Besprechung: José Saramago, Die Reise des Elefanten, 2010.

03_saramagoOb dem portugiesischen Nobelpreisträger José Saramago mit Die Reise des Elefanten ein großer Roman gelungen ist, darüber mag man streiten. Aber als mir diese Buch bei einem dieser Büchertauschtische – man bringt ein nicht mehr benötigtes Buch hin und nimmt sich ein anderes mit – in die Hände gefallen ist, war ich sofort interessiert, denn die Geschichte klingt ungewöhnlich und abseitig. Ein indischer Elefant lebt im 16. Jahrhundert am Hof des portugiesischen Königs, dieser wird ihm jedoch überdrüssig und verschenkt ihn an seinen Vetter, Erzherzog Maximilian von Österreich. Der Roman erzählt die Reise dieses Elefanten, von Portugal über die iberische Halbinsel, dann über das Mittelmeer nach Norditalien und von dort über die inzwischen winterlichen Alpen nach Wien. Gelenkt wird der Elefant Salomon dabei von seinem Mahut (einem Elefantenführer) Subhro und begleitet werden beide von wechselnden Soldatengruppen. Ab Valladolid gehört auch der Erzherzog mit seiner Frau zur Reisegesellschaft.

Die Reise bringt zahlreiche Erlebnisse mit sich: Der Weg macht Schwierigkeiten, man begegnet Wölfen, es kommt fast zum Krieg auf der iberischen Halbinsel, Salomon verabschiedet sich rührend ‚menschlich‘ von seinen Begleitern und vollbringt auf der Strecke mehr oder weniger wahre Wunder. Er fährt Schiff, übersteht die Launen des Erzherzogs (der unter anderem ihn in Soliman und seinen Mahut in Fritz umbenennt) und übersteht die Gefahren der Eisackschlucht und des Brennerpasses in den Alpen.

All das klingt ganz nett, aber nicht wirklich fesselnd oder bahnbrechend. Trotzdem ist dieser Roman allemal lesenswert und dafür sorgt die Ausgestaltung des Erzählers. Dieser ist permanent anwesend und kommentiert immer wieder die einzelnen Gedanken und Handlungen der Figuren, wobei er immer wieder auf die Unterschiede zwischen den Menschen des 16. Jahrhunderts und den Menschen von heute verweist. Diese Kommentare sprühen vor Witz und augenzwinkernden Anspielungen und schaffen es tatsächlich, diesen Roman zu einem wunderbaren Leseerlebnis zu machen. Wo der allwissende Erzähler eines Balzac in dröger Weise alles einordnet und moralisierend eingreift, so hat man beim Lesen dieses Romans einfach das Gefühl, dass hier ein Autor auf einen Stoff gestoßen ist, der ihn gereizt hat und den er gerne erzählen möchte. Dabei ist kein großer, welterklärender Gesellschaftsroman entstanden, aber ein angenehmer, kleiner Roman, dessen Erzählung und dessen Erzähler man gerne folgt und dessen Sprachwitz und Ironie einen immer wieder zum Schmunzeln bringen.

José Saramago, Die Reise des Elefanten. Roman, aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis, Hamburg: Hoffmann und Campe, 2010 (OA: 2008).

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