Literarisches Fundstück: D’Alembert in der Encyclopédie über Bibliomanie

Bibliomanie. Sucht, Bücher zu besitzen & zu sammeln. Descartes hat gesagt, die Lektüre sei eine Unterhaltung, die man mit den großen Männern der Vergangenheit führe, aber eine auserlesene Unterhaltung, in der sie uns nur die besten Gedanken enthüllen. Das mag bei großen Männern zutreffen. Da aber die großen Männer sehr selten sind, so wäre es verkehrt, diese Maxime auf alle möglichen Bücher & alle Arten der Lektüre anzuwenden. Es haben so viele mittelmäßige Leute & auch so viele Toren geschrieben, daß man im allgemeinen eine große Büchersammlung, von welcher Art sie auch immer sein mag, als eine Sammlung von Denkschriften über die Geschichte der Verblendung & Torheit der Menschen betrachten kann, & so könnte man über den Eingang aller großen Bibliotheken die folgende philosophische Inschrift anbringen: Narrenhäuser des Geistes. Daraus folgt, daß die Liebe zu den Büchern, wenn sie nicht von der Philosophie & und von einem aufgeklärten Geist gelenkt wird, eine der lächerlichsten Leidenschaften ist. Sie gleicht der Narrheit eines Mannes, der unter einem Haufen von Kieselsteinen fünf oder sechs Diamanten aufbewahrt. […]

Gefunden in: Jean le Rond d’Alembert, „Bibliomanie“, in: Die Welt der Encyclopédie, editiert von Anette Selg & Rainer Wieland, aus dem Französischen von Holger Fock, Theodor Lücke, Eva Moldenhauer und Sabine Müller, Frankfurt a. M.: Eichborn (Folioband der Anderen Bibliothek), 2001 (OA der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers von Diderot und D‘Alembert: 1751–1780), S. 36f.

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