Besprechung: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.

29_zweig_welt_gesternMan könnte an Stefan Zweigs großer Autobiografie Die Welt von Gestern, die 1942 posthum erscheint, nachdem sich der Autor im brasilianischen Exil das Leben genommen hat, bestimmt viel kritisieren. So ist unzweifelhaft, dass Zweig „das goldene Zeitalter der Sicherheit“, die Jahre seiner Kindheit und Jugend vor der 1. Weltkrieg, in hohem Maße idealisiert, was einerseits mit den schrecklichen Dingen zu tun hat, die nach 1914 folgen, und was andererseits auch an der privilegierten gesellschaftlichen Stellung liegt, in die Zweig geboren wurde. Dass es nicht allen so gut ging, reflektiert er zwar am Rande, es gerät bei seinen Rückschauen jedoch sehr in den Hintergrund. Auch Zweigs Faktentreue ist immer wieder kritisiert worden, wobei mir diese Kritik heutiger Leser, die ruhig im Lesesessel sitzen und am Weinglas nippen, immer etwas hochmütig erscheint, wenn man sich die Lebensumstände des Exils vor Augen führt. Außerdem könnte man sich an Zweigs Bescheidenheitsgestus stören, der immer wieder sehr zentral gesetzt wird, aber dann doch etwas aufgesetzt wirkt, wenn man die eine oder andere Schilderung aus seinem Leben liest. All das könnte man kritisieren, aber ich habe gar keine Lust, dieser Kritik zu viel Raum zu geben, denn ich habe vor allem eine herrliche Autobiografie eines großes europäischen Intellektuellen gelesen, der wohl fast jeden zeitgenössischen Autor, Intellektuellen oder Künstler persönlich kannte und mit vielen befreundet war und der außerdem ein großes und spannendes Panorama seiner Zeit entfaltet. Weiterlesen „Besprechung: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.“

Besprechung: Horst Günther, Das Bücherlesebuch, 1992.

28_bucherlesebuchIch mag diese bibliomanen Bücher über Bücher einfach sehr gerne. Es gibt immer wieder spannende Gedanken und interessante Anregungen: zum Denken und natürlich zum Lesen. Horst Günthers Bücherlesebuch ist genau so ein Buch und sein Untertitel Vom Lesen, Leihen, Sammeln: von Büchern, die man schon hat, und solchen, die man endlich haben will zeigt schon, dass es nicht einfach nur ein ganz normales, seriöses Buch dieser Art ist. Diese Bücher – wie etwa Weidermanns Lichtjahre – lese ich auch gerne, noch lieber sind mir aber Bücher wie Günthers Bücherlesebuch: ein bisschen kurios, etwas unsystematisch, aber voller interessanter Hinweise und Gedanken.

Das Merkwürdige an diesem Bücherlesebuch ist, dass uns der Autor eigentlich nie so richtig verrät, was er schreiben will oder worum es geht. Weiterlesen „Besprechung: Horst Günther, Das Bücherlesebuch, 1992.“

Kurzbesprechung: Michael Walsh, Keine Angst vor klassischer Musik, 1989.

27_walsh_klassische_musikNach Klassik für Dummies hatte ich das Gefühl, dass es das noch gewesen sein kann. Ich hatte eine grobe Idee der Grundlagen klassischer Musik, aber vieles war doch noch sehr diffus und da ich diese Empfehlung gelesen hatte, dachte ich mir, ich mache gleich weiter mit den Einführungen und lese Keine Angst vor klassischer Musik von Michael Walsh. Merkwürdigerweise fängt dieses Buch ebenso übertrieben anstrengend und überdreht an wie Klassik für Dummies, das scheint zum Genre zu gehören. Der Schwerpunkt liegt in diesem Buch jedoch nicht so sehr auf wirklich blöden Witzen, sondern auf vollkommen merkwürdigen Annahmen über den Leser und Ansprachen desselben im Stile von „Machen wir uns nichts vor: Sie hassen klassische Musik.“, Sie wollen klassische Musik hören, um endlich als „gestandener Mann oder kultivierte Frau“ angesehen zu werden oder „Sie stemmen doch Gewichte, oder etwa nicht?“ Nein, warum denn? Dieser Einstieg lies mich beim Lesen etwas verwirrt zurück, ebenso wie die Idee des Autors, den Leser aufzufordern, einen „es-Moll-Akkord“ auf dem Klavier zu spielen, ohne zu erklären, wie dieser funktioniert, oder die theoretische Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass nicht jeder, der ein derartiges Buch kauft, ein Klavier neben sich stehen hat. Weiterlesen „Kurzbesprechung: Michael Walsh, Keine Angst vor klassischer Musik, 1989.“

Besprechung: Jean Echenoz, Ravel, 2006.

