Besprechung: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.

29_zweig_welt_gesternMan könnte an Stefan Zweigs großer Autobiografie Die Welt von Gestern, die 1942 posthum erscheint, nachdem sich der Autor im brasilianischen Exil das Leben genommen hat, bestimmt viel kritisieren. So ist unzweifelhaft, dass Zweig „das goldene Zeitalter der Sicherheit“, die Jahre seiner Kindheit und Jugend vor der 1. Weltkrieg, in hohem Maße idealisiert, was einerseits mit den schrecklichen Dingen zu tun hat, die nach 1914 folgen, und was andererseits auch an der privilegierten gesellschaftlichen Stellung liegt, in die Zweig geboren wurde. Dass es nicht allen so gut ging, reflektiert er zwar am Rande, es gerät bei seinen Rückschauen jedoch sehr in den Hintergrund. Auch Zweigs Faktentreue ist immer wieder kritisiert worden, wobei mir diese Kritik heutiger Leser, die ruhig im Lesesessel sitzen und am Weinglas nippen, immer etwas hochmütig erscheint, wenn man sich die Lebensumstände des Exils vor Augen führt. Außerdem könnte man sich an Zweigs Bescheidenheitsgestus stören, der immer wieder sehr zentral gesetzt wird, aber dann doch etwas aufgesetzt wirkt, wenn man die eine oder andere Schilderung aus seinem Leben liest. All das könnte man kritisieren, aber ich habe gar keine Lust, dieser Kritik zu viel Raum zu geben, denn ich habe vor allem eine herrliche Autobiografie eines großes europäischen Intellektuellen gelesen, der wohl fast jeden zeitgenössischen Autor, Intellektuellen oder Künstler persönlich kannte und mit vielen befreundet war und der außerdem ein großes und spannendes Panorama seiner Zeit entfaltet. In dieser Epoche hat sich einerseits gesellschaftlich und politisch sehr viel Schreckliches ereignet, künstlerisch und literarisch aber ist sie gleichzeitig ungeheuer reich und spannend. Beide Aspekte spielen bei Zweig eine große Rolle und zusammen ergibt sich so ein faszinierendes Zeitporträt.

In den ersten Kapiteln widmet sich Zweig der Beschreibung des Milieus, aus dem er (und viele andere Intellektuelle) stammt: dem gehobenen, jüdischen Bürgertum in Wien, welches um die Jahrhundertwende stark in künstlerische und intellektuelle Kreise involviert war. Ausführlich beschreibt Zweig die verschiedenen Elemente, die dieses Milieu ausmachen: das aufstrebende jüdische Bürgertum, das nicht mehr mit dem Leben in den Ghettos Mittel- und Osteuropas zufrieden ist und seine enge Verbindung zur Kunst; die Stadt Wien, damals der Mittelpunkt eines alten Kaiserreichs mit viel Glanz und vielfältigen Einflüssen; der Konservatismus, die Prüderie und die Strenge der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts; die Kaffeehäuser, in denen man sich begegnet und austauscht; und die Schule und Universität, die intellektuell wenig zu bieten haben und vor allem den Vorteil bieten, dass man Gleichaltrige trifft, die ebenfalls jung und interessiert an Neuem und an Kunst sind. Vor allem Zweigs Klasse scheint ein Hort an künstlerischem Interessierten gewesen zu sein, denn mit den Mitschülern entdeckt er die Literatur der Zeit: Hofmannsthal, Schnitzler, das Wiener Burgtheater und vieles mehr.

Auch Zweig wagt bald seine ersten literarischen Gehversuche und etabliert sich schnell als Schriftsteller, er schreibt Gedichte, Theaterstücke und Essays und macht die ersten Bekanntschaften, etwa mit Theodor Herzl, zu dieser Zeit Kulturredakteur einer Zeitschrift, in der Zweig publizieren kann. Bald bleibt es dann nicht mehr bei Wien, Zweig erkundet Europa und die Welt: Berlin, Paris, Italien, London und Indien. Fast überall macht er spannende Bekanntschaften und seine Memoiren lesen sich ein wenig wie ein Who is who der Jahrhundertwende. Vor allem Paris hat es Zweig angetan, hier fühlt er sich wohl und hierhin kehrt er immer wieder zurück. Neben dem eigenen Werk übersetzt Zweig viel aus verschiedenen europäischen Sprachen, dabei hat er sich vor allem dem Werk Émile Verhaerens verschrieben, aber auch ein Stück Pirandellos ist dabei.

