Besprechung: Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, 1951.

12_powellSeit dem Urteil zur VG Wort sind die kleinen Verlage mal wieder in aller Munde: Leider geht es dieses Mal nicht um die tolle Arbeit oder Kreativität der Verlage, sondern um die finanziellen – möglicherweise existenzbedrohenden – Schwierigkeiten, die dieses Urteil für sie bedeutet. Die Bloggerszene hat sich unter dem Hashtag #wereadindie versammelt und verschiedene Beiträge zum Thema der kleinen, unabhängigen Verlage veröffentlicht. Während man sich bei 54books über die rechtlichen Hintergründe informieren kann, schreibt der Kaffeehaussitzer einen emotionalen Beitrag dazu, warum Verlage eben nicht einfach nur Verwerter sind. Literaturen und Schöne Seiten versammeln ihre zehn Lieblingsbücher von unabhängigen Verlagen.

So groß angelegt ist dieser Beitrag hier nicht, mir geht es einfach nur darum, meine letzte Lektüre vorzustellen und zu besprechen. Dabei handelt es sich um ein wunderbares Buch aus einem unabhängigen Verlag und zwar um Eine Frage der Erziehung, den ersten Teil des Romanzyklus Ein Tanz zur Musik der Zeit von Anthony Powell, welcher im Elfenbein Verlag erscheint. Dieses editorische Projekt ist einerseits ein typisches, andererseits ein untypisches Beispiel für ein Buch (bzw. mehrere Bücher) aus einem kleinen Verlag. So verbindet man mit diesen Verlagen doch meistens literarische Debuts (und weitere Werke) junger, unbekannter Autoren, die hier aus Wagemut und Überzeugung die Möglichkeit bekommen, ihre Bücher zu veröffentlichen. Ein Tanz zur Musik der Zeit hat nun fast schon Klassikerstatus, allerdings handelt es sich um einen Klassiker, der nie vollständig auf Deutsch übersetzt wurde. Dass dies nun endlich doch geschieht, dafür sorgt der Elfenbein Verlag aus Berlin. Und damit ist es dann eben doch irgendwie typisch für einen kleinen, unabhängigen Verlag: ein mutiges Projekt, zu dem viel Überzeugung gehört. (Dass natürlich nicht nur junge Debuts bei unabhängigen Verlagen erscheinen, zeigt etwa die schon einmal erwähnte Ronsard-Ausgabe des Elfenbein Verlags.)

Eine Frage der Erziehung ist wie erwähnt der erste Band dieses zwölfbändigen Zyklus‘. Es beginnt die Lebensgeschichte von Nicholas Jenkins, eines jungen englischen Mannes aus der Oberschicht, der zunächst seine letzten Schuljahre in einem englischen Internat und dann noch einige Wochen in Frankreich verbringt, ehe er sein Studium an der Universität beginnt. Damit ist die Handlung des Romans schon relativ umfassend zusammengefasst. Natürlich passieren noch andere Kleinigkeiten – Jenkins erlebt manchen Streich an der Schule, meint sich zu verlieben und erlebt sogar einen Autounfall –, aber trotz allem passiert nicht viel. Das stört bei der Lektüre jedoch, ganz getreu dem Diktum Harry Rowohlts, wer Handlung wolle, solle zum Catchen gehen, überhaupt nicht.

Eine Frage der Erziehung ist ein faszinierender Roman, der den Leser mit einem unglaublich detailverliebten Gespür für Menschen, ihre Charakterzüge und Eigenarten sowie das soziale Miteinander ganz langsam in eine Welt einführt, die man so zuvor noch nicht gekannt hat. Diese Welt einer Oberschicht, deren Zusammensetzung sich – wie Heinz Feldmann im Nachwort erläutert – in den letzten 150 Jahren kaum verändert hat, wird hier behutsam und in zahlreichen kleinen und größeren Szenen aufgebaut. Dabei geht es jedoch nicht um eine Glorifizierung des Milieus im Stile eines billigen Adelsromans, so werden die Schwächen der handelnden Personen und die Zwänge, denen sie unterliegen durchaus aufgezeigt. Die Schilderungen Powells sind derartig genau und detailreich und lassen den Leser so direkt in die Szenen eintauchen, dass Eine Frage der Erziehung seinen Leser trotz der oben erwähnten Handlungsarmut absolut in den Bann schlägt. Dazu trägt zweifelsohne auch die präzise und elegante Sprache Powells bei, die man mit großer Freude liest und die dafür sorgt, dass das Buch am Ende voll ist mit Anstreichungen treffender, witziger oder herrlicher Formulierungen. So werden schon auf der zweiten Seite Gebäude als „Experimente in architektonischer Bedeutungslosigkeit“ bezeichnet und das Urteil über den Onkel Jenkins‘ lautet: „Aus Gewohnheit weigerte er sich auch zu glauben, dass veränderte Umstände die Dinge beeinflussen könnten, über die er sich schon eine feste Meinung gebildet hatte.“

Ich habe Eine Frage der Erziehung sehr gerne gelesen und mich dabei vor allem an der Sprache Anthony Powells ergötzt, sodass ich mich schon auf die baldige Lektüre des zweiten Bands des Zyklus‘ Tendenz: steigend freue.

Anthony Powell, Ein Tanz zur Musik der Zeit, Bd. 1: Eine Frage der Erziehung, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Heinz Feldmann, Berlin: Elfenbein Verlag, 2015 (OA: 1951).

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3 Kommentare zu „Besprechung: Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, 1951.“

  1. Sehr interessante Rezension, gerade weil das Werk nur sehr selten rezensiert wird. Ich habe diesen Zyklus schon lange auf dem Radar, aber leider hat der Verlag meine Rezensionsanfrage mit Schweigen gewürdigt, so dass ich noch nicht das Vergnügen hatte, es zu lesen und zu besprechen. Deine Rezension hat mir noch mehr Lust drauf gemacht.

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    1. Lieber Frank, vielen Dank für deinen Kommentar. Mir geht es genauso wie dir, dass dieser Zyklus eine große Faszination ausübt und jetzt hab ich auch Lust, da weiter zu lesen. Wie es mit Rezensionsexemplaren oder Ähnlichem aussieht, das kann ich gar nicht sagen. Ich hab das Buch ganz klassisch im Buchladen gekauft.

      Herzliche Grüße
      der Bouquineur

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