Besprechung: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, 1888.

tmp_29615-41rKr3xOlWL._SX324_BO1_204_203_200_1670469397
Bild der Ausgabe, die zu Hause im Regal steht, die ich auf Reisen leider nicht lesen konnte…

Es gibt diese Werke, bei denen hat man das Gefühl, dass sie eigentlich jeder – außer einem selbst – schon mindestens seit der Schulzeit gelesen hat. Ich glaube fast jeder, außer vielleicht den ganz Belesenen, hat diese Schwächen. Bei mir gehört etwa Brecht dazu, von dem es ja einige klassische Schullektüren gibt, die aber allesamt an mir vorbei gegangen sind (Im Semester zur Exilliteratur lasen wir in der Oberstufe Anna Seghers und Klaus Mann.). Fast genauso schlecht bestellt ist es bei mir um Grass und auch bei Shakespeare habe ich erhebliche Mängel… Aus zwei Gründen finde ich diese Leselücken jedoch gar nicht so schlimm: Erstens liegt ja hoffentlich noch ein langes Leseleben vor mir, in dem ich sie nach und nach füllen kann und zweitens heißt das ja auch, dass, wenn diese Klassiker halten, was sie versprechen, noch viele großartige Lektüren vor mir liegen, die bei Anderen schon im Regal und Gedächtnis verstauben. Das ist doch ganz tröstlich!

Eine dieser bisher ungelesenen Schullektüren, die ich jetzt endlich gelesen habe, ist auch Der Schimmelreiter von Theodor Storm, dem großen norddeutschen Realisten. In diesem Fall haben sich die Erwartungen erfüllt, denn – so viel sei vorweg genommenen – Der Schimmelreiter ist eine wunderbar erzählte und konstruierte Novelle, die den Leser mitnimmt in spannende Konflikte des 18. und 19. Jahrhunderts.

Weiterlesen „Besprechung: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, 1888.“

Literarisches Fundstück: Flann O’Brien & die Buchhandhabung II

 

Erstklassige Handhabung: Jeder Band wird vollendet gehandhabt, vier Blatt pro Stück mit Eselsohren versehen, in nicht weniger als 25 Bänden wird eine geeignete Passage mit Rotstift unterstrichen, und als vergessenes Lesezeichen bekommen alle Bände je eine Flugschrift über Victor Hugo in französischer Sprache. Das kommt dann 2 Pfund 17 Shilling Sixpence. Fünf Prozent Rabatt für Literaturstudenten, Staatsbeamte und Sozialarbeiterinnen.

Weiterlesen „Literarisches Fundstück: Flann O’Brien & die Buchhandhabung II“

Besprechung: Karl May, Winnetou, Band 1-3, 1893.

Karl_May_Winnetou_I_bis_III_001
Cover von 1893 (gemeinfrei)

Die Geschichte, wie ich dazu gekommen bin, diese Bücher zu lesen  (bzw. wieder zu lesen), ist eine etwas andere als sie es bei den meisten von mir gelesenen Büchern ist. Normalerweise lese ich Bücher, die mir in anderen Blogs oder im Feuilleton positiv auffallen, oder Klassiker, die ich sowieso schon lange gelesen haben wollte. Manchmal sind es auch Geschenke, Tipps von anderen Menschen oder Ergebnisse intuitiven Herumsuchens in Buchhandlungen und Antiquariaten bzw. ebenso unsystematischen Herumklickens im Internet. Zu der Lektüre der Winnetou-Bücher hingegen kam es dadurch, dass ich mich zu einer mehrmonatigen Reise aufgemacht habe. Weiterlesen „Besprechung: Karl May, Winnetou, Band 1-3, 1893.“

Literarisches Fundstück: Flann O’Brien & die Buchhandhabung I

Neulich habe ich dem Haus eines frischverheirateten Bekannten einen Besuch abgestattet, und dieser Besuch gab mir zu denken. Mein Bekannter ist sehr vermögend und sehr vulgär. Als er sich drangemacht hatte, Bettstellen, Tische, Stühle und was nicht alles zu kaufen, kam ihm die Idee, auch eine Bibliothek anzuschaffen. Ob er lesen kann, weiß ich nicht, aber irgendeine primitive Beobachtungsgabe sagte ihm, daß die meisten Menschen von Rang und Ansehen jede Menge Bücher im Haus haben. Also kaufte er mehrere Bücherschränke und bezahlte einen schurkigen Mittelsmann dafür, sie mit neuen Büchern aller Art vollzustopfen, darunter einige sehr kostspielige Bände, welche die französische Landschaftsmalerei zum Thema hatten.

