Besprechung: Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten, 2016.

06_bakewellSarah Bakewell hat mit ihrem großartigen Buch über Montaigne schon vor einigen Jahren bewiesen, dass sie philosophische Themen sehr präzise, einfach (aber nicht unterkomplex) und lebensnah präsentieren kann und ihr neues Buch Das Café der Existenzialisten über den französischen Existenzialismus und seine deutschen Vorläufer bestätigt diesen Eindruck: Wieder gelingt Bakewell ein Buch, dass spannend und komplex in diese philosophische und literarische Strömung einführt und dessen besondere Stärke es ist, sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und in ihre Zeit einzuordnen. Für mich ist dieses Buch über den Existenzialismus besonders interessant, da es eine philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts wachruft, die aus dem heutigen Universitätsstudium (zumindest aus meinem) bis auf wenige Klassiker – ich denke an Sartres Der Ekel, de Beauvoirs Das andere Geschlecht und Camus‘ Der Fremde und Die Pest – vollkommen verschwunden ist, die aber einige jahrzehntelang viele Menschen beeinflusst und fasziniert hat. In diese Gedankenwelt einzutauchen ist ein großes intellektuelles Vergnügen.

Das Projekt von Sarah Bakewells Buch ist es, eine philosophische (und auch literarische) Entwicklung darzustellen, die ihre Vorläufer in Kierkegaard und Nietzsche hat, mit Husserls Phänomenologie beginnt und dann über Heideggers Existenzphilosophie in den französischen Existenzialismus Sartres, de Beauvoirs, Merlau-Pontys und Camus‘ führt. Das klingt zwar nach einem gewaltigen Programm und großer Unübersichtlichkeit, der Autorin gelingt es jedoch vorzüglich, ihren Hauptgegenstand zu verfolgen und den Leser oder die Leserin auch nach kleineren Ausflügen in den erweiterten Kontext immer wieder sicher zu dieser Achse zurückzuführen. Dabei versteckt die Autorin auch ihre persönliche Verbundenheit zum Existenzialismus nicht, was der Qualität des Buches aber nicht schadet.

Besonders gefallen haben mir die Kapitel über Simone de Beauvoir und ihr Hauptwerk Das andere Geschlecht und über Maurice Merleau-Ponty und seine Philosophie der Leiblichkeit. Bakewell stellt auf sehr interessante Weise dar, wie de Beauvoirs Werk aus dem Existenzialismus heraus entstanden ist, dass die darin behandelte Frage, wie eine Frau zur Frau „gemacht wird“, aber auch für alle von großem Interesse ist, die mit dieser philosophischen Strömung wenig zu tun haben. Besonders spannend ist für mich de Beauvoirs einfühlsame Betrachtung der verschiedenen kleinen Mechanismen, die in der Kindheit und im Alltag der Frau dafür sorgen, dass sie ihre Rolle annimmt. Auch Merleau-Ponty, dessen Werk mir zuvor weitgehend unbekannt war, widmet sich der Frage, wie Menschen zu den Menschen werden, die sie sind. Er lenkt den Blick dabei auf den Leib des Menschen und auf seine soziale Eingebundenheit, also auf die Tatsache, dass Menschen immer unter anderen Menschen leben. Das liest sich wirklich äußerst eindrucksvoll und hat mir Lust gemacht, mich näher mit dem Denken dieses Philosophen zu beschäftigen. Weniger angesprochen haben mich die ausführlichen Kapitel zu Heidegger. Ich habe das Gefühl, der Grund dafür ist vor allem Heideggers Sprache, die mir bewusst verkomplizierend und mystifizierend vorkommt. Natürlich ist auch seine politische Gesinnung nicht gerade anziehend, aber das gilt beispielsweise auch für einen Louis-Ferdinand Céline, dessen Roman Reise ans Ende der Nacht ich trotzdem sehr schätze. Sehr spannend wiederum sind die Passagen, in denen der Existenzialismus Paris verlässt; so beschreibt Bakewell etwa wie der Existenzialismus in England, den USA oder in Tschechien (dort vor allem auch die Phänomenologie) gelesen wurde und wie sich die antikolonialistische Bewegung der 50er und 60er existenzialistisch inspirierte. Das sind eindrucksvolle Einblicke in den politischen und gesellschaftlichen Kontext, in dem die genannten Philosophen lebten.

Zwei Dinge möchte ich an Bakewells schönem Buch dann doch kritisieren. Zum einen die Schwerpunktsetzung bzw. die sehr eindeutige Verteilung der Sympathie. Grundsätzlich kann natürlich jeder die Schwerpunkte eines Buches so setzen, wie er oder sie es möchte und Bakewell macht dies auch sehr transparent: Sartre und Heidegger bezeichnet sie als die „beiden Giganten dieser Geschichte“ und im Zentrum des Buches steht eindeutig Jean-Paul Sartre, mit Simon de Beauvoir an seiner Seite und Heidegger im Hintergrund. Trotzdem: Wenn in einem fast 450 Seiten starken Buch über den Existentialismus Camus‘ großer Roman Die Pest auf weniger als einer halben Seite abgehandelt wird, dann ist das schon sehr kurz (S. 187). Und auch bei Unstimmigkeiten zwischen Camus auf der einen und Sartre und Beauvoir auf der anderen Seite kann sich die Autorin nicht zu einer ausgewogenen Bewertung durchringen. Selbst wenn Camus sich schon in der direkten Nachkriegszeit strikt gegen staatliche Folter und Todesstrafe ausspricht, kann diese Position nicht anerkannt werden, sondern es wird vor allem versucht die Gegenposition zu verstehen (S. 189f.). Ein ähnliches ‚Schicksal‘ widerfährt Karl Jaspers und Hannah Arendt: Diese gehören sicherlich nicht so sehr wie Camus ins Zentrum eines Buches über den Existenzialismus, es ist aber auch hier schade, dass beide fast ausschließlich zur Kontextualisierung Heideggers herangezogen werden.

Zum anderen hat mich Bakewells Bewertung von Strukturalismus und Poststrukturalismus doch etwas gestört. Die Autorin ist seit ihrer Jugend von Existenzialismus fasziniert, da kann man es sicherlich nachvollziehen, dass der ganz anders gelagerte Strukturalismus ihr fremd ist und nicht auf Begeisterung stößt. Aber – was auch immer man vom Strukturalismus und seinen Nachfolgern hält – die Behauptung, die Strukturalisten „machten die Philosophie erneut zu etwas Abstraktem, zu etwas Leidenschaftslosem ohne praktische Implikationen“ (S. 42), ist einfach falsch. Allein Michel Foucault (der einzige dieser Autoren, den ich etwas besser kenne) schreibt über Psychiatrie, Gefängnisse und Sexualität und hat damit in ganz entscheidender Weise verschiedene soziale Bewegungen der letzten Jahrzehnte mitgeprägt (und bis zum seinem Tod 1984 auch mitgelebt). Ob man diese Art der Philosophie mag oder nicht, leidenschaftslos und ohne praktische Implikationen ist sie nun ganz sicher nicht.

Trotzdem bleibt es dabei: Das Café der Existenzialisten ist eine äußerst anregende Lektüre über eine inzwischen sehr ferne philosophische und literarische Strömung, die bestimmt weitere Lektüren nach sich ziehen wird.

Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails, aus dem Englischen von Rita Seuß, München: C. H. Beck, 2016.

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