Besprechung: Jonathan Safran Foer, Alles ist erleuchtet, 2002.

17_foerGerade ist der neue Roman von Jonathan Safran Foer erschienen und ich wollte das zum Anlass nehmen, endlich mal seinen ersten Roman Alles ist erleuchtet zu lesen. Ob in Literaturblogs, Feuilletons oder anderswo: Viele von mir geschätzte Personen sind Freunde der Romane von Foer. Dementsprechend war meine Vorfreude groß. Aber nach der Lektüre muss ich sagen, so wirklich überzeugen konnte mich der Roman nicht. Das heißt nicht, dass Alles ist erleuchtet schlecht ist, aber etwas enttäuscht war ich doch.

Eigentlich hat Alles ist erleuchtet vieles, was ich mag, viele Eigenschaften, die ich an einem Roman schätze. So gibt es eine komplexe Gestaltung der Erzählung, mit verschiedenen zeitlichen Ebenen, Erzählern und Arten der Erzählung. Da ist zum einen das, was wohl die Haupthandlung ausmacht: Der jüdische Autor Jonathan Safran Foer kommt aus den USA in die Ukraine, um dort die Spuren seiner Familie zu suchen. Vor allem geht es ihm um den Ort, aus dem seine Familie stammt, und um die Frau, die seinem Großvater zur Flucht verholfen hat. Bei dieser Suche greift er auf die Hilfe eines spezialisierten Reiseveranstalters „Heritage Touring“ zurück, wobei er das Pech hat, dass ihm dieser Reiseveranstalter zwei weniger spezialisierte Reisebegleiter zur Verfügung stellt: Alex, den Ich-Erzähler dieses Teils der Romanhandlung, als Übersetzer und seinen Großvater als Fahrer und Fremdenführer. Dieses ungleiche Trio macht sich mit dem Hund Sammy Davis jr. jr. auf die Suche nach Trachimbrod, dem Herkunftsort von Jonathans Familie. Die zweite Erzählebene wird von dem besagten Autor Jonathan Safran Foer erzählt und hier geht es um die Vorgeschichte seiner Familie, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht und die einen liebevoll-skurrilen Blick auf die Welt der Juden Osteuropas in vergangenen Zeiten darstellt, wobei dem Leser oder der Leserin durch die erste Erzählebene und durch das Wissen um die historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts natürlich jederzeit bewusst ist, dass diese Familiengeschichte nur ein tragisches Ende nehmen kann. Die dritte Ebene sind Briefe, die Alex nach den Ereignissen der Haupthandlung an Jonathan schreibt (‚nach‘ ist hier chronologisch gemeint, im Roman wechseln sich alle drei Erzählebenen immer wieder ab). Diese bilden eine Art Erzählerfiktion, in der die beiden ersten Ebenen als Erzählungen dargestellt werden, die Alex und Jonathan kapitelweise verfassen, sich gegenseitig zuschicken und über die konkrete Ausgestaltung beraten (wobei wie gesagt nur Alex‘ Briefe vorliegen, die fiktiven Antworten Jonathans kann man sich aus diesen teilweise erschließen). Das ist durchaus komplex und interessant gemacht.

Außerdem sind auch der historische Stoff mit aktuellen Bezügen und der kulturelle Kontakt zwischen jüdischer, amerikanischer und ukrainischer Kultur grundsätzlich spannende Themen. So enthält Alles ist erleuchtet viele interessante Szenen und Anekdoten, die teilweise wirklich gelungen sind. Das gilt etwa für die wunderbare Karikatur der religiösen Eigenheiten von Trachimbrod. So schreien die Einwohner seit 200 Jahren ihre Gebete, weil ein findiger Rabbi sich überlegt hat, dass die Gebete ja Hilfeschreie seien. Die Gemeinde hat sich auch (wie es sich für eine gute Religion gehört) gespalten, in die Aufrechten und die Wankler. Geschieden haben sich die Geister daran, ob man bei einer Probe, bei der man mit einer Hand an einem Seil hing, mit der anderen die Thora hielt und dabei von einer Fliege gekitzelt wurde, sich selbst oder die heilige Schrift hat fallen lassen. Einer der schönsten Sätze des Buches über die Mitglieder der aufrechten Synagoge lautet dann: „Zweihundert Jahre lang erkannte man ihre Mitglieder an einem vorgetäuschten Humpeln, mit dem sie sich selbst – oder vielmehr die anderen – daran erinnerten, wie sie die Prüfung bestanden hatten: indem sie dem geheiligten Wort den Vorzug gaben.“ Auch sonst gibt es lustig-rührende Szenen, wie als sich Alex, Jonathan und der Großvater eine zu Boden gefallene Kartoffel teilen, und teilweise auch wirklich ergreifende Szenen, etwa Jankels Liebe zu einer Frau, die es nie gegeben hat.