Dieses „goldene Zeitalter der Sicherheit“, in dem Zweig erste Werke schrieb, durch Europa reiste und überall intellektuell anregende Freunde findet, endet dann sehr plötzlich mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges. Von hier an tritt die Kunst stärker in den Hintergrund und die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird dominanter: Der 1. Weltkrieg, die Krisen und Ruhephasen der Zwischenkriegszeit und der Nationalsozialismus prägen von nun an die Darstellungen Zweigs, auch wenn Kunst und Literatur weiterhin einen gewissen Stellenwert haben. Vor allem im 1. Weltkrieg ist Zweigs Rolle als politischer Intellektueller durchaus interessant, auch wenn er zunächst eingesteht:

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich bekennen, daß in diesem ersten Aufbruch der Massen etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches lag, dem man sich schwer entziehen konnte.

Bald jedoch wendet sich Zweig angetrieben durch seinen Pazifismus und durch persönliche Bekanntschaften einem gewissen öffentlichen Widerstand gegen den Krieg zu, wobei er selbst betont, dass dies nach 1914 noch viel eher möglich war als im 2. Weltkrieg. Trotzdem begibt sich Zweig mit dieser Positionierung in eine Außenseiterrolle und setzt sich Anfeindungen aus. Verbündete für seine Position findet er in Österreich und Deutschland nur wenige, stattdessen hat er Kontakte auf der Seite des Feindes und in die Schweiz. Als das organisatorische Zentrum des intellektuellen Widerstands gegen den Krieg stellt Zweig immer wieder Romain Rolland dar, der trotz schwacher Gesundheit unermüdlich gegen den Krieg anschreibt und außerdem in der medizinischen Versorgung hilft. Zweig bezeichnet ihn als das „Gewissen Europas“ und als den „menschlichsten unter den Dichtern“. Zweig selbst muss zwar nicht als Soldat in den Kampf, trotzdem befindet er sich zeitweilig in der Nähe der Front. So erfährt er das Elend des Krieges mit seinen Verletzten, Verstümmelten und Toten aus erster Hand und kann es mit den Propagandabildern der „Wortemacher des Krieges“ (Werfel) vergleichen, die in Wien, Prag und Berlin von den Erfolgen der eigenen Truppen und den Verlusten des Feindes berichten.

Für mich besonders interessant war, wie aktuell und warnend bestimmte Passagen Zweigs klingen. So spricht Zweig immer wieder von der „Einigung Europas“ und der Hoffnung auf diese. Mir war nicht klar, dass diese Formulierung zu dieser Zeit schon verwendet wurde, aber sie findet in Zweigs europäischer Lebensweise auf jeden Fall ihre Berechtigung.

Auch ein weiteres Zitat ist vor dem Hintergrund der aktuellen Situation sehr spannend, so schreibt Zweig:

Es ist vielleicht schwer, der Generation von heute, die in Katastrophen, Niederbrüchen und Krisen aufgewachsen ist, denen Krieg eine ständige Möglichkeit und eine fast tägliche Erwartung gewesen, den Optimismus, das Weltvertrauen zu schildern, die uns junge Menschen seit jener Jahrhundertwende beseelten. Vierzig Jahre Frieden hatten den wirtschaftlichen Optimismus der Länder bekräftigt, die Technik den Rhythmus des Lebens beschwingt, die wissenschaftlichen Entdeckungen den Geist jener Generation stolz gemacht; ein Aufschwung begann, der in allen Ländern unseres Europas fast gleichmäßig zu fühlen war. […] Wenn man heute ruhig überlegend sich fragt, warum Europa 1914 in den Krieg ging, findet man keinen einzigen Grund vernünftiger Art und nicht einmal einen Anlaß. Es ging um keine Ideen, es ging kaum um die kleinen Grenzbezirke; ich weiß es nicht anders zu erklären als mit diesem Überschuß an Kraft, als tragische Folge jenes inneren Dynamismus, der sich in diesen vierzig Jahren Frieden angehäuft hatte und sich gewaltsam entladen wollte.

