Besprechung: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, 2016.

01_eribonDidier Eribon hat mit Rückkehr nach Reims ein sehr aktuelles (obwohl im Original schon 2009 erschienen), persönliches und politisches Buch verfasst. Es beschreibt, wie der Autor, der während seiner Studienzeit aus der intellektuellen Enge und vor der Homophobie der französischen Provinz nach Paris geflohen ist und dann nach und nach den Kontakt zu seiner der Arbeiterschicht entstammenden Familie abgebrochen hat, im Kontext des Todes seines Vaters zurück nach Reims kommt und dort den abgebrochenen Kontakt, vor allem zu seiner Mutter, wiederaufnimmt. Das Industriearbeitermilieu seiner Herkunft, das sich immer klar der Kommunistischen Partei zuordnete, hat sich verändert und ist inzwischen durch Perspektivlosigkeit, gesellschaftliche Marginalisierung und Rechtsextremismus bzw. durch die Zuordnung zum Front National geprägt. Eribon, inzwischen Philosoph und Soziologe, erzählt sehr eindrucksvoll die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, seiner Abkapselung und Flucht aus diesem Milieu und er beschreibt seine Wahrnehmung der Veränderungen bei seiner Rückkehr.

Im Rückblick auf sein Leben stellt Eribon fest, dass es in der Beschäftigung mit seinem eigenen Hintergrund, die auch seine intellektuelle Karriere sehr geprägt hat, einen interessanten Widerspruch gibt. Während er sich Zeitlebens intensiv mit seiner Homosexualität beschäftigt hat und dies auch der Anstoß für zahlreiche Reflexionen und Publikationen zur Situationen von Schwulen in der Gesellschaft war, hat sich Eribon nie mit seiner Herkunft aus der Arbeiterschicht und der damit einhergehenden Prägung befasst. Er beschreibt ausführlich, wie er – während er lernte, zu seiner Homosexualität zu stehen – versuchte, sich Merkmale seiner sozialen Herkunft abzutrainieren, seien es sprachliche Merkmale oder Interessen. Befördert wurde dieser Widerspruch auch dadurch, dass sein Herkunftsmilieu von struktureller Homophobie durchzogen war, sodass ein Einstehen für seine Sexualität fast zwangsläufig mit einer Distanzierung von diesem Milieu einhergegangen ist.

Die Schilderungen der Entdeckung der eigenen Homosexualität in einem von tiefer Homophobie geprägten Milieu sind ein äußerst spannendes Thema, welches das gesamte Buch durchzieht. Neben der Geheimhaltung und der Abgrenzung gegenüber der Familie, ist es ebenfalls spannend zu lesen, wie der junge Eribon in der französischen Provinzstadt Reims erst langsam versteht, wie er seine schwule Sexualität ausleben kann, etwa indem er zufälligerweise von den Orten hört, an denen man sich kennen lernen kann. Der Ausbruch in das Paris der Studentenbewegung ist dann eine große Befreiung, die es dem Studenten endlich ermöglicht freier zu leben.

Ein weiterer interessanter Aspekt des Buches ist die Beschreibung der Bildungskarriere des Autors. Hier erkennt man klar die durch Bourdieu sensibilisierte Sicht auf die unauffälligen und inoffiziellen „kleinen Unterschiede“, die es bürgerlichen oder Akademikerkindern ermöglichen durch bestimmte Interessen und erworbenes kulturelles Wissen an Stellen zu glänzen, an denen Arbeiterkinder nur staunend (oder ablehnend) zugucken können. Auch die Bildungsentscheidungen (Welche Fremdsprache wird gewählt? Welche Oberschule? Welche Spezialisierung im Abitur? Welcher Studiengang? Welche Universität?) sind immer wieder Trennungspunkte, an denen scheinbar harmlose Entscheidungen, die Möglichkeiten, die ein Heranwachsender hat, stark bestimmen. Eribons Perspektive auf die eigene Bildungskarriere, die dann – unter anderem aus finanziellen Gründen – auch nicht wie gewünscht verlief ist ein äußerst interessanter Einblick in das französische Bildungssystem, von dem sich auch viel auf Deutschland und andere Länder übertragen lässt.

