Literarisches Fundstück: Flann O’Brien & die Buchhandhabung I

Neulich habe ich dem Haus eines frischverheirateten Bekannten einen Besuch abgestattet, und dieser Besuch gab mir zu denken. Mein Bekannter ist sehr vermögend und sehr vulgär. Als er sich drangemacht hatte, Bettstellen, Tische, Stühle und was nicht alles zu kaufen, kam ihm die Idee, auch eine Bibliothek anzuschaffen. Ob er lesen kann, weiß ich nicht, aber irgendeine primitive Beobachtungsgabe sagte ihm, daß die meisten Menschen von Rang und Ansehen jede Menge Bücher im Haus haben. Also kaufte er mehrere Bücherschränke und bezahlte einen schurkigen Mittelsmann dafür, sie mit neuen Büchern aller Art vollzustopfen, darunter einige sehr kostspielige Bände, welche die französische Landschaftsmalerei zum Thema hatten.

Ich bemerkte bei meinem Besuch, daß keins dieser Bücher je geöffnet oder angefaßt worden war, und erwähnte diese Tatsache.

„Wenn ich mich erst mal ein bißchen eingelebt habe“, sagte der Narr, „komme ich auch wieder dazu, etwas Lektüre nachzuholen.“

Und das gab mir zu denken. Warum sollte so ein wohlhabender Mensch sich die Mühe machen und so tun, als läse er überhaupt? Warum sollte da nicht ein professioneller Buchhandhaber auf den Plan treten und seine Bibliothek für Soundsoviel pro Regal angemessen zerzausen? So ein Mensch könnte, die nötige Qualifikation vorausgesetzt, ein Vermögen verdienen.

Gefunden in: Flann O’Brien, Trost und Rat. Die besten Kolumnen aus der „Irish Times“, aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Zürich/Berlin: Kein & Aber, 2011 (OA: 1968), S. 20.

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