Bemerkung: Bob Dylan und der Literaturnobelpreis

Gleich vorweg: Ich kann nicht bewerten, ob Bob Dylan den Literaturnobelpreis verdient hat oder nicht. Dazu kenne ich sein Werk zu schlecht. Das ging mir aber auch bei den anderen Preisträgern und Preisträgerinnen der letzten Jahre so. Von Swetlana Alexijewitsch habe ich ein Buch ungelesen im Regal stehen, dass ich nach dem Nobelpreis aus der Geschichtsabteilung in die Literaturabteilung verschoben habe (Ich habe aber weiterhin den Verdacht, dass ich es wieder zurückstellen sollte.). Patrick Modiano kannte ich immerhin vom Namen, aber ich bin auch Romanist. Weder von Alice Munro noch von Mo Yan hatte ich vor der Bekanntgabe etwas gehört. Bei Tomas Tranströmer ging es mir genauso und zumindest hier scheine ich in großer Gesellschaft zu sein. Es gibt eben sehr viele lesenswerte Autorinnen und Autoren und noch mehr lesenswerte Bücher: Man kann sie nicht alle kennen, geschweige denn lesen, gerade wenn man auch noch einige große Autorinnen und Autoren aus der Literaturgeschichte kennen lernen möchte.

Wie jedes Jahr gab es auch in diesem Jahr große Diskussionen darüber, ob der Preisträger den Preis verdient hat oder nicht. Immer gibt es diejenigen, die felsenfest der Meinung sind, gerade dieser Autor hätte den Preis nun überhaupt nicht verdient. Andere widersprechen: Die Auszeichnung war an der Zeit, ja überfällig. Wieder andere bringen die Namen Philip Roth und Haruki Murakami ins Spiel, oft ernsthaft, inzwischen aber immer häufiger als running gag. Auch die Kritik, es würden zu viele ‚westliche‘ Autoren ausgezeichnet, wird – wahrscheinlich zurecht – jedes Jahr wiederholt. Literatur ist eben subjektiv und ein weltweit beachteter und begehrter Preis, der jedes Jahr einen Autor oder eine Autorin auszeichnet, kann nur umstritten sein. Soweit das bekannte Spiel, das ja auch seine netten und interessanten Seiten hat. Genau wie bei der niemals endenden Diskussion um den literarischen Kanon gibt es auch hier – auch wenn beide Diskussionen eigentlich sinnlos sind – interessante Aspekte und Argumente, über die man gerne nachdenkt. Und wer dies nicht tut, braucht die Artikel ja nicht zu lesen.

Dieses Jahr aber gab es einen anderen Ton in der Debatte. Klaus Kastberger (Juror des Bachmann-Preises) schrieb in der ZEIT, mit dem Preis werde dieses Jahr „ein Mensch ausgezeichnet, der kein einziges literarisches Werk vorzuweisen hat“. Bob Dylan schreibe: „Keine Lyrik, nirgends. Nur lyrics, überall.“

Auch Sibylle Berg äußerte sich auf Twitter: „die chancen für mich, den Nobelpreis in Physik zu bekommen, haben sich gerade dramatisch erhöht“.

Der Tenor ist klar: Hier ist jemand ‚Artfremdes‘ ausgezeichnet worden. Bob Dylan hat ja nur Lieder und keine Bücher geschrieben. Viele sind entsetzt: Wie kann das sein? Es geht dabei nicht – wie sonst – um die Qualität der Texte, sondern es wird der Vorwurf erhoben, dass die Texte Bob Dylans nicht literarisch seien.

Aber ist das wirklich so? Was unterscheidet Liedtexte grundsätzlich von Gedichten außer der musikalischen Untermalung bei ihrer Darbringung? Beide sind (häufig) in verschiedenen Formen versartig angeordnete Texte. Beide sind (meistens) relativ kurz. Gereimt wird in Liedtexten und Gedichten nur noch teilweise, aber auch das trennt beide nicht.

Historisch betrachtet ist es wohl nicht nötig, auf die uralte mündliche und rituelle Tradition von Gedichten zu verweisen, die wohl auch häufig mit Musik verbunden war. Es reicht weniger weit zurückzuschauen. Schubert hat Gedichte Goethes, Heines und vieler weiterer vertont. Diese Gedichte sind also zu Liedtexten geworden. Sind sie dadurch weniger literarisch geworden? Wären sie weniger literarisch gewesen, wenn die Autoren auch Komponisten gewesen wären und sie gleich selbst vertont hätten? Wohl kaum. Auch die Lieder Brechts werden heutzutage in Gedichtbänden wie selbstverständlich neben anderen seiner Gedichte abgedruckt, die keine musikalische Untermalung bekommen haben. Niemand würde auf die Idee kommen, diese Liedtexte als ‚unliterarisch‘ auszusieben.

Wie zu Anfang gesagt: Ich maße mir kein Urteil darüber an, ob die Texte Bob Dylans des Literaturnobelpreises würdig sind. Aber ich halte es für bedeutend sinnvoller, darüber zu diskutieren, ob dies der Fall ist, als sie von vorneherein auszuschließen, weil sie vertont wurden und als Liedtexte unter die Menschen gebracht wurden. So beschleicht mich nämlich das Gefühl, dass hier auf Umwegen alte Gefechte zwischen ‚E‘ und ‚U‘ wiederaufgenommen werden. Vielleicht kommen einige einfach nicht damit zurecht, dass bestimmte lyrische Texte es eben doch schaffen, mehr Menschen anzusprechen als die berühmte „Enzensbergersche Konstante“…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s