Für mich persönlich der interessanteste – und eben auch aktuellste – Teil von Eribons Buch ist jedoch seine Beobachtung der Veränderung seines Herkunftsmilieus, der französischen Arbeiterschicht in Nord-Ost-Frankreich. In der Nachkriegszeit der trente glorieuses ordnete man sich hier immer klar der Kommunistischen Partei und der ihr nahestehenden Gewerkschaft zu. Arbeiter, die sich in konservativen oder christlichen Gewerkschaften organisierten, galten als Verräter und wurden beschimpft, ebenso wie Politiker anderer Parteien, die auf dem Fernsehbildschirm auftauchten. Dieses Milieu verändert sich jedoch stark und die Beschreibungen Eribons sind gerade in Zeiten von AfD und Pegida für jeden lesens- und bedenkenswert, der hier nach Erklärungen sucht. Eribon sieht letztlich mehrere Ursachen für die Veränderungen. Neben Deindustrialisierung, Prekarisierung und Arbeitslosigkeit werden besonders zwei Ursachen hervorgehoben. Zum einen erklärt der Autor, dass Phänomene wie ein struktureller Rassismus (ebenso wie Homophobie) schon immer zu seiner Familie und ihrem Umfeld gehörten. Dieser wurde jedoch nicht politisch wirksam und auch von den klassischen linken Parteien nur in wenigen Ausnahmefällen politisch funktionalisiert. Hier liegt also ein Fundament, auf dem der Front National aufbauen konnte. Zum anderen sorgt die Präsidentschaft des Sozialisten Mitterrand in den 80er und 90er Jahren nicht für die Verbesserungen in den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, die sich diese erwünscht hatte, und es kommt zu einer Entfremdung zwischen den Arbeiterinnen und Arbeitern und den klassischen linken Parteien, die nicht mehr als die eigene Interessenvertretung, sondern als Teil des regierenden Systems wahrgenommen werden. Dies führt dann zu Politikverdrossenheit und zur Suche nach (Schein-)Alternativen.

Wenn es etwas zu kritisieren gibt an Rückkehr nach Reims, dann sind es einige Redundanzen, die dadurch entstehen, dass der Autor viele Themen in kleinen Kapiteln immer wieder aufnimmt und dabei manches wiederholt, was er schon zuvor geschrieben hat. Davon abgesehen aber ist Rückkehr nach Reims ein hochspannendes Buch, das leider auch in Deutschland eine immer größere Aktualität gewinnt und mit Gewinn zu lesen ist.

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2016 (OA: 2009).

Nachtrag Januar 2017: Gerade ist eine erfahrungsgemäß limitierte, günstige Lizensausgabe bei der Bundeszentale für politische Bildung erschienen.

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2 Kommentare zu „Besprechung: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, 2016.“

  1. Buch habe ich nicht gelesen. Aber viel Gutes darüber gehört. Aber das Interview in der Zeit mit ihm habe ich gelesen. Das hat mir nicht sonderlich gefallen. Sein Vertrauen in den „Internationalismus“ halte ich für naiv. Er versteht nicht, dass Globalisierung nicht gottgegeben ist, sondern ein Produkt politischer Entscheidung. Interessant sein Interview mit der Houellebecq-Rede zum Schirrmacher-Preis zu vergleichen. Gegenüberstellung von Reaktion und Progressivismus…

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    1. Lieber Purpurtraum,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Das Interview mit Eribon in der ZEIT kenne ich nun wiederum nicht, deshalb kann ich dazu nicht viel sagen. So wie ich Eribons philosophischen Hintergrund einschätze, würde ich vermuten, dass er durchaus sieht, dass die Globalisierung auf menschliche Entscheidungen zurückgeht, allerdings auf sehr viele, komplexe und historisch gewachsene politische Entscheidungen, die sich nicht einfach so wieder zurückdrehen lassen, ganz abgesehen von der Frage, ob das erstrebenswert ist und wohin dieses „zurück“ führen soll.
      Die Houellebecq-Rede wiederum habe ich gelesen und halte sie für wirr und problematisch, auch wenn ich die Romane Houellebecqs, die ich kenne, durchaus schätze.

      Herzliche Grüße
      der Bouquineur

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