Besprechung: Volker Weidermann, Lichtjahre, 2006.

Mit Lichtjahre15_weidermann schreibt Volker Weidermann seine Literaturgeschichte der Nachkriegsliteratur in 135 Miniaturen über Autoren und Autorinnen der Zeit. Dabei beginnt er mit den Manns und endet mit Christian Kracht. Eigentlich trifft es das Wort Literaturgeschichte nicht ganz, denn es geht über weite Strecken eher weniger um Literatur, sondern um die Literaten, die diese hervorbringen. Ihre Texte treten dabei oft in den Hintergrund. Aber das muss nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sein, denn man lernt bei der Lektüre viel über die Zeit sowie über die Menschen und Umstände, die nach 1945 für die deutschsprachige Literatur wichtig waren. Dabei werden die einzelnen Porträts nicht einfach nur aneinandergereiht, sondern es wird oft auch eine Kontextualisierung vorgenommen, die einen Autor oder eine Autorin oder ein literarisches oder gesellschaftliches Phänomen in seine Zeit einordnet. Dazu dienen auch die Gruppierungen der Porträts in Kapitel, die mal mehr und mal weniger überzeugen, die aber oft bestimmte Konstellationen aufzeigen. Spannend zu sehen ist beispielsweise, dass die beiden Autoren, die jeweils alleine in einem Kapitel stehen – es handelt sich um Elias Canetti und W. G. Sebald –, tatsächlich schwer mit anderen Autorinnen oder Autoren zu vergleichen sind.

Lichtjahre ist ein sehr subjektives Buch, aber auch das ist nicht schlecht. So heißt es über Rolf Dieter Brinkmann „Unser Poet. Mein Poet.“ und über Christa Wolf „Ich mag die Bücher nicht“. Von einer journalistischen Literaturgeschichte erwarte ich genau das: persönliche und klare Urteile über Bücher und Autorinnen und Autoren, keine wissenschaftliche Einordnung und Analyse. Dafür gibt es andere Bücher. Dass man mit diesen Urteilen nicht immer einer Meinung ist, liegt in der Natur der Sache. Es macht ja manchmal auch gerade Spaß, sich an diesen Urteilen zu reiben und zu überlegen, warum man nicht mit ihnen übereinstimmt. Teilweise fallen die Urteile jedoch sehr harsch, fast brutal aus. So wird etwa in harten Worten das Pathos von Wolfgang Borchert verurteilt. Es geht hier um einen jungen Mann der 1947 im Alter von 26 Jahren stirbt – in den Jahren zuvor hatte er wahrscheinlich nicht allzu viel Zeit sich das literarische Ideal der Schlichtheit anzueignen, das Weidermann so schätzt. Da hätte etwas mehr Feingefühl nicht geschadet. Überhaupt ist die Schlichtheit absolut zentral für ein positives Urteil von Weidermann. Wer wie der junge Koeppen „zu viel zwischen den Zeilen“ dichtet, „wo ein nackter Bericht dem dramatischen Ereignis angemessener gewesen wäre“, der kann nicht mit viel Gnade rechnen. Aber das gehört eben zu den subjektiven Urteilsmaßstäben, auf die man sich einlassen muss. Ein anderer dieser Maßstäbe ist, dass ein Buch „wahr“ ist, dies gilt etwa für Gert Ledig. Da ist dann doch etwas unklar, warum Literatur wahr sein muss (Ist Goethes Faust wahr? Oder ist der Don Quijote wahr?) und was Wahrheit in diesem Zusammenhang überhaupt meint.

Und natürlich schreibt Weidermann auch – wie es für solch einen subjektiven Kanon absolut notwendig ist – Autorinnen und Autoren in diesen Kanon hinein, die alle andere sträflich vernachlässigt haben. So sind allein die Ausführungen darüber, wie vergessen Gert Ledig ist und wo er überall nicht genannt wird länger als die gesamten Porträts von Peter Weiss oder Heiner Müller. Das kann man mit einer gewissen Belustigung zur Kenntnis nehmen, man kann es aber auch einfach interessant finden, etwas über Gert Ledig und die Literaturgeschichtsschreibung zu erfahren.

Aber all das klingt jetzt recht kritisch und so als hätte ich Weidermanns Lichtjahre nicht gerne gelesen, doch das stimmt nicht. Auch wenn ich Weidermann in einigen Fällen nicht zustimme, hat es mir großen Spaß gemacht, mich an seinen Lichtjahren zu reiben und seine Subjektivität ist ja letztlich auch das, was interessante Leseempfehlungen erst möglich macht. Außerdem sind auch viele andere Bücher über Bücher subjektiv, sie geben es nur nicht so offen zu wie Weidermann.

Trotz der geäußerten Kritik ist Lichtjahre ist also einfach ein spannendes Buch über die deutschsprachige Literatur seit dem Zweiten Weltkrieg, in dem man hier viel über die Zeit und ihre Literatur lernen kann. So etwa über Alfred Anderschs Versuch, „Tabula rasa“ zu machen und die neue deutsche Literatur ohne die Emigranten aufzubauen. Und über Rolf Hochhuths Kämpfe bei der Thematisierung der Verwicklungen des Papstes mit dem Nationalsozialismus. Oder darüber, wie es W. G. Sebald in Klagenfurt ergangen ist. Darüber hinaus Weidermann erzählt auch die eine oder andere nette Anekdote: Zum Beispiel von Wolf Wondratschek, der sich weigerte seine Fragen zu lesen, weil die erste Frage nicht mit dem ersten Satz von Becketts Murphy mithalten konnte.

Das wichtigste an Lichtjahre ist jedoch natürlich, dass die Miniaturen Lust machen zu lesen. Und das ist der Fall! In Lichtjahre stößt man immer wieder auf Einladungen, Bücher zu lesen, die man kaum ausschlagen kann. Dazu gehören bestimmte große Namen – fast Klassiker –, die man, also ich, endlich lesen möchte. Etwa Malina von Ingeborg Bachmann, die Jahrestage von Uwe Johnson und die dreibändige Autobiographie von Elias Canetti. Gleiches gilt auch für Dürrenmatt. Ich habe sehr früh in der Schule Der Richter und sein Henker gelesen und es hat bei mir, wie es manchmal mit Schullektüren ist, keinerlei Interesse geweckt, jemals wieder etwas von Dürrenmatt zu lesen. Das Porträt in Lichtjahre hat mir jedoch große Lust gemacht, es doch noch einmal zu versuchen.

Aber dazu gehören auch, (mir) vollkommen unbekannte Autorinnen und Autoren. Kurt Kusenbergs Wein auf Lebenszeit und Hermann Burgers Schilten klingen bei Weidermann nach wunderbar abseitigen und skurrilen Texten, die ich unbedingt lesen möchte.

Mit Lichtjahre Weidermann schreibt seinen Kanon der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Der ist notwendigerweise kontrovers und subjektiv und man wird nicht jedem Urteil zustimmen. Trotzdem gelingt Weidermann eine gut lesbare Darstellung der Literatur, die bestimmt viele weitere Lektüren nach sich ziehen wird.

Volker Weidermann, Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006.

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