Besprechung: Horst Günther, Das Bücherlesebuch, 1992.

28_bucherlesebuchIch mag diese bibliomanen Bücher über Bücher einfach sehr gerne. Es gibt immer wieder spannende Gedanken und interessante Anregungen: zum Denken und natürlich zum Lesen. Horst Günthers Bücherlesebuch ist genau so ein Buch und sein Untertitel Vom Lesen, Leihen, Sammeln: von Büchern, die man schon hat, und solchen, die man endlich haben will zeigt schon, dass es nicht einfach nur ein ganz normales, seriöses Buch dieser Art ist. Diese Bücher – wie etwa Weidermanns Lichtjahre – lese ich auch gerne, noch lieber sind mir aber Bücher wie Günthers Bücherlesebuch: ein bisschen kurios, etwas unsystematisch, aber voller interessanter Hinweise und Gedanken.

Das Merkwürdige an diesem Bücherlesebuch ist, dass uns der Autor eigentlich nie so richtig verrät, was er schreiben will oder worum es geht. Er schreibt sich in vielen kleinen Kapiteln in die Welt der Bücher hinein und man bekommt ganz schnell Lust, sich einfach treiben zu lassen in den Ausführungen dieses klugen Autors. Zunächst geht es ganz allgemein um das Lesen, um die Bedeutung der Lektüre für den Autor, um die Rolle der Literatur in der Gesellschaft und um öffentliche Bibliotheken mit ihren Schätzen und Schwierigkeiten. Das ist interessant zu lesen, weil es irgendwie anders ist als viele andere Bücher zu diesem Thema. Dann geht es um den Aufbau einer eigenen privaten Bibliothek, was Günther mit den folgenden unprätentiösen Worten beschreibt:

Wenn wir also an den Aufbau einer kleinen privaten Bibliothek denken, so ist nicht von Spekulation die Rede, und in einer Zeitung würde es nicht in den Wirtschaftsteil gehören, wie die Investition in aktuelle Kunst. Es geht um das Glück des Lesens und um das Recht eines jeden, an den geistigen Erzeugnissen teilzuhaben. Man ist nicht immer zu allem aufgelegt und allem gewachsen. Deshalb ist nicht von den Büchern die Rede, die man jetzt haben müsse, sondern von denen, die man sich hinlegt, damit sie da sind und auf einen warten. Manche kennen wir längst. Bei denen geht es darum, daß wir sie achten und unsere Erinnerung beleben. Denn manchmal vergessen wir, wie reich wir sind.

Diese Art, die Freude am Lesen und „das Recht eines jeden, an den geistigen Erzeugnissen teilzuhaben“, so direkt mit dem Eingeständnis verbunden zu sehen, dass wir (alle?) nicht immer in der Verfassung sind Vergil, Dante oder Kant zu lesen, hat mir dieses Bücherlesebuch sehr sympathisch gemacht und diese Gleichzeitigkeit von Freude an geistiger Anregung sowie von Spannung und Unterhaltung zieht sich auch durch den späteren, dem ‚Kanon‘ gewidmeten Teil des Buches. So vermittelt der Autor den Eindruck, dass er große Bücher der nahen und fernen Vergangenheit nicht einfach aufzählt, weil sie eben einen großen Namen und Klassikerstatus haben, sondern weil er sie gerne gelesen hat und sie ihn interessieren und geprägt haben.

Bevor sich Günther diesem Kanon widmet, gibt es aber noch einige kurze Ausführungen über die Ordnung in der eigenen Bibliothek und über Leibniz‘ offene Klassifikation. Es ist wahrscheinlich zwanghaft, Zeitverschwendung und einfach albern, aber ich beschäftige mich trotzdem immer wieder mit dem Ordnen meiner Bücher und so habe ich auch diese Ausführungen gerne gelesen und noch manche Kleinigkeit in meinem Regal verändert.

Schließlich teilt uns der Autor auch seinen ganz eigenen Kanon mit und der hat es in sich! Zunächst beschreibt er auf sehr sympathische Weise die Idee hinter seinem Kanon:

Wenn wir jetzt tief Luft holen, um eine Liste auszubrüten, die von all den schönen Büchern, über die wir hier nachdenken, nur ausgerechnet die verflixten 100 enthalten darf, so heißt das: Vorsicht! Diese Bücher sind nicht die, die man, wer auch immer das sein soll, gelesen haben ‚muß‘: Freie Menschen müssen nicht lesen. Aber manche spielen gern, und eine Bücherliste ist ein Spiel. Die einen suchen empört ihre Heiligen, und falls die nicht da sind oder am falschen Platz, schreien sie Zeter und Mordio. Andere lassen sich nichts anmerken, überprüfen aber schnell die Liste auf eventuelle Bildungslücken.