Ich bin kein großer Freund davon, Parallelen zwischen verschiedenen historischen Situationen zu ziehen, weil so häufig mehr verstellt als gezeigt wird. Einzelnes kann aber durchaus interessant sein und in diesem Zitat Zweigs finde ich es spannend zu sehen, dass er die lange Friedenszeit vor 1914 dafür verantwortlich macht, dass sich eine bestimmte Generation die Schrecken eines Krieges gar nicht mehr vorstellen konnte, was unter anderem in den Krieg führte. Auch heute scheint es mir, als ob viele Menschen den Vorzug der europäischen Einigung – seit 1945 gab es keinen Krieg mehr zwischen den Mitgliedsstaaten der EU – gar nicht mehr als solchen wahrnehmen und diese historische Errungenschaft in ihrem Ärger und Nationalismus einfach vergessen.

Als letzter Punkt zum 1. Weltkrieg sei hier noch auf eine merkwürdige Ungleichheit in der Einschätzung Zweigs hingewiesen: Während sein goldenes Zeitalter der Sicherheit hier endet, beginnt nun in seiner eigenen künstlerischen Produktion die Zeit, die er selbst im Rückblick schätzen kann – alles zuvor Geschriebene wird ihm zu einem unreifen Frühwerk, dass er nicht mehr wiederauflegen lässt.

So interessant der politische Intellektuelle und Chronist Stefan Zweig auch ist, noch mehr hat mich in seiner Autobiografie eine andere Rolle gereizt und zwar die als Künstler, Künstlerfreund und Porträtist. Diese macht, wie zuvor geschrieben, einen anderen großen Teil des Buches aus: Zweig reist durch Europa und kennt die Künstler und Intellektuellen seiner Zeit. Porträts bilden ja auch einen großen Teil des Werkes von Zweig und auch in Die Welt von Gestern finden sich immer wieder kleine Porträts, Zweig beschreibt Begegnungen und Lektüreerfahrungen. Und das Repertoire ist fast unerschöpflich: Hofmannsthal, Rilke, Freud, Schnitzler, Rolland, Verhaeren, Barbusse, Rodin, Gorkij, Joyce, Pirandello, Richard Strauss und man könnte weitere nennen. Stefan Zweig kennt sie alle und weiß über alle interessante Eindrücke zu berichten. Dieses intellektuelle europäische Netzwerk ist einfach unglaublich beeindruckend und es hat mir große Freude gemacht, zu lesen, was Zweig von seinen Bekanntschaften immer wieder berichtet. Gleich eine der ersten intellektuellen Erfahrungen Zweigs ist der junge Hofmannsthal in Wien, den er als ein alles überlagerndes Genie schildert, welches durch seine Erhabenheit und Ausdrucksstärke den etwas jüngeren Zweig unglaublich einschüchtert. Genauso spannend ist Zweigs Darstellung des Optimismus‘ Verhaerens, der in den technischen und sozialen Entwicklungen der Zeit so viel Positives sieht, dass er eine ganze Generation mitreißt. Auch die Begegnungen mit Rilke in Paris oder die Beobachtung von Rodin bei der Arbeit an einer Statue geben einfach ungeheuer interessante Einblicke in das künstlerische Leben der Zeit. Hier hat man Lust immer weiter und weiter zu lesen, wenn man nicht wüsste, dass irgendwann das Kapitel „Incipit Hitler“ folgt…

Wenn man dann doch noch etwas an Zweigs Buch kritisieren möchte, dann wäre es vielleicht sein Aberglaube und seine (leicht) esoterische Ader, die sich etwa zeigen, wenn er von den Toden einiger Schauspieler im Kontext von Proben seiner Stücke berichtet. Aber das sind nur kurze Episoden, sodass man sie verschmerzen kann und so bleibt eine der interessantesten Leseerfahrungen seit langem. Zweig schafft ein wunderbares Zeitporträt des Europas, dass er lebt und liebt. Dabei ist es sein Blick auf die politischen und kriegerischen Spannungen einerseits und die vielen Schilderungen seiner intellektuellen Kontakte und Begegnungen andererseits, die dieses Buch so lesenswert machen.

Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Frankfurt a. M.: Fischer, 2007 (OA: 1942).

Diese Besprechung ist Teil meines Lesevorhabens zur literarischen Moderne.

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1 Kommentar zu „Besprechung: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.“

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