Besprechung: Victor Klemperer, Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919.

13_klempererVictor Klemperer kennt man heute vor allem als Chronisten und Analysten des Nationalsozialismus. LTI. Notizbuch eines Philologen, seine Analyse der Sprache des dritten Reiches, und seine Tagebücher dieser Zeit, die unter dem Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten erschienen sind, gelten heute als wichtige und hellsichtige zeitgenössische Analysen des Nationalsozialismus. Im letzten Jahr nun ist mit Man möchte immer weinen und lachen in einem ein weiteres Werk Klemperers erschienen, in dem er als Zeitzeuge und Chronist berichtet, dieses Mal jedoch über die Revolution 1918/1919, genauer über die Entwicklungen der Räterepublik in Bayern. Klemperer kehrt nach dem Krieg als Privatdozent für Romanistik an die Universität München zurück, um dort eine Art universitären Sonderbetrieb für Kriegsheimkehrer aufzubauen, und ist somit ‚live vor Ort‘ als sich die Ereignisse überschlagen. Äußerst interessant an diesem Buch ist seine Doppelung der Perspektiven: Klemperer schreibt einerseits als Journalist für die Leipziger Neuesten Nachrichten und berichtet sozusagen direkt und tagesaktuell von den Ereignissen in München. Andererseits werden im Wechsel dazu Erinnerungen Klemperers an diese Zeit abgedruckt, die er 1942 verfasst. Diese Doppelung sorgt zwar an einigen Stellen für inhaltliche Redundanzen, sie führt jedoch vor allem dazu, dass die direkte politische Berichterstattung durch eine zeitlich entferntere, reflektiertere, persönlichere Ebene ergänzt wird.

Politisch ordnet sich Klemperer in einem Feld, auf welchem sich gerade reaktionäre Freikorps und Kommunisten, die die Revolution weiter zur Rätedemokratie bzw. zur Diktatur des Proletariats führen wollen, bekriegen, dem Liberalismus zu. Diesen bezeichnet er als die „reine, die allein europäisierende Lehre. Man muß sich zu ihr bekennen, auch da und gerade da, wo sie im Augenblick machtlos und mißachtet ist“. (Eine beeindruckende Positionierung, die vor den heutigen Entwicklungen in Europa und Amerika wieder aktuell zu werden scheint.) Die Leipziger Neuesten Nachrichten, für die er seine Reportagen verfasst, bezeichnet er als „reaktionäres Gewebe“ und zeigt sich verwundert darüber, dass seine eher mittlere Position – die etwa auch positive Züge an dem ermordeten USPD-Mann Eisner aufzeigt – dort so einfach gedruckt wird. Trotzdem ist von Anfang an klar, dass er den Entwicklungen in Bayern äußerst kritisch gegenübersteht. Einer der Punkte, den er dabei immer wieder erwähnt, ist die Tatsache, dass die Köpfe der Revolution allesamt eher der „Bohème“ als der Arbeiterschaft zuzuordnen sind und noch dazu nicht aus Bayern kommen und das obwohl die Bayern doch sonst alles, was aus dem Norden kommt, ablehnen (auch diese heftige Ablehnung gegen „Berlin“ und die „Preißen“ erinnert an gewisse heutige bayerische Landesfürsten…). Wunderbar ist in diesem Kontext die Erwähnung einer Karikatur, die Erich Mühsam beim Maniküren zeigt und die den Untertitel „Maniküren sie mir Schwielen an die Hände, ich bin jetzt Arbeiterrat!“ trägt. Auch Kurt Eisner, der später ermordete bayerische Ministerpräsident wird mit den (bejubelten) Worten zitiert: „… ich bin ein Phantast, ein Schwärmer, ein Dichter!“