Im Anschluss macht sich Günther dann noch ein wenig über die Idee des Kanons lustig und über den Nobelpreis, der immer an den Größten vorbeigegangen sei, um dann aber doch seine Liste von 100 lesenswerten Büchern zu präsentieren. Und diese Liste hält sich kaum an Konventionen und Genregrenzen, sondern präsentiert – sehr subjektiv – einfach die Werke aus der Geistesgeschichte, die der Autor für am lesenswertesten hält, wobei eine enorme Vielfalt entsteht. Natürlich stehen auf dieser Liste Dante, Shakespeare und Goethe und auch Büchner, Kleist und Hölderlin, aber neben diesen großen Namen der Geschichte der schönen Literatur gibt es auch vieles Weitere, was sich entdecken lässt. Zu diesem Zweck hat Günther die Autoren und Autorinnen immer in Dreiergruppen unter einem Titel gruppiert und das ist unglaublich spannend. Die „Anfänge“, das sind das Gilgamesch-Epos, die Bibel und eine Anthologie griechischer Lyrik; für das Mittelalter stehen die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, Tristan und Isolde und Boccacios Decamerone und unter „Aufklärung ist eine Tätigkeit, kein Zeitalter“ stehen Diderot (Jacob und sein Herr), Rousseau (Der Gesellschaftsvertrag) und Voltaire (Candide). Aber Günther geht nicht nur die Epochen durch, er nimmt sich auch verschiedene Länder vor: „Englische Romane liest man ohnehin“ beinhaltet Poe, Melville und Nabokov, „Frankreichs literarische Revolution“ Stendhal Baudelaire und Flaubert. Das ist soweit noch eine relativ klassische Auswahl schöner Literatur, aber hier bleibt Günther nicht stehen. Unter „Die Politik und der einzelne“ laufen Machiavellis Fürst, Morus‘ Utopia und Montaignes Essays, die „Romantik einmal anders“ sind die Briefe Rahel Varnhagens, die Athenäums Fragmente und Wilhelm von Humboldts Schriften zur Sprachphilosophie. Und noch weiter weg vom normalen literarischen Kanon führen dann Empfehlungen wie Marc Blochs Die Feudalgesellschaft, Auerbachs Mimesis, Aby Warburgs Schriften, Marcel Mauss Aufsätze Soziologie und Anthropologie und ein Buch von Arnold Schönberg über Stil und Gedanke. Ich habe selten eine Bücherliste gelesen, die so originell und vielfältig war, ohne den Eindruck zu vermitteln, dass das Demonstrieren der eigenen Originalität der eigentliche Hauptzweck der Liste ist: Sie ist einfach spannend und bietet viele Anregungen, die man anderer Stelle nicht liest.

Natürlich kann man auch an diesem Bücherlesebuch Dinge kritisieren. Manchmal zeigt sich eine gewisse strukturkonservative Haltung, an einigen Stellen genießt der Autor sein Freidenkertum gar zu sehr, und wenn man in einem Buch über Bücher fast die gesamte Literaturwissenschaft mit dem Argument zur Seite wischt, dass sie vom Lesen der eigentlichen Bücher ablenkt, dann entsteht eine gewisse unfreiwillige Komik, auch wenn es mich als Romanist natürlich gefreut hat, dass gerade Auerbachs Mimesis und Curtius‘ Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter vor Günthers strengem Blick bestanden haben. Aber trotz dieser kleinen Kritikpunkte, habe ich das Buch sehr gerne gelesen und auch danach immer wieder darin geblättert, außerdem hat es mit all seinen überzeugenden Empfehlungen mal wieder dazu geführt, dass mein (realer und imaginärer) Stapel ungelesener Bücher gewachsen ist.

Horst Günther, Das Bücherlesebuch. Vom Lesen, Leihen, Sammeln: von Büchern, die man schon hat, und solchen, die man endlich haben will, Berlin: Wagenbach, 1994 (OA: 1992).

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