Literarisches Fundstück: Baudelaire & Sainte-Beuve

Baudelaire, der von einem Freudenmädchen herunterkommt, trifft auf der Treppe Sainte-Beuve. Baudelaire: „Aha ich weiß, wohin sie gehen!“ Sainte-Beuve: „Und ich, wo Sie herkommen! Aber wissen Sie, ich gehe lieber zum Plaudern.“ Gehen in ein Café. Sainte-Beuve: „Sehen Sie, was mich an den Philosophen so abstößt, an Cousin und den anderen, was sie mir zuwider macht, ist, daß sie immerfort von der Untersterblichkeit der Seele und dem lieben Gott reden. Sie wissen sehr wohl, daß es weder die Untersterblichkeit der Seele gibt, noch einen lieben Gott. Das ist unehrenhaft!“ Und daran anschließend eine Tirade über den Atheismus – dagegen die unverschämteste Philosophie des 18. Jahrhunderts: vom Johannistag – erregt, aufbrausend, Gott in Stücke reißend, daß im Café alle Dominopartien zum Stillstand kommen, der gleiche Sainte-Beuve, der aus Bernis einen Quasi-Kirchenvater gemacht hat!

Gefunden in: Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, vollständige Ausgabe in 11 Bänden nebst einem Beibuch, Bd. 1: 1851–1857, aus dem Französischen von Petra-Susanne Räbel, Leipzig: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, 2013, S. 465.

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