Ein weiterer erschreckender Kernbestandteil der Berichte ist der Antisemitismus, der dem gebürtigen Juden Klemperer immer wieder begegnet. Natürlich weiß man, dass der Antisemitismus keine Erfindung der Nationalsozialisten war, sondern in der Weimarer Zeit auf fruchtbaren Boden fiel (Wirklich sehr empfehlen kann ich in diesem Kontext Hannah Arendts Ausführungen zum Antisemitismus in ihrem großen Buch über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.), aber wie dominant und wie alltäglich antisemitische Äußerungen in der von Klemperer beschriebenen Zeit sind, ist doch auf negative Weise beeindruckend. So äußert eine englische „Frau Geheimrat“ – anscheinend eine Feministin und Internationalistin erster Stunde – gegenüber Klemperer und seiner Frau, weder die Engländer, noch die Franzosen oder die Deutschen hätten den Krieg gewollt, „nein niemand habe dieses Morden auf dem Gewissen außer ganz allein die Juden, denen allein er Gewinn gebracht habe“. Und in seinem Artikel vom 9. April schreibt Klemperer: „Ich glaube, wenn man einen echten Spartakus fragt, ob Noske ein Preuß oder ein Jud sei, antwortet er: ‚Beides.‘ Und fragen Sie einen Münchener Kleinbürger ob Levien Jud oder Preuß sei, so bekommen Sie die gleiche Antwort: ‚Beides‘. Und übrigens stimmt es beidemal nicht.“ Der Antisemitismus ist hier also auf rechter und linker Seite und auch in einer eher liberalen Position salonfähig.

Im Mittelpunkt des Buches steht jedoch die Beobachtung der revolutionären Ereignisse in München. Neben seiner Beobachtungsgabe ist Klemperers herausragende Eigenschaft in diesem Kontext seine Neugier und Offenheit für Andersdenkende. So lässt er sich beispielsweise auf Gespräche mit seinen (kommunistischen und reaktionären) Studierenden ein, um diese besser zu verstehen und geht auf verschiedene politische Versammlungen, um sich mit den jeweiligen Positionen aufeinanderzusetzen und die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Doch nach relativ unverfänglichen Anfängen spitzt sich die Lage immer mehr zu: Pressezensur, Chaos in der Räteregierung, Verzweiflung und Hunger prägen den Alltag, es kommt sogar zu politischen Verhaftungen und Mord. Klemperer hält jedoch auch fest, dass in der „Bourgeoispresse“ auch „Schauergeschichten“ über die „Kommunisierung der Bürgerfrauen und -mädchen“ kursierten, an denen „kein wahres Wort“ sei. Schließlich kommt es zur Befreiung der Stadt durch bayerische, preußische und württembergische Truppen, für kurze Zeit vergessen die Münchener, dass von Norden nichts Gutes kommen kann, nur einige Kommunikationsprobleme bleiben: „in München sei’s viel schöner, als sie jegloobt hätten, nicht ein bißchen feindlich bejejne ihnen die Bevölkerung – im Jejenteil!“ – „Woas hat er g’sagt?“. Doch so fröhlich bleibt die Stimmung nicht lange: Ein harter Kern der Räterepublik kann in der Stadtmitte noch relativ lange Widerstand leisten, es kommt zu blutigen Gefechten und auch die ‚Befreier‘ sind für manche Brutalität verantwortlich. Letztlich kann keine der Parteien wirklich überzeugen und die Freikorps unter Franz von Epp – einem späteren Nazifunktionär – gewinnen an Einfluss.

Neben all diesen politischen und gesellschaftlichen Berichten, gibt Klemperer als Romanist an der Münchener Universität auch interessante Einblicke in das universitäre Leben der Zeit. Auch hier spielt natürlich die Politik eine große Rolle, aber auch die Arbeitsbedingungen, die Lehre und die Beschäftigungsverhältnisse werden immer mal wieder zum Thema. Selbstverständlich – wie sollte es anders sein – war damals schon die nächste Generation die dümmere…

Abschließend sei noch die Ausstattung des Buches hervorgehoben. Zunächst gibt es ein kurzes Vorwort, welches zwar durchaus einführenden Charakter hat, trotzdem beschleicht mich hier doch das Gefühl, dass man die Ausgabe mit dem großen Namen Christopher Clark schmücken wollte. Außer diesem Vorwort verfügt die Ausgabe jedoch über einen äußerst informativen Anhang, der neben einem Stellenkommentar, einer Zeittafel zum Leben und Wirken Victor Klemperers und einem Personenverzeichnis – die allesamt die Orientierung beim Lesen und die Verwendung des Buches sehr erleichtern – auch einen interessanten Essay von Wolfram Wette zur Revolution von 1918/1919 enthält.

Man möchte immer weinen und lachen in einem ist der Bericht einer interessanten und reflektierten zeitgenössischen Stimme, welche die Verhältnisse 1918/19 in München auf spannende Weise beschreibt. Eine Leseempfehlung für jeden, der sich für die Weimarer Zeit und die deutsche Geschichte interessiert.

Victor Klemperer, Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919, mit einem Vorwort von Christopher Clark und einem historischen Essay von Wolfram Wetter, Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politischen Bildung (Aufbau Verlag), 2016 (OA: 2015).

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