Besprechung: Oskar Panizza, Der Corsetten-Fritz, 1893.

19_panizzaMit Oskar Panizzas Erzählung Der Corsetten-Fritz, die 1893 in der Erzählungssammlung Visionen erscheint, fange ich an, mich ausführlicher mit der literarischen Moderne zu beschäftigen. Obwohl der Text mit seinen knapp dreißig Seiten nur sehr kurz ist (und damit ganz anders als mancher ‚großer‘ Text der literarischen Moderne), ist er doch spannender Blick in diese Zeit, da er den Leser mit einer ganz eigenen Erzählweise in seinen Bann schlägt. Der Ich-Erzähler Fritz ist der Sohn eines protestantischen Pfarrers und wächst in einer Umgebung auf, die mit dem Wort ‚behütet‘ nicht mehr richtig beschrieben ist. Es handelt sich um einen rigoros von der Außenwelt abgeschlossenen Mikrokosmos, in den keiner der schädlichen Einflüsse eindringen darf, die die Welt so zu bieten hat. In den Jahren, in denen Fritz noch zu Hause vom Vater und später dann auf der Lateinschule unterrichtet wird, gelingt es auch noch die Welt weitestgehend auszuschließen. Die einzigen Ausbrüche, die Fritz unternimmt, sind Gedankenreisen (er spricht davon, dass seine „Seele entflieht“) durch den Ort während der Predigten seines Vaters.

Für das Gymnasium kommt er dann zu Tante und Onkel in eine kleinere Stadt. Zwar haben Tante und Onkel den Auftrag und auch den Willen, den Junge weiterhin so rigoros wie nur möglich von der Welt abzuschotten, in dem Moment, in dem Fritz zum ersten Mal kurz alleine unterwegs ist, kommt es dann jedoch zu einer schockartigen Erfahrung:

Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau Alles so zu beschreiben, wie ich es sah, und ich wie ich es empfang: Hinter dem riesengroßen, spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe mit d’rangelaßener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen und Küßen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern – wie soll ich sagen! – leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Bein-Schwarz; die Farben nicht angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit anderen Farben eingefaßt; besonders ein orange-gelber Leib nahm meine ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich; die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle Figur, ein Ideal-Wesen.

Während dem Leser schon durch die Überschrift klar ist, womit Fritz es hier zu tun hat (es handelt sich bei der Überschrift um einen Spottnamen, den ihm später die Mitschüler verpassen), ist dieses Erlebnis der Anlass für Fritz sich nach und nach immer weiter in seine eigene Welt zurückzuziehen, die sehr stark um die „Ideal-Wesen“ kreist, die er da gesehen hat. So überlegt er sich, wie die Wesen wohl gelebt haben und wie es komme, dass diese andere „Menschen-Raße“ einfach so „von den Frauenzimmern aus weiß der Himmel welch‘ neidischen Gründen auf dem bloßen Leib getragen werde“. Während der nächsten Jahre gibt es kaum mal wieder eine Möglichkeit aus dem überwachten Alltag auszubrechen, doch die Erfahrung hat genügt: Fritz schweift immer mehr ab, die Gedankenausflüge, die früher nur während der Predigten seines Vaters stattfanden, hindern ihn nun mehr und mehr, dem Unterricht zu folgen und ein normales Leben zu führen. Die wenigen Kontakte, die Fritz zu seinen Idealen noch hat (einmal sieht er die Köchin des Hauses fast nackt und einmal führt ihn ein Mitschüler zu einem weiteren Fachgeschäft), sind wiederum sehr eindrücklich. Sein Abitur besteht er gerade so – interessanterweise vor allem wegen des Deutschaufsatzes über die „Bestimmung des Menschen“, in dem er seine Weltsicht darlegt; dies bringt ihm zwar zwei Stunden Arrest wegen „unsittlichen Anspielungen“, jedoch auch die Bestnote wegen der gezeigten „Selbstständigkeit in Behandlung schwieriger und abgelegener Thematas“ ein. Während des von väterlicher Hand schon lange geplanten Theologiestudiums kommt es dann zu einer weiteren Begegnung, in diesem Fall mit einer Prostituierten im Korsett, was ein impulsives, ausgedehntes Liebesgeständnis auslöst, welches in seiner Erfolglosigkeit dazu führt, dass sich Fritz nun auf das Studium konzentriert und es mit der Bestnote abschließt. Die erste Predigt darf er dann in der Kirche seines Vaters halten – er bereitet sich auf diese vor und es scheint auch alles gut zu laufen, bis ihn kurz vor der Predigt an der alten Stelle das altbekannte Gefühl beschleicht, dass „sich im Innern etwas ablöste“. Während der Predigt scheint er sich erst im Griff zu haben, doch dann wird das Gefühl immer stärker, er muss unterbrechen und neuansetzen, sieht schließlich seine alten Klassenkameraden in die Kirche kommen, die „Corsetten-Fritz“ rufen, was dazu führt, dass er diese bedroht und beschimpft. Die Gemeinde wird unruhig, was Fritz aber auf die ‚Störer‘ und nicht auf sein Verhalten bezieht und zuletzt muss er die Predigt abbrechen.

