Besprechung: Gérard de Nerval, Sylvie. Erinnerungen ans Valois, 1853.

20_nervalIn der Zeit meines Französisch-Studiums bin ich immer wieder auf den Autor Gérard de Nerval und auf seine wenigen berühmten Texte gestoßen, ohne dazuzukommen, sie zu lesen. Zu diesen Texten gehört der Gedichtzyklus Les Chimères, der von Baudelaire und den Surrealisten bewunderte Roman Aurelia und die Erzählung Sylvie. Alle drei Werke entstanden in den Jahren 1853–1855. Ein letztes großes Aufbäumen eines faszinierenden Autors (zu dessen Bekannten Hugo, Gauthier, Dumas und Heine zählten), der sich im Jahr 1855 schließlich das Leben nahm. Jetzt endlich wollte ich doch einen ersten Eindruck von Nerval gewinnen und ich wurde nicht enttäuscht. Denn Sylvie ist eine romantische Erzählung, die auf wunderbare Weise mit verschiedenen verwirrenden Zeitebenen, mit Traum und Erinnerung und mit Illusion und Desillusionierung spielt.

Dabei ist die Handlung oder sagen wir eher das Thema der Erzählung eigentlich recht einfach. Ein Mitglied des Pariser Intellektuellenmilieus, der vor allem damit beschäftigt ist, sein ererbtes Vermögen zu verprassen und im Theater aus der Ferne eine Schauspielerin anzuhimmeln – man könnte wohl von einem echten Bohemien sprechen –, wird durch eine Zeitungsnotiz, in der es um ein traditionelles Dorffest in seiner Heimat geht, an alte Zeiten und – natürlich vor allem – an eine unschuldige Liebe aus Kinder- und Jugendtagen erinnert. Sofort nimmt er die nächste Kutsche, um das Fest noch zu erreichen und seine Liebe doch noch für sich zu gewinnen. Auf der Fahrt erinnert er sich an ähnliche Anlässe aus früheren Tagen, an glückliche Momente mit seiner Sylvie, doch als er schließlich ankommt, entspricht diese nicht mehr seinen romantischen Erinnerungen. Sie steht jetzt mitten im Leben, hat das vom Erzähler idealisierte Spitzeklöppeln aufgegeben, sich auf die profitablere Herstellung von Lederhandschuhen verlegt und heiratet schließlich einen angehenden Konditor, der noch dazu der Milchbruder des Erzählers ist (also der leibliche Sohn seiner Amme). Neben dieser Haupthandlung zeigen sich verschiedene Nebenaspekte, denn natürlich hat der Erzähler die schöne Sylvie nicht ohne Grund vernachlässigt. Es gibt zwei andere Frauen, die einander ähneln, sodass man nie genau weiß, auf welche der Erzähler eigentlich aus ist. Doch letztlich kann er auch diese Frauen nicht bekommen.

Wenn man diese Zusammenfassung liest und dann noch, dass es sich um eine „romantische Erzählung“ handelt, dann stellt man sich deren Inhalt und Sprache unglaublich schwülstig vor, mit vielen Seufzern und Liebesschwüren. Und tatsächlich verwendet Nerval viele romantische Themen und Symbole: Es geht um Liebe, um ein einfaches, unschuldiges Mädchen vom Land, um einfache Tätigkeiten, traditionelle Feste, Ruinen, ein Kloster, Nonnen, einen Park mit Türmen und vieles mehr. Und auch die klassischen literarischen Verweise fehlen nicht: Immer wieder wird ausführlich auf Rousseau Bezug genommen, sei es, weil seine Lieblingsblume gepflückt wird, weil sein Grab ganz in der Nähe liegt oder weil der Erzähler aus der Nouvelle Hélouise zitiert. Auch Goethes Werther bleibt nicht unerwähnt. Aber all das ist eben gerade nicht kitschig überladen und schwülstig, sondern es wird häufig nur in Andeutungen erwähnt, teilweise fast ironisch und letztlich wird es ja auch gebrochen. Denn Sylvie entspricht am Ende nicht mehr dem romantischen Bild des Erzählers, sie interessiert sich kaum mehr für die gemeinsamen Erinnerungen, sie will die einfachen Lieder nicht mehr singen, weil das nicht mehr modern ist und heiratet nicht nach langem Warten den romantischen Liebhaber, sondern den soliden Milchbruder.