26_echenoz_ravelJean Echenoz gelingt mit Ravel ein wunderbarer und stilsicher geschriebener Roman über den gleichnamigen französischen Komponisten, der auf sehr interessante Art und Weise so tut, als würde er einfach so vor sich hinplätschern, der einen dabei aber immer mehr in seinen Bann zieht und gegen Ende eine ganz eigene Dramatik gewinnt. Manches ist ungewöhnlich an diesem Roman und das beginnt schon mit der Gattung: Auf dem Cover steht „Roman“, aber das Buch hat nur 110 Seiten, die noch dazu großzügig bedruckt sind. Wenn Echenoz irgendwann einmal mit einer prestigeträchtigen Pléiade-Ausgabe belohnt wird, die auf Bibelpapier eng bedruckt ist, dann werden es eindeutig weniger Seiten sein. Aber auch der Begriff Erzählung passt nicht so ganz, denn es gibt immer wieder Formulierungen und Passagen, die eher in den Bereich biographischer oder journalistischer Texte verweisen. So heißt es an einer Stelle, man wisse nicht, was in einem Brief steht, während sonst häufig Gedanken und Gefühle des Protagonisten sehr genau geschildert werden. In Frankreich gibt es seit einiger Zeit den Begriff ‚biofiction‘, der für dieses ‚Mischwesen‘ zu passen scheint. Weiterlesen „Besprechung: Jean Echenoz, Ravel, 2006.“

Kurzbesprechung: David Pogue/Scott Speck, Klassik für Dummies, 1997.

WILEY VCH WEINHEIM GERMANYIch habe um die Für-Dummies-Reihe lange einen großen Bogen gemacht; Aufmachung und erste Eindrücke beim Hineinblättern haben mich nie angesprochen, außerdem gibt es ja für viele Themenbereiche andere Einführungen, die etwas seriöser daherkommen. Schließlich habe ich es doch gewagt und habe mir die Einführung Klassik für Dummies gekauft und dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist die klassische Musik ein Bereich, von dem ich glaube, dass er unglaublich reich ist und wunderbare Kunstwerke bereithält, der mir aber bisher relativ verschlossen geblieben ist. Natürlich kann man einfach so klassische Musik hören und auf sich wirken lassen, aber wie bei Literatur und bildender Kunst aus vergangenen Zeiten auch ist es doch oft so, dass mit dem Wissen auch die Fähigkeit zum Genuss wächst. Zweitens war es bei meinen bisherigen (nicht sehr ausgeprägten) Versuchen oft so, dass ich zwischen Banalitäten und sehr Eingeweihtem wenig gefunden habe.

Also habe ich den Versuch gewagt und er ist, wie erwartet, zwiespältig verlaufen. Weiterlesen „Kurzbesprechung: David Pogue/Scott Speck, Klassik für Dummies, 1997.“

Literarisches Fundstück: Nationalitäten in Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze

Baske: Volk, das am schnellsten läuft.

Belgier: Man muß die Belgier als mißratene Franzosen bezeichnen; darüber lacht jeder. „Wissen Sie“!

Deutsche: Kein Wunder, daß sie uns geschlagen haben, wir waren nicht vorbereitet! Volk der Träumer (veraltet)

Engländer: Alle reich…

Engländerinnen: Erstaunlich, daß sie so hübsche Kinder haben! Alte Engländerinnen sind immer häßlich.

Franzose: „Es gibt nur einen Franzosen mehr.“ (Herzog von Artois); „Ah wie stolz man doch sein kann, Franzose zu sein, wenn man die Säule betrachtet!“ (Beliebig weiter auszubauen); Das bedeutendste Volk der Welt

Italiener: Allesamt Verräter

Südländer (Die): Allesamt Dichter

Wer sich wundert und weitere Informationen über diese kuriose Sammlung sucht, findet sie beispielsweise hier.

Gefunden in: Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze. Die Albumblätter der Marquise. Katalog der schicken Ideen, aus dem Französischen von Monika Petzenhauser und Cornelia Langendorf, mit einem Vorwort von J. Rudolfo Wilcock, Frankfurt a. M./Leipzig: Insel, 1991 (OA: 1913).

Besprechung: Wolfgang Matz, 1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter, 2007.

23_matz_1857Als einen der ersten Texte meines Lesevorhabens zur literarischen Moderne habe ich mir Wolfgang Matz‘ umfangreiche literaturwissenschaftlich-essayistische Studie 1857 vorgenommen. Der Grund dafür ist ganz einfach: 1857 ist – wenn man denn so will – das Jahr, in dem die literarische Moderne begonnen hat, denn in diesem Jahr erscheinen sowohl Madame Bovary von Gustave Flaubert als auch Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire, zwei der ersten modernen Texte ihres jeweiligen Genres. Außerdem erscheint in diesem Jahr der Nachsommer von Adalbert Stifter, der in dieser Reihung etwas herausfällt. Matz widmet sich in seinem Buch nacheinander den Autoren und ihren Werken, um abschließend einen Blick auf ihren wahrscheinlich einzigen gemeinsamen zeitgenössischen Leser zu werfen. Zunächst beschäftigt er sich in einem einführenden Teil mit der Frage, was die Moderne ausmacht und womit sie beginnt. Darüber, dass dies eine schwierige Frage ist, habe ich bei der Beschreibung des Lesevorhabens schon etwas geschrieben und diese Problematik zeigt sich auch in der Ouvertüre zu Matz‘ Buch, die sich vor allem nichtliterarischen Phänomenen widmet. Weiterlesen „Besprechung: Wolfgang Matz, 1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter, 2007.“