Besprechung: Simone de Beauvoir, Ein sanfter Tod, 1964.

10_beauvoirSimone de Beauvoir schreibt in diesem schmalen Büchlein über die letzten Wochen des Lebens ihrer Mutter. Diese kommt mit Ende Siebzig in Paris wegen eines Sturzes ins Krankenhaus, dort wird jedoch schnell ein weitfortgeschrittener Krebs festgestellt, der nicht mehr geheilt werden kann und schließlich zum Tode führt. Ein sanfter Tod beschreibt, wie Simone de Beauvoir und ihre Schwester die Mutter in den letzten Wochen fast ständig begleiten und schließlich beerdigen. Eingestreut sind dabei immer wieder Erinnerungen an das Leben der Mutter und Reflexionen über sie und die Beziehungen zu ihrem Mann, zu ihren Töchtern und zu anderen Menschen. Dabei changiert de Beauvoirs Erzählung zwischen großer emotionaler Nähe und dem Versuch, sich abzugrenzen und bestimmte Dinge nicht zu nah heranzulassen. Gerade am Anfang des Buches war ich doch etwas erstaunt über die Härte und fehlende Emotionalität der Erzählerin, die sich etwa in Sätzen „Und letzten Endes war sie in dem Alter, wo man stirbt.“ zeigt. Diese Haltung bricht jedoch am Ende des ersten Kapitels mit der Beschreibung eines Weinkrampfs, es scheint, als sei der Panzer dieser wenig emotionalen Haltung nicht auf Dauer aufrecht zu erhalten gewesen.

Die Schilderungen aus dem Leben der Mutter zeigen dann, wie schwierig das Verhältnis von Mutter und Tochter zeitlebens gewesen ist. Die Mutter ist ein durchaus komplizierter Charakter, der eine große Unsicherheit und ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis miteinander vereint. Simone de Beauvoir wird schnell selbst ein starker Charakter, der Freiräume und Abgrenzung sucht und mit ihrer sehr freien Lebensweise – sie lebt eine offene Beziehung mit wechselnden Affären, ist bekennende Atheistin und auch politisch sehr exponiert – wiederum eine Provokation für die Mutter und deren Umfeld darstellt. Es ist auf einer Metaebene auch spannend, sich genauer mit dem Blick Simone de Beauvoirs auf das Leben ihrer Mutter zu beschäftigen, der ja der Blick der Autorin von Das andere Geschlecht auf ein Frauenleben in ihrem direkten Umfeld ist. Viele Stellen zeugen von einem großen Verständnis für die Situation dieser Frau, andere wiederum überraschen, etwa wenn die Autorin Verständnis für die Seitensprünge ihres Vaters äußert („Man weiß ja, daß die Gewohnheit das Verlangen eines Mannes tötet.“). Dies kommt einem einerseits unreflektiert vor, ist aber andererseits vielleicht auch als eine Verteidigung des eigenen – freieren – Beziehungsmodells zu lesen.

Im Fokus stehen dann jedoch auf sehr einfühlsame Weise verschiedene Fragen, die wohl letztlich alle Menschen bewegen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, und für die sich mit Sicherheit keine letztgültige Lösung finden lässt. Es geht etwa darum, wie sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern verändert, wenn diese pflegebedürftig werden und irgendwann sterben. Was bedeutet das für die Probleme, die die Kinder vorher mit ihren Eltern hatten – werden sie zurückgestellt, vergessen oder trotzdem ausgefochten? Auch die Frage, wie viel Wahrheit ein Sterbender über seinen eigenen Zustand verträgt, wie viel Wahrheit ihm zusteht, lässt sich kaum endgültig beantworten. Simone de Beauvoir und ihre Schwester entscheiden sich ihrer Mutter den Krebs und ihren baldigen Tod zu verheimlichen – mir persönlich fällt es schwer, das nachzuvollziehen, aber eine emotional so belastende Situation wie diese kann wohl nur verstehen, wer sie selbst erlebt hat. Äußerst interessant – und heute wahrscheinlich von noch größerer Aktualität als vor 50 Jahren – ist die Entscheidung darüber, wo die Medizin möglicherweise zurückstecken muss, wenn es nur noch darum geht, das Leiden zu verlängern und nicht mehr um Besserung oder gar Heilung. Das betrifft jedoch nicht nur die Ärzte, sondern auch die Angehörigen, die vielleicht Grenzen setzen müssen und sich dabei unglaublich schwertun. Außerdem war selbst für eine Pariser Existenzialistin in den 60er Jahren die Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Kirche noch ein großes und schwerwiegendes Thema, wenn es etwa um den Besuch eines Priesters bei der Sterbenden oder um die Gestaltung der Beerdigung geht. Weder die Mutter, noch ihre Töchter haben ein Bedürfnis nach religiöser Begleitung und trotzdem wird dies immer wieder von außen an sie herangetragen, sodass diese Auseinandersetzung auch im Buch einen erstaunlich großen Raum einnimmt.

Simone de Beauvoir ist mit Ein sanfter Tod ein sehr persönliches und bewegendes, aber trotzdem sehr schlichtes Buch über ein schwieriges Thema im Leben vieler Menschen gelungen, das heute noch genauso aktuell ist, wie bei seiner Veröffentlichung.

Simone de Beauvoir, Ein sanfter Tod, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009 (OA: 1964).

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