Besprechung: Colin Crouch, Postdemokratie, 2003.

11_crouchObwohl Colin Crouch nicht der Erfinder des Wortes Postdemokratie ist, ist dieser Begriff doch mit dem Erscheinen seines gleichnamigen Essays im Jahr 2003 in die politische Debattenlandschaft eingezogen und wird inzwischen häufig verwendet, um Krisenphänomene westlicher Demokratien zu beschreiben.

Gleich vorweg, da es sich hier um ein sehr emotionales Thema handelt: Ich halte Postdemokratie für ein sehr lesenswertes Buch, das wichtige Probleme anspricht und den Finger in manche Wunde legt. Man muss sich bei der Lektüre jedoch über den Charakter des Buches im Klaren sein. Postdemokratie ist ein polemisches Buch, es möchte aufrütteln, Debatten anregen und in das politische Geschehen eingreifen. Außerdem schreibt der Autor selbst, dass es sich bei seinem Buch um eine „Übertreibung“ handelt (S. 10): Crouch sieht bestimmte besorgniserregende Tendenzen in der Politik und vor allem in der Verquickung von Politik und Wirtschaft, die er beschreibt. Das heißt jedoch nicht, dass es nur noch diese Tendenzen gibt, dass von der Demokratie nichts mehr übrig ist. Die Befürchtung Crouchs ist es jedoch, dass sich diese Tendenzen verstärken – und es lassen sich in der Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 zumindest Anhaltspunkte dafür finden, dass er recht hat. Crouch hat zu diesem Thema auch noch zwei andere Bücher geschrieben (Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus von 2011 und Die bezifferte Welt von 2015), die er als Fortsetzungen von Postdemokratie begreift, die ich jedoch noch nicht gelesen habe. Aus dieser Anlage des Buches und aus seiner relativen Kürze (ca. 160 Seiten) heraus lässt sich auch verstehen, dass Crouch nicht auf jedes Detail eingeht und manches Argument nicht zur Gänze befriedigend ausführt. Das kann man durchaus kritisieren, ich konnte dem Buch jedoch trotzdem spannende und informative Seiten abgewinnen.

Man könnte sagen, dass Crouch von einem Moment aus, den er als den „Augenblick der Demokratie“ betrachtet und den er im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts datiert, eine Verfallsgeschichte schreibt. Er beschreibt, wie, unter anderem ausgelöst durch die Ölkrise, eine eher sozialdemokratische und keynesianische Wirtschaftspolitik abgelöst wird von einer neuen liberalen Wirtschaftspolitik, die dem freien Markt weniger Grenzen setzt, gleichzeitig aber für neue Verquickungen zwischen Staat und Wirtschaft steht (Natürlich sind die beiden Begriffe ‚sozialdemokratisch‘ und ‚liberal‘ hier nicht parteipolitisch gemeint – für die frühere Zeit steht etwa Ludwig Erhard und für die spätere Gerhard Schröder oder Tony Blair – es geht hier eher um eine Geisteshaltung.).

Die Tendenzen, die Crouch beschreibt, sieht er erstens im Fallen von Beschränkungen des Marktes, die bis dahin gegolten haben. Er sieht sie aber zweitens auch in der Ausdehnung von Marktmechanismen über dessen traditionellen Bereich hinaus, etwa in den Bereich des öffentlichen Dienstes, der Bildung, der Forschung und der Universitäten. Das waren Bereiche, in denen man traditionell andere Logiken als die des Marktes am Werke sah, was sich nun jedoch mehr und mehr auflöst. So finanzieren heutzutage etwa Pharmaunternehmen universitäre medizinische Forschung – die Frage, ob dann am Ende immer noch genauso streng geprüft wird, ob ein neues Medikament wirklich notwendig ist, ist zumindest bedenkenswert… Darüber hinaus sieht Crouch auch Veränderungen bei der Zusammensetzung sozialer Gruppen, bei den Parteien und in der Medienlandschaft.

Das Hauptproblem für die Demokratie sieht Crouch darin, dass die Einflussmöglichkeiten verschiedener Bürger auf die Politik ihres Gemeinwesens unterschiedlicher werden, und dafür sieht er mehrere Gründe. Einerseits entstehe durch Veränderungen im Bildungssystem und in der politischen Kommunikation bzw. Berichterstattung eine größere Distanz zwischen den einfachen Bürgerinnen und Bürgern und der Politik. Während früher politische Stimmungen der Stammwählerschaft über verschiedene Ebenen der Parteien aggregiert wurden, werden heute Meinungsforschungsinstitute und Spin-Doktoren damit beauftragt, die Bevölkerung zu analysieren und ein Programm zu entwickeln, welches eine Partei dann vielversprechend an die Wählerinnen und Wähler verkaufen kann. Andererseits jedoch nähmen die Einflussmöglichkeiten großer Unternehmen jedoch immer weiter zu, da sie durch angedrohte Standortverlagerungen etwa Druck erzeugen können und da sie große finanzielle Mittel haben, um die öffentliche Meinung zu steuern, bestimmte Expertisen zu erstellen und im Zweifelsfall auch zu Mitteln der Korruption zu greifen. Beide Teile kommen dann zusammen, wenn es darum geht, dass bestimmte Eliten (die von außen nicht sonderlich zugänglich sind) über die politischen Geschicke eines Landes entscheiden. Bei diesen Eliten handelt es sich um Spitzenpolitiker, Lobbyisten, Experten und Spitzenmanager aus der Wirtschaft. Der Kern des Postdemokratie-Arguments ist es dann, dass die demokratischen Verfahren zwar weiter eingehalten werden (es wird regelmäßig gewählt, die Regierungen wechseln, die Gewaltenteilung bleibt erhalten, usw.), dass sie jedoch letztlich keinen Effekt mehr haben, da die Eliten, die Entscheidungen treffen, strukturell und personell erhalten bleiben und sich in ihren Entscheidungen immer weniger von der Bevölkerung abhängig machen.

Crouch zeichnet ein provokatives und – wie er selbst sagt – übertriebenes Bild unserer Gesellschaft, das jedoch zum Nachdenken anregt – gerade in Zeiten, in denen Politikverdrossenheit unheimliche und schreckliche Konsequenzen in Deutschland aber auch in anderen Ländern hat. Crouch gelingt es manchen Gedanken zu hinterfragen, der inzwischen selbstverständlich geworden ist, und schreibt dabei in einem Stil, der auch Menschen zugänglich ist, die sich bisher vor politiktheoretischen Büchern eher gedrückt haben.

Eine klare Leseempfehlung für ein Buch, an dem man sich reiben kann, das jedoch auch die Augen öffnet für manches Problem unserer Gesellschaft.

Colin Crouch, Postdemokratie, aus dem Englischen von Nikolaus Gramm, Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung* (Suhrkamp Verlag), 2008 (OA: 2003).

*Wer diese fantastische Quelle für hochwertige und verlässliche politische, gesellschaftliche und historische Information und für günstige Lizenzausgaben noch nicht kennt, dem sei sie wärmstens ans Herz gelegt.

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