Besprechung: Jean Echenoz, Ravel, 2006.

26_echenoz_ravelJean Echenoz gelingt mit Ravel ein wunderbarer und stilsicher geschriebener Roman über den gleichnamigen französischen Komponisten, der auf sehr interessante Art und Weise so tut, als würde er einfach so vor sich hinplätschern, der einen dabei aber immer mehr in seinen Bann zieht und gegen Ende eine ganz eigene Dramatik gewinnt. Manches ist ungewöhnlich an diesem Roman und das beginnt schon mit der Gattung: Auf dem Cover steht „Roman“, aber das Buch hat nur 110 Seiten, die noch dazu großzügig bedruckt sind. Wenn Echenoz irgendwann einmal mit einer prestigeträchtigen Pléiade-Ausgabe belohnt wird, die auf Bibelpapier eng bedruckt ist, dann werden es eindeutig weniger Seiten sein. Aber auch der Begriff Erzählung passt nicht so ganz, denn es gibt immer wieder Formulierungen und Passagen, die eher in den Bereich biographischer oder journalistischer Texte verweisen. So heißt es an einer Stelle, man wisse nicht, was in einem Brief steht, während sonst häufig Gedanken und Gefühle des Protagonisten sehr genau geschildert werden. In Frankreich gibt es seit einiger Zeit den Begriff ‚biofiction‘, der für dieses ‚Mischwesen‘ zu passen scheint.

Die Erzählung beginnt mit der Überfahrt nach Amerika, wo Ravel in den Vereinigten Staaten eine groß angelegte Tournee bewältigt, Erfolg reiht sich an Erfolg, Zugfahrt an Zugfahrt und bald ist Ravel wieder in Frankreich, wo er einen relativ ruhigen, aber trotzdem dandyhaften Lebensstil führt, einige seiner großen Kompositionen schreibt (unter anderem den Boléro) und schließlich beginnt immer stärker an einer Krankheit zu leiden, die im Buch nicht genauer spezifiziert wird, die jedoch biografisch belegt ist und die sich auf seine geistigen Fähigkeiten, sein Erinnerungsvermögen und seine Motorik auswirkt. All diese äußeren Ereignisse erzählt Echenoz so unaufgeregt, dass man meint, seinen Lehrmeister Robbe-Grillet durchscheinen zu sehen, wobei Echenoz mit seiner Erzählung einen Sog entwickelt, den Robbe-Grillet zumindest bei meinen wenigen Versuchen, ihn zu lesen, nie entfaltet hat. Vielleicht liegt es daran, dass immer wieder Ravels ganz eigene Wahrnehmung der Dinge in den Fokus gerückt wird, wovon eine starke Faszination ausgeht. Über die Erfolge bei der Tournee heißt es beispielsweise:

Dasselbe dann zurück in New York, Carnegie Hall, und wiederum mondäne Empfänge zu seinen Ehren, mit Bartók, Varèse, Gershwin, bei piekfeinen Leuten an der Madison Avenue, die ihn, natürlich, bitten, ach spielen sie doch etwas für uns. Also spielt er, er wird unaufhörlich spielen müssen, in Konzertsälen und bei privaten Abendeinladungen, wo er nicht ohne Beklemmung manchmal auch dirigieren muss, es hat kein Ende.

Diese Mischung aus mangelnder Beteiligung, Ablehnung und Unverständnis zieht sich durch große Teile des Buches und stellt einen starken Kontrast zu den Erfolgen Ravels in dieser Zeit dar. Er gilt als größter Komponist Frankreichs, seine Stücke werden überall gespielt und geliebt. Im Gegensatz zu diesen Erfolgen schafft Echenoz jedoch eine Atmosphäre, in der Ravel all dies nur am Rande mitzubekommen scheint. Ob und wie sehr das der durch die zunehmende Krankheit beeinflussten Wahrnehmung des realen Ravel entspricht, bleibt natürlich Spekulation, auf mich wirkt es jedoch sehr überzeugend. Spannend ist auch Echenoz‘ Erzählweise, die durch erlebte Rede und andere erzählerische Spielereien immer wieder kleine Überraschungsmomente kreiert.

Neben dieser Erzählhaltung ist es vor allem Echenoz‘ Sprache, die fasziniert und Freude bereitet. Ausgefallene Formulierungen wie „Wieder in Montfort-l’Amaury, bietet ein klassischer gemäßigter französischer Frühling eine Abwechslung zur amerikanischen Wetterexzentrik.“ oder „Zu müde von der Reise, um an Ruhe auch nur zu denken“ oder „eine fieberhafte, ruhelose Tatenlosigkeit“ gibt es zuhauf. Sie haben mir gleich beim ersten Lesen gefallen und geistern seitdem in meinem Kopf herum. Auch die Beschreibung der Melodie des Boléro, die Ravel in den Mund gelegt wird, hat mich durch ihre Intensität beeindruckt:

Er weiß sehr gut, was er da gemacht hat, es hat keine Form im eigentlichen Sinne, es kommt ohne Entwicklung und ohne Modulationen aus, besteht aus nichts als Rhythmus und Arrangement. Kurz, eine Sache, die sich selbst zerstört, eine Partitur ohne Musik, eine Orchesterfabrik ohne Thema, ein Selbstmord mittels reiner Klangvermehrung. Eine bis zum Überdruss wiederholte Phrase, eine hoffnungslose Sache, von der man nichts zu erwarten hat, das ist wenigstens mal, sagt er, ein Stück, das die Sonntagsorchester nicht auf ihre Programme zu setzen wagen.

Als das Konzert dann aufgeführt und sich eine alte Dame über die moderne Musik echauffiert, sagt Ravel dann: „Wenigstens mal eine, die es begriffen hat“.

Das letzte Drittel des Buches widmet sich dann nuancenreich dem allmählichen geistigen und körperlichen Verfall Ravels, was hier nicht im Detail beschrieben werden soll. Echenoz gelingt es wiederum meisterhaft das wechselhafte Voranschreiten von immer neuen Tiefpunkten und Momenten der Hoffnungen gegenüberzustellen. Auch in diesen Abschnitten gibt es wieder herrliche Szenen und Formulierungen, etwa wenn Ravel, der einem jungen Komponisten frenetisch applaudiert, darauf hingewiesen wird, dass dieser junge Kollege sich sehr negativ über ihn äußert. Daraufhin sagt Ravel: „Das muss man auch, wenn man jung ist.“

Dass dieser Verfall Ravels dem Leser trotz (oder gerade wegen?) der spielerisch leichten Erzählweise Echenoz‘ zu Herzen geht, zeigt wie hervorragend, stilsicher und nuancenreich dieses Buch geschrieben ist und wie gut Echenoz sein minimalistisches Schreiben beherrscht. Mir hat dieser Kurzroman sehr gut gefallen und ich empfehle ihn gerne zur Lektüre.

Jean Echenoz, Ravel, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, 2014 (OA: 2006).

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