Aber und das ist das große aber, das mich durch fast den gesamten Roman hindurch (bzw. durch die Teile hindurch die von Alex erzählt werden, denn nur diese sind betroffen) gestört hat, der Roman macht sich permanent und auf – für mich – unerträgliche und sich ständig wiederholende Weise über seinen Protagonisten Alex und dessen Sprache lustig. Alex spricht nur relativ schlecht (anfangs gebrochen) Englisch und dieser erzählerische Kniff erlaubt es Foer über hunderte von Seiten einen Kalauer an den anderen zu reihen. Plumpe Wortwitze von der Qualität wie „Ich muss zugestehen, dass mich das sehr melancholisch eingestimmt hat und immer noch melancholisch einstimmt. Ich bin auch sehr verrührt“ ziehen sich in großer Menge durch alle Teile des Romans, die von Alex erzählt werden. Und noch dazu ist Alex – über weite Strecken, eine gewisse persönliche Entwicklung ist nicht abzustreiten – das wandelnde Klischee eines hinterwäldlerischen Osteuropäers. Exemplarisch mag dafür seine Aussage in einem Brief an Jonathan stehen. Alex hat eingesehen, dass eine Stelle seiner Erzählung in der Jonathan und der Hund Sammy Davis jr. jr. in 69er-Stellung miteinander verkehren, so nicht angebracht ist: „Um dich zu besänftigen, habe ich die Szene geändert, sodass ihr beide mehr wie Freunde und weniger wie Geliebte oder Nemesise erscheint. Ein Beispiel ist, dass sie nicht mehr eine Neunundsechzig-Stellung mit dir macht. Jetzt bläst sie dir nur noch einen.“ Herrje, muss das sein?

Foer kommentiert diese Problematik quasi selbst, indem er Alex in einem Brief schreiben lässt: „Ich weiß, dass du mich gebeten hast, die Fehler nicht zu verändern, weil sie humorvoll klingen und weil humorvoll die einzige wahrheitliche Art ist, eine traurige Geschichte zu erzählen“. Das mag ja sein und mir fällt der Film Das Leben ist schön von Roberto Benigni ein, der einen ähnlichen Ansatz verfolgt, aber muss denn die ganze Zeit auf so penetrante Art gekalauert werden? Humor ist ja sehr individuell, aber dieser liegt zumindest mir gar nicht.

Und trotz dieser grundsätzlichen Abneigung gegen die Passagen, die von Alex erzählt werden, gibt es auch hier wirklich gute Szenen. Sie ereignen sich größtenteils im späteren Verlauf des Buches, weshalb inhaltlich nicht genauer auf sie eingegangen werden soll, es geht jedoch vor allem um Ereignisse aus der Zeit der deutschen Besatzung. Besonders die Szene um Henschel ist dann auch sprachlich wirklich sehr gelungen. Sie beeindruckt durch ihre Intensität. Diese Szene funktioniert jedoch, obwohl sie von Alex erzählt wird, sprachlich ganz anders als alles andere zuvor, sodass sich auch hier nicht recht eine Rechtfertigung für die kalauernden Passagen finden lässt.

So bleibt am Ende von Alles ist erleuchtet ein durchwachsenes Gefühl: Einerseits gefällt der Roman durch eine komplexe Gestaltung der Handlung, durch eine interessante Geschichte und durch teilweise sehr gelungene – lustige, rührende, spannende und sprachlich beeindruckende – Szenen. Andererseits bleibt eine plumpe Ausgestaltung bestimmter Personen und des Kulturkontakts, was mit einem penetranten und kalauernden Humor einhergeht und mir somit die Lektüre teilweise vermiest hat.

Dementsprechend werde ich, nachdem ich Alles ist erleuchtet beendet habe, wohl etwas warten, bis ich zum nächsten Roman von Foer greife. Ich werde ihm jedoch bestimmt noch einmal eine Chance geben, gerade weil hier mit einem Gestaltungswillen zu Werke gegangen wird, der besonders ist. Das hat mir in diesem Falle nicht so gut gefallen, in einem anderen Roman kann das jedoch ganz anders sein.

Jonathan Safran Foer, Alles ist erleuchtet. Roman, aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Frankfurt a. M.: Lizenzausgabe im Fischer Verlag (Kiepenheuer & Witsch), 2009 (OA: 2002).

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4 Kommentare zu „Besprechung: Jonathan Safran Foer, Alles ist erleuchtet, 2002.“

  1. Ich habe den Roman vor etwa zehn Jahren gelesen und mochte ihn sehr. Allerdings habe ich Zweifel, dass ich ihn heute immer noch so gut fände.
    Die Sprache von Alex allerdings hat mich nicht so sehr gestört. Es könnte daran liegen, dass ich den Roman auf englisch gelesen habe und die Defizite da weitaus charmanter und sympathischer rüber kommen. In der Übersetzung ist das (fast zwangsweise, fürchte ich) etwas holprig geraten.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Marion,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Wie groß der ‚Faktor Übersetzer‘ hier ist, ist eine sehr interessante Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Es kann gut sein, dass das im Original anders wirkt.
      Wenn man sich aber Textstellen anguckt, wie die oben zitierte, in der es um den Hund und Jonathan geht, dann würde ich aber doch eher vermuten, dass das so im Original angelegt war, sodass den Übersetzer hier keine Schuld trifft.

      Herzliche Grüße
      der Bouquineur

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