Ich bemerkte bei meinem Besuch, daß keins dieser Bücher je geöffnet oder angefaßt worden war, und erwähnte diese Tatsache.

„Wenn ich mich erst mal ein bißchen eingelebt habe“, sagte der Narr, „komme ich auch wieder dazu, etwas Lektüre nachzuholen.“

Und das gab mir zu denken. Warum sollte so ein wohlhabender Mensch sich die Mühe machen und so tun, als läse er überhaupt? Warum sollte da nicht ein professioneller Buchhandhaber auf den Plan treten und seine Bibliothek für Soundsoviel pro Regal angemessen zerzausen? So ein Mensch könnte, die nötige Qualifikation vorausgesetzt, ein Vermögen verdienen.

Gefunden in: Flann O’Brien, Trost und Rat. Die besten Kolumnen aus der „Irish Times“, aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Zürich/Berlin: Kein & Aber, 2011 (OA: 1968), S. 20.

Besprechung: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.

29_zweig_welt_gesternMan könnte an Stefan Zweigs großer Autobiografie Die Welt von Gestern, die 1942 posthum erscheint, nachdem sich der Autor im brasilianischen Exil das Leben genommen hat, bestimmt viel kritisieren. So ist unzweifelhaft, dass Zweig „das goldene Zeitalter der Sicherheit“, die Jahre seiner Kindheit und Jugend vor der 1. Weltkrieg, in hohem Maße idealisiert, was einerseits mit den schrecklichen Dingen zu tun hat, die nach 1914 folgen, und was andererseits auch an der privilegierten gesellschaftlichen Stellung liegt, in die Zweig geboren wurde. Dass es nicht allen so gut ging, reflektiert er zwar am Rande, es gerät bei seinen Rückschauen jedoch sehr in den Hintergrund. Auch Zweigs Faktentreue ist immer wieder kritisiert worden, wobei mir diese Kritik heutiger Leser, die ruhig im Lesesessel sitzen und am Weinglas nippen, immer etwas hochmütig erscheint, wenn man sich die Lebensumstände des Exils vor Augen führt. Außerdem könnte man sich an Zweigs Bescheidenheitsgestus stören, der immer wieder sehr zentral gesetzt wird, aber dann doch etwas aufgesetzt wirkt, wenn man die eine oder andere Schilderung aus seinem Leben liest. All das könnte man kritisieren, aber ich habe gar keine Lust, dieser Kritik zu viel Raum zu geben, denn ich habe vor allem eine herrliche Autobiografie eines großen europäischen Intellektuellen gelesen, der wohl fast jeden zeitgenössischen Autor, Intellektuellen oder Künstler persönlich kannte und mit vielen befreundet war und der außerdem ein großes und spannendes Panorama seiner Zeit entfaltet.

Weiterlesen „Besprechung: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.“

Besprechung: Horst Günther, Das Bücherlesebuch, 1992.

28_bucherlesebuchIch mag diese bibliomanen Bücher über Bücher einfach sehr gerne. Es gibt immer wieder spannende Gedanken und interessante Anregungen: zum Denken und natürlich zum Lesen. Horst Günthers Bücherlesebuch ist genau so ein Buch und sein Untertitel Vom Lesen, Leihen, Sammeln: von Büchern, die man schon hat, und solchen, die man endlich haben will zeigt schon, dass es nicht einfach nur ein ganz normales, seriöses Buch dieser Art ist. Diese Bücher – wie etwa Weidermanns Lichtjahre – lese ich auch gerne, noch lieber sind mir aber Bücher wie Günthers Bücherlesebuch: ein bisschen kurios, etwas unsystematisch, aber voller interessanter Hinweise und Gedanken.

Das Merkwürdige an diesem Bücherlesebuch ist, dass uns der Autor eigentlich nie so richtig verrät, was er schreiben will oder worum es geht. Weiterlesen „Besprechung: Horst Günther, Das Bücherlesebuch, 1992.“