Besprechung: Heiner Boehncke/Hans Sarkowicz, Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten, 2014.

21_andere_bibliothekDie Andere Bibliothek, initiiert und lange Zeit herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno, ist wohl eines der spannendsten, ja vielleicht das spannendste bibliophile Editionsprojekt im deutschsprachigen Raum. Seit dem 18. Januar 1985 ist der äußere Rahmen ganz einfach: Jeden Monat ein neues Buch. Die inzwischen legendäre Maßgabe zur Auswahl der Bücher, die man auch zum Titel dieses kleinen Rückblicks gemacht hat, lautet: Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten. Diesen Rückblick hat man sich vor zwei Jahren zum damals anstehenden 30-jährigen Jubiläum der Reihe gegönnt und er bietet einen interessanten Einblick in die Geschichte der Anderen Bibliothek, die trotz des nach außen immer gleichen Taktes der Veröffentlichungen durchaus wechselvoll war. Er stellt gleichzeitig den ersten Band einer neuen, losen Reihe in Taschenbüchern dar, die den Titel Kometen der Anderen Bibliothek trägt.

Der Band besteht vor allem aus Gesprächen, die mit den Protagonisten der Anderen Bibliothek geführt wurden, aber auch aus einigen zeitgenössischen Rezensionen und aktuellen, rückblickenden Texten. Natürlich kann man diesem Projekt grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen: Handelt es sich nicht vor allem um Werbung und Selbstbeweihräucherung? Aber ich habe die einzelnen Beiträge des Bandes trotzdem fast alle gerne gelesen. Sie führen ein in ein herausragendes Stück Buchgeschichte und wenn an der einen oder anderen Stelle der Blick zurück gar zu positiv ausfällt und Misserfolge und Zwistigkeiten, die es zweifelsohne auch gegeben hat, ausgeblendet werden, dann kann ich darüber, bei all den tollen Büchern, die man versammelt hat, hinwegsehen. Das Ziel ist es, wie Christian Döring, der heutige Herausgeber, es schreibt, „ein Stück vitaler Buchgeschichte in Geschichten“ zu schreiben. Und das gelingt auf interessante und unterhaltsame Weise.

Hans Magnus Enzensberger, der gleich zu Beginn des Bandes interviewt wird, war in der Zeit, in der als Herausgeber tätig war (bis 2006) vor allem für die Auswahl der Bücher verantwortlich. Das ist spannend, denn die Auswahl ist durchaus außergewöhnlich. Einerseits gibt es viele historische Texte (von der Antike bis ins 20. Jahrhundert) und anfangs nur wenige, später mehr Neuerscheinungen. Dabei ist es der Anspruch, immer wieder Texte wiederzuentdecken, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind oder die vielleicht noch nicht auf Deutsch erschienen sind. Gleich der erste Band stellt hier ein interessantes Beispiel dar: Eine Auswahl der Texte von Lukian von Samosata in einer Übersetzung von Wieland. Das ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Aber auch einer der jüngsten Bände fällt in diese Kategorie: Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda von Miguel de Cervantes, ein Autor, von dem man natürlich vor allem den Don Quijote und vielleicht die Exemplarischen Novellen kennt. Zu den Neuerscheinungen gehört etwa Ransmayrs Die letzte Welt, ein Roman, der in fast allen Beiträgen als einer der größten Erfolge der Serie erwähnt wird. Andererseits ist die Auswahl auch interessant, weil sie unglaublich viele unterschiedliche Genres vereint: Romane, Märchen, Reportagen, Essays, Aphorismen, Reiseberichte, Sachbücher und manches andere, das sich am besten mit Weder-Noch- oder Und-Formulierungen fassen lässt. Das ist unglaublich spannend, erklärt aber vielleicht (leider) auch, warum die wirtschaftliche Lage der Anderen Bibliothek durchaus spannungsgeladen war und man inzwischen beim dritten Verlag angesiedelt ist (Greno, Eichborn, Aufbau).

Nicht ganz unschuldig an diesen wirtschaftlichen Wirren scheint auch Franz Greno zu sein, den verschiedene der Beiträge als eine fast genialische, manisch produktive und umtriebige Verlegerpersönlichkeit beschreiben. Er ist jedoch auch derjenige, dem das ganze Projekt überhaupt erst zu verdanken ist und der hauptsächlich für die wunderbare Gestaltung der Bände verantwortlich ist. Viele interessante Details aus dem Verlag Greno und der Druckwerkstatt liefert das Interview mit Eberhard Delius, hier geht es etwa darum, warum und wie man mit dem Bleisatz setzte und druckte, was zwar nicht mehr der Zeit dafür aber den Qualitätsansprüchen Grenos entsprach. Außerdem war es wohl Greno, der neben dem regulären Monatsrhythmus der Anderen Bibliothek (und neben anderen Publikationen seines Verlags) für einige Großprojekte der Anderen Bibliothek wie die Neuübersetzung der Essais von Montaigne oder die monumentale Neuauflage des Kosmos von Alexander von Humboldt verantwortlich war.

Neben diesen beiden Hauptakteuren, gibt es viele weitere Persönlichkeiten, die die Andere Bibliothek als Herausgeber, Lektoren, Übersetzer oder in anderen Funktionen geprägt haben und einige von ihnen kommen in dem Band zu Wort (Franz Greno übrigens nicht, er scheint das nicht gewollt zu haben). Jeder erzählt seine eigene, ganz besondere Geschichte zur Anderen Bibliothek. Reinhard Kaiser berichtet von seiner Übersetzung der Viktorianischen Ausschweifungen und den Tricks, mit denen man eine Indizierung verhindert hat. Rainer Wieland bearbeitete die Geschichtklitterung Johann Fischarts, die „als Übersetzung von Rabelais‘ Gargantua und Pantagruel“ begann und „eine Nach- und Weiterdichtung“ wurde, die auf „mehr als das Zehnfache des Originals“ anwuchs. Andere berichten von der besonderen Rolle Moebius‘ und Wilhelm Buschs und von dem zwischenzeitlichen Projekt, auch Hörbücher zu verlegen. Eine Zeittafel schließt den Band und vermittelt noch einmal einen kondensierten Überblick über die vielen Bücher, die in der Anderen Bibliothek erschienen sind.

Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten ist ein wirklich interessanter Einblick in eine spannende Buchreihe, die inzwischen über 30 Jahre besteht und in dieser Zeit viele wunderbare Titel auf den Markt gebracht hat. Es ist vor allem die Begeisterung der verschiedenen beteiligten Akteure für das, was sie tun, die beim Lesen des Bandes Freude macht und die natürlich auch dazu verführt, den einen oder anderen Titel der Anderen Bibliothek zu lesen.

Heiner Boehncke/Hans Sarkowicz, Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten. Die Geschichte der Anderen Bibliothek in Gesprächen, Berlin: Die Andere Bibliothek (Kometen der Anderen Bibliothek, 1), 2014.

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