Und auch sonst funktioniert der Text überhaupt nicht, wie ein normaler romantischer Text, der vor allem auf eine identifikatorische Lesart und die Erzeugung von Emotionen beim Leser ausgelegt ist. Wie am Anfang erwähnt (und ganz im Gegenteil zu meinem Versuch einer Zusammenfassung, der ja auf Klarheit angelegt ist), handelt es sich bei Sylvie um eine sehr raffinierte und verwirrende Erzählung, die immer wieder mit den Erwartungen des Lesers, verschiedenen Zeitebenen und motivischen Dopplungen spielt. Da ist zum Beispiel das traditionelle Fest des Dorfes, welches dreimal auftaucht: Einmal als Kindheitserinnerung, einmal als Jugenderinnerung, in der Sylvie als idealisierte romantische Geliebte etabliert wird und einmal in jüngerer Vergangenheit, wo diese Romantik gebrochen wird. Auch der Kontext des Festes (der Heimweg, die Nacht danach, der Spaziergang am nächsten Tag, …) ist jedes Mal ähnlich und doch verändert, sodass gerade in der Dopplung der Kontrast stärker hervortritt. Ähnliches gilt auch für die anderen beiden Frauen: die geheimnisvolle Adrienne und die Schauspielerin Aurelia, die sich teilweise gleichen. Und dazwischen kommen immer wieder traumhafte oder erinnerte Episoden, von denen man nicht weiß, wann genau sie spielen und in welchem Verhältnis sie zu den anderen Teilen stehen. All das macht Sylvie zu einem wirklich faszinierenden Text, den ich nach der ersten Lektüre gleich wieder von vorne begonnen habe, um ihn besser zu verstehen.

Erwähnt sei hier auch noch die wirklich wunderbare Ausstattung des kleinen Bändchens in fadengehefteter Broschur (mit roten Fäden, in einem weißen Buch!). Die zweisprachig abgedruckte Erzählung macht nur knapp die Hälfte des Inhalts aus. Zusätzlich verfügt der Band über einen ausführlichen Anhang mit Texten des Herausgebers und Übersetzers zu Autor, Werk, Ausgabe, früheren Übersetzungen und einem Stellenkommentar. Gerade letzterer ist wirklich beeindruckend. Ausführlich diskutiert Kroeber seine Entscheidungen bei der Übersetzung und vergleicht diese teilweise mit anderen Übersetzungen auch in andere Sprachen (etwa mit der Übersetzung Umberto Ecos ins Italienische). Das habe ich in dieser Breite noch nicht gesehen und es ermöglicht spannende Einblicke in das Handwerk eines Übersetzers und in seine Beschäftigung mit dem Text.

Ein weiteres Highlight des Anhangs bildet Umberto Ecos Essay Der Nebel zwischen den Worten, in dem sich dieser ausführlich mit Nervals Sylvie beschäftigt. Eco plädiert darin zuerst dafür, nicht zu versuchen Sylvie autobiografisch zu lesen. Dann folgt eine relativ detaillierte narratologische Analyse des Erzählers und der verschiedenen Zeitebenen (mit veranschaulichender Grafik), der motivischen Dopplungen und Verschiebungen. Besonders ausführlich widmet sich Eco der Frage, wie es Nerval gelingt, den Leser immer wieder zu verwirren und nahezu unbemerkt verschiedene Zeitebenen miteinander zu verflechten. Er spricht hier von „Nebeleffekten“, und diese beziehen sich auch auf den Raum der Erzählung, die drei Frauenfiguren als „Objekte der Begierde“ und deren Eigenschaften, sowie eine exakte Datierung („1832“), die aber wiederum eher zur Verwirrung beiträgt. Der Essay Ecos ist insgesamt eine schöne Auseinandersetzung mit der Erzählung, die Lust darauf macht, sie noch einmal zu lesen und sich den „Nebeleffekten“ jetzt als informierterer Leser zu nähern.

Abgerundet wird die schöne Ausgabe durch Fotografien von Nerval und Eco, wobei die von Nerval der Kamera des großes französischen Fotografen Félix Nadar entstammt, der fast alle Größen des 19. Jahrhunderts vor der Linse hatte.

Sylvie ist eine wunderbare romantische aber nicht naiv-romantisierende, sondern gerade im Gegensatz äußerst raffinierte Erzählung des französischen Autors Gérard de Nerval, dessen Gedichtzyklus Les Chimères immer wieder als Teil des Übergangs in die literarische Moderne bezeichnet wird. Gerade beim mehrfachen Lesen (und beim Lesen des Essays Ecos) entdeckt man diese Raffinesse der Verwirrungen und „Nebeleffekte“, die sich trotz aller Mühe nicht vollkommen aufklären lassen. Klare Leseempfehlung!

Gérard de Nerval, Sylvie. Erinnerungen ans Valois. Französisch–Deutsch. Mit dem Essay Der Nebel zwischen den Wörtern von Umberto Eco, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Burkhart Kroeber, Mainz: Dieterich’sche Buchhandlung, 2016 (OA: 1853).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s