Kurzbesprechung: Stefan Zweig, Die unsichtbare Sammlung, 1925/29.

07_zweigWir lieben sie ja alle, diese kleinen, sympathischen Verlage, die mit viel Idealismus spannende und interessante Bücher machen und so die Literaturlandschaft bereichern. Der Elfenbein Verlag, der in einer zweisprachigen Edition die Werke des französischen Renaissance-Dichters Pierre de Ronsard auflegt, ist eines dieser bewundernswerten Beispiele. Ein anderes (kürzlich auf dem Blog Novelero vorgestellt) ist der Verlag Topalian & Milani, der sich „Verlag für schöne Bücher“ nennt und dieses Motto auch zu leben scheint: Seine wunderschöne Neuausgabe zweier Novellen Stefan Zweigs konnte sich mein Studentenportemonnaie dann leider, leider doch nicht leisten, aber ich habe den Anlass genutzt und eine der beiden Erzählungen in einer alten Ausgabe nachgelesen, die bei mir im Regal steht.

Die unsichtbare Sammlung ist eine Novelle Stefan Zweigs, die sich im Kontext der Währungskrise in den 20er Jahren abspielt: Ein alter, inzwischen erblindeter Sammler von Stichen und Autographen aus der sächsischen Provinz bekommt Besuch von einem Berliner Antiquar, der ihm eigentlich einige seiner Stücke abschwatzen will. Der blinde Sammler – der seine Sammlung in- und auswendig kennt – will dem Händler seine Schätze zu zeigen, was seine Frau zunächst verhindert. Die Tochter, die den Antiquar etwas später wieder vom Hotel abholt, erzählt die Geschichte: Durch die schwere Zeit der Inflation reichte die Pension des Vaters nicht mehr aus. So verkauften Frau und Tochter heimlich Stück für Stück aus der Sammlung des Vaters, um die Familie zu ernähren. Sie ersetzten die teuren Originale durch schlechte Kopien oder leere Blätter, sodass der Vater, der die Sammlung trotz seiner Blindheit noch jeden Tag hervorholt, nichts merkt. Nun bittet die Tochter den Antiquar, das traurige Verstellungsspiel mitzuspielen, was er auch tut. Der Sammler führt seine Sammlung vor und wird durch das Interesse und die Anerkennung seines Besuchers so glückstrunken, dass er sich schließlich kaum noch von diesem trennen kann. Am Ende verlässt der Antiquar das Haus und der blinde Sammler winkt ihm vom Fenster aus nach.

Zweig versetzt den Leser in seiner Novelle (zu Beginn durch die für die Novelle klassische Rahmenhandlung eingeleitet) in die äußerst bedrückende Atmosphäre der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen der Währungskrise. Das Motiv des blinden Sammlers, der sich unwissend weiterhin an seiner inzwischen in alle Winde verstreuten Sammlung erfreut, ist so eindrücklich ausgestaltet, dass es auch nach der Lektüre noch lange im Kopf bleibt. Auch die Verzweiflung der beiden Frauen und des Antiquars, der sie unterstützt und in dieser Situation auch noch schauspielernd überzeugen muss, lässt sich sehr gut nachfühlen. Fast sarkastisch wirkt es da, wenn die Erzählung mit dem Ausspruch „Sammler sind glückliche Menschen“ schließt, wobei der Sammler natürlich tatsächlich glücklich ist, da er von seiner wirklichen Situation nichts weiß. Ein kurzer Text über die Kraft der Imagination, der durch seine Dichte und Atmosphäre beeindruckt und nachdenklich stimmt.

Stefan Zweig, „Die unsichtbare Sammlung“, in: Stefan Zweig, Meistererzählungen, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1970 (OA: 1925/29).

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2 Kommentare zu „Kurzbesprechung: Stefan Zweig, Die unsichtbare Sammlung, 1925/29.“

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