Kurzbesprechung: Michael Walsh, Keine Angst vor klassischer Musik, 1989.

27_walsh_klassische_musikNach Klassik für Dummies hatte ich das Gefühl, dass es das noch gewesen sein kann. Ich hatte eine grobe Idee der Grundlagen klassischer Musik, aber vieles war doch noch sehr diffus und da ich diese Empfehlung gelesen hatte, dachte ich mir, ich mache gleich weiter mit den Einführungen und lese Keine Angst vor klassischer Musik von Michael Walsh. Merkwürdigerweise fängt dieses Buch ebenso übertrieben anstrengend und überdreht an wie Klassik für Dummies, das scheint zum Genre zu gehören. Der Schwerpunkt liegt in diesem Buch jedoch nicht so sehr auf wirklich blöden Witzen, sondern auf vollkommen merkwürdigen Annahmen über den Leser und Ansprachen desselben im Stile von „Machen wir uns nichts vor: Sie hassen klassische Musik.“, Sie wollen klassische Musik hören, um endlich als „gestandener Mann oder kultivierte Frau“ angesehen zu werden oder „Sie stemmen doch Gewichte, oder etwa nicht?“ Nein, warum denn? Dieser Einstieg lies mich beim Lesen etwas verwirrt zurück, ebenso wie die Idee des Autors, den Leser aufzufordern, einen „es-Moll-Akkord“ auf dem Klavier zu spielen, ohne zu erklären, wie dieser funktioniert, oder die theoretische Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass nicht jeder, der ein derartiges Buch kauft, ein Klavier neben sich stehen hat. Auch der Versuch, die Abkürzung „op.“ u. a. mit den folgenden Sätzen einzuführen, ist zumindest fragwürdig:

Es gibt [bei Schubert] zwei C-Dur-Sinfonien, eben die Große und die Kleine, die Sinfonie Nr. 6. Achtung: Manchmal wird die Große C-Dur-Sinfonie als Sinfonie Nr. 7 bezeichnet. Lassen Sie sich nicht in die Irre führe. Die Nummerierung der Schubert-Sinfonien war früher ein bißchen verschroben. Es gibt eine Siebte von Schubert, aber die ist in E-Dur und wurde nur skizziert…

Und so weiter, und so weiter… Das auf Seite 20 einer Einführung zu schreiben, die gerade erste Grundlagen legen will, ist gewagt. Das hat Klassik für Dummies strukturierter und einsteigerfreundlicher hinbekommen.

Ich habe mich jedoch trotzdem nicht von der Lektüre abhalten lassen und dachte, ich lese mich vielleicht noch ein, leider wurde es absolut nicht besser. Walshs Einführung in die klassische Musik ist in den folgenden thematischen Kapiteln vollkommen unstrukturiert und sprunghaft. Schon die Bezeichnung „thematische Kapitel“ trifft es eigentlich nicht wirklich, denn bei einem Großteil dessen, was Walsh in einem Kapitel schreibt, ist der Bezug zur Kapitelüberschrift offen. Warum erzählt er jetzt die Geschichte der Beatles oder fasst die Handlungen aller möglichen Opern zusammen (was er später noch einmal tut)? Warum spricht er jetzt über Englisch als lingua franca? Oft wirft Walsh auch Fragen auf, ohne auf diese zu antworten. Ein besonders ärgerlicher Punkt sind Ausführungen und Urteile über verschiedenste Themen der Welt, von denen Walsh keine Ahnung zu haben scheint, etwa über die Psychoanalyse, technischen Fortschritt oder den Kommunismus. Einen traurigen Höhepunkt bildet hier eine längere Auslassung über das Nebeneinander von deutscher Hochkultur und Shoah („Weimar und Buchenwald“), die in ihrer Unreflektiertheit, Arroganz und Geschichtsvergessenheit wahrlich traurig ist.

Einige wenige positive Dinge lassen sich auch finden. So kann man Walshs Sprunghaftigkeit auch in Anekdotenreichtum umdeuten: Man erfährt viele nette Geschichten aus der klassischen Musik. Gut wird Walsh eigentlich nur, wenn er in kürzeren Textabschnitten sehr subjektiv einzelne Komponisten charakterisiert und Werke empfiehlt. Hier erfährt man tatsächlich Interessantes und vor allem bekommt man Lust, Musik zu hören, und diese Lust will das Buch laut dem Titel ja vermitteln. Aber genau das ist eigentlich das Problem: Viel zu oft versteht man nicht, was das Buch eigentlich möchte und warum der Autor etwas schreibt. Auf den Punkt bringt diese Grundproblematik ein Satz am Ende eines Kapitels über die Frage, wie man ein klassisches Konzert (wissend) hört: „Wenn Sie einen Funken Seele haben, werden Sie die Botschaft schon bald verstehen.“ Für diese „Anleitung“ hätte ich das Buch nicht gebraucht…

Bevor ich mich weiter ärgere, komme ich lieber zum Abschluss: Keine Angst vor klassischer Musik ist das Gegenteil einer strukturierten und einsteigerfreundlichen Einführung. Bis auf einige Seiten über einzelne Komponisten und Werke gibt es wenig, was die Lektüre lohnt.

Michael Walsh, Keine Angst vor klassischer Musik, aus dem Amerikanischen übersetzt und bearbeitet von Corinna Steinbach, München/Zürich: Piper, 2000 (OA: 1989).

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