, und Baudelaire verletzt heute wahrscheinlich immer noch das Moralempfinden vieler. Der Prozess, den man Elif Shafaks Der Bastard von Istanbul wegen „Beleidigung des Türkentums“ gemacht hat (alleine schon die Benennung diese Straftatbestands…) hingegen, erschließt sich mir bei der Harmlosigkeit ihrer Beschäftigung mit dem Genozid an den Armeniern überhaupt nicht. Beziehungsweise erschließt sich die Anklage schon, sie wirft jedoch ein katastrophales Licht auf den Zustand der Freiheitsrechte und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der damaligen Türkei. Und bei allen Entwicklungen der letzten Jahre möchte man sich kaum ausmalen, was der Autorin bei einer Veröffentlichung heute geblüht hätte.

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Kurzbesprechung: Iris Alanyali, Gebrauchsanweisung für die Türkei, 2015.

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Wenn ich einen längeren Urlaub in einem mir unbekannten Land verbringe, finde ich es häufig nett mit dem entsprechenden Band dieser Reihe einzusteigen und neben den klassischen Reiseführerinformationen ein wenig mehr über Land und Leute, Geschichte, regionale Unterschiede und kulturelle Besonderheiten zu lernen. Trotz des schrecklichen Namens der Reihe vermitteln die Bände diese Dinge meistens ganz gut, natürlich auch mit wechselnder Qualität: Irland habe ich wirklich gerne gelesen, Schottland war eher etwas dröge, aber trotzdem informativ. Jetzt also die Gebrauchsanweisung für die Türkei.

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Besprechung: Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, 2003.

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Vor kurzem habe ich den Entschluss gefasst, mich ein wenig intensiver mit der Türkei und der türkischen Literatur zu beschäftigen. Mal sehen, wie lange das trägt, aber gerade bin ich sehr motiviert und habe Lust, mich diesem komplexen Land zu nähern. Und wer ist besser dafür geeignet, einen Anfang zu machen, dachte ich mir, als das Aushängeschild der türkischen Literaturlandschaft, der Friedens- und einzige Nobelpreisträger des Landes Orhan Pamuk? Die Wahl des Werkes war auch schnell getroffen: Da ich auf einer längeren Reise gerade in Istanbul angekommen war, entschied ich mich für Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. Jetzt, nach der Lektüre, zweifele ich ein wenig, ob das eine gute Entscheidung war. Es ist nicht direkt so, dass ich Pamuks Istanbulbuch ungerne gelesen habe, aber andere Wege in die türkische Literatur wären sicherlich zugänglicher gewesen.

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Hinweis: Lesevorhaben zur Türkei und zur türkischen Literatur 

Nachdem mein erstes Lesevorhaben zur literarischen Moderne stockt – aber es ist ja auch sehr langfristig angelegt und nicht beendet – habe ich daraus die vollkommenen falschen Schlüsse gezogen und gleich ein neues gestartet.

Dieses Mal geht es um die Türkei und die türkische Literatur.

Literarisches Fundstück: Orhan Pamuk über Gottesfurcht 

Ich fürchtete also nicht Gott, sondern die Leute, die zu sehr an ihn glaubten, und ihren Zorn auf Leute wie mich. Da die Intelligenz der Strenggläubigen mit der von Gott, den sie so inständig verehrten, nicht zu vergleichen war – allein der Gedanke daran ist schon blasphemisch -, beunruhigte mich ferner ihre Dummheit. Die Angst, sie würden mich eines Tages dafür bestrafen, nicht so zu sein wie sie, war jahrelang mein ständiger Begleiter und spielte wohl auch in meiner frühen Hinwendung zu linkem Gedankengut eine größere Rolle als jedes theoretische Werk.

Gefunden in: Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2013 (OA: 2003), S. 216 f.

Besprechung: Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, 2002.

46726Was für ein Roman. Was! Für! Ein! Roman! Schon während der Lektüre von Amos Oz‘ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis habe ich das Buch immer wieder sinken lassen und mich in Gedanken über seine Figuren und Themen verloren und jetzt, nachdem ich das Buch zu Ende gelesen habe, versuche ich immer noch zu fassen, wie es dieser großartige Roman geschafft hat, all das zu vereinen, was ihn ausmacht. Selten habe ich es erlebt, dass ein Autor so gewaltige Stoffmengen so schön und fesselnd in einen Erzählfluss verwebt, wobei dieser Fluss nicht einfach nur geradeaus vor sich hinfließt, sondern immer wieder Vor- und Rückgriffe macht, Nebenarme geschickt einführt und in den Hauptstrang einfließen lässt und so ein faszinierendes Panorama einer Gesellschaft entstehen lässt.

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