Erst im letzten Absatz wird die ganze merkwürdige Geschichte dann erklärt: Fritz ist in der „Irrenanstalt“ und schreibt seinen Bericht für den Direktor auf. Damit ist das erste Mal ein Korrektiv für den Leser gegeben, der zuvor immer nur die wunderliche Perspektive des Ich-Erzählers hatte. Trotzdem jedoch wird diese Perspektive beibehalten, so ist es Fritz, der erzählt, dass er zu Unrecht in der Anstalt ist: „Man sagte mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts- und Gehörs-Täuschungen. Davon kann keine Rede sein.“ Einzig merkwürdig erscheint Fritz, dass die Klassenkameraden noch genauso aussahen wie zu Schulzeiten, er zieht hieraus jedoch nicht die gleichen Schlüsse wie sein Umfeld. Die Erzählung schließt entsprechend mit den Sätzen: „Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber offenbar bestellte, fabricirte Sache. –“

Es macht die Lektüre des Corsetten-Fritz‘ wirklich interessant, zu beobachten, wie in dieser Erzählung eine eindeutig verschobene und Verwunderung erregende Erzählperspektive nach und nach aufgebaut und erst ganz zum Ende erklärt wird. Dabei funktioniert der Text jedoch so, dass der Leser von Anfang an skeptisch ist und durch die abgeschottete Kindheit auf die Spur gebracht wird, dass Fritz‘ Perspektive keine wirklichkeitsgetreue sein kann. Man versteht aber auch von Anfang an, dass es sich nicht um einen fantastischen Text handeln kann, in dem tatsächlich die Wunderwesen verkauft werden, die Fritz beschreibt. Das Spiel mit der veränderten Wahrnehmungsperspektive, den Andeutungen des Textes und dem Weltwissen des Lesers ist faszinierend gemacht. Zu seiner Erklärung tragen alle drei Elemente bei, die im Untertitel der Auswahlausgabe, die ich habe, erwähnt werden: Texte zu Religion, Sexus und Wahn. Auch die Sprache, die Panizza Fritz in den Mund legt, fasziniert mit ihrem Wechsel aus ruhiger Schilderung und aufgeregten Passagen (wie die oben zitierte).

Der Corsetten-Fritz ist ein wirklich interessanter früher Text der literarischen Moderne, ich werde auf jeden Fall weitere Texte Panizzas lesen. Den Tipp hatte ich aus diesem Video mit Moritz Baßler, in dem er (mit Schwerpunkt auf Döblin) einfach und anschaulich die Entwicklung zur literarischen Moderne erläutert.

Oskar Panizza, „Der Corsetten-Fritz“, in: Oskar Panizza, Mama Venus. Texte zu Religion, Sexus und Wahn, hg. v. M. Bauer, Hamburg/Zürich: Luchterhand, 1992 (OA: 1893), S. 57–80.

Dieser Text ist (der erste) Teil meines Lesevorhabens zur literarischen Moderne.

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2 Kommentare zu „Besprechung: Oskar Panizza, Der Corsetten-Fritz, 1893.“

  1. Hallo, ich lese seit einigen Tagen mit und bin im Klassikerforum auf ein Vorhaben gestoßen, bei dem ich sofort an deinen Blog denken musste und auf das ich aufmerksam machen möchte: https://klassikerforum.de/index.php?topic=5088.0 Ich lese seit mehr als fünf Jahren in dem Forum mit und bin immer wieder überrascht, wie konstant die Mitgliedschaft von vielen Schreibern ist. An dieser Stelle also Werbung für die Klassiker und Klassikerleser. Viele Grüße und einen guten Rutsch.

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    1. Hallo hallo! Vielen Dank für deinen Kommentar, es freut mich sehr, dass du an mich gedacht hast! Das Vorhaben aus dem Klassikerforum, dass du ansprichst klingt echt total spannend und nett. Ich lese da auch schon seit einiger Zeit mit. Bei mir ist in den nächsten Monaten leider gerade so viel los, dass ich es nicht schaffen werde, mich an einem solchen Vorhaben mit festen Vorgaben zu beteiligen, aber ich guck da bestimmt öfter mal rein und schaue, wie es sich entwickelt hat.
      Auch dir einen guten Rutsch und ganz viele Grüße!
      Der Bouquineur

      Gefällt 1 Person

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