Besprechung: Karl May, Winnetou, Band 1-3, 1893.

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Cover von 1893 (gemeinfrei)

Die Geschichte, wie ich dazu gekommen bin, diese Bücher zu lesen  (bzw. wieder zu lesen), ist eine etwas andere als sie es bei den meisten von mir gelesenen Büchern ist. Normalerweise lese ich Bücher, die mir in anderen Blogs oder im Feuilleton positiv auffallen, oder Klassiker, die ich sowieso schon lange gelesen haben wollte. Manchmal sind es auch Geschenke, Tipps von anderen Menschen oder Ergebnisse intuitiven Herumsuchens in Buchhandlungen und Antiquariaten bzw. ebenso unsystematischen Herumklickens im Internet. Zu der Lektüre der Winnetou-Bücher hingegen kam es dadurch, dass ich mich zu einer mehrmonatigen Reise aufgemacht habe. Um die Versorgung mit Lesestoff sicher zu stellen, habe ich mir nach (sehr) langem Ringen einen Ebook-Reader zugelegt, wobei die rationalen Argumente recht schnell durchdacht waren und danach nur noch Kopf und Bauch miteinander gerungen haben. Schließlich aber hat der Kopf gewonnen und ich machte mich im Internet auf die Suche nach gemeinfreier Literatur, denn die Vorstellung, mir für fast den gleichen Preis eine Datei statt eines Buchs zu kaufen, fiel mir dann doch sehr schwer. (Übrigens haben es trotz des Readers doch noch ein oder zwei Bücher in meinen Rucksack geschafft…) Wenn man dann diese Listen und Foren durchscrollt, findet man neben Goethe, Schiller, Stifter, Fontane und Zweig (einer der letzten, da das Urheberrecht ja 70 Jahre nach dem Tod erlischt) sowie zahlreichen historischen Übersetzungen internationaler Klassiker, über deren Qualität ich mir noch nicht so ganz im Klaren bin, auch Karl May, einen Autor, dessen Werke ich, wie viele Andere auch, in meiner Jugend wieder und wieder verschlungen habe, an den ich jetzt aber schon seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendet habe. Meine Neugier war geweckt: Welchen Eindruck würden diese Texte heute auf mich machen, nachdem ich einige Jahre älter geworden bin und außerdem manchen literarischen Text der Zeit Karl Mays gelesen habe? Mit welchen Augen würde ich diese Texte, an deren Figuren Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkens, Klekih-petra und Santer ich noch viele Erinnerungen habe, heute lesen? Das Interesse war da und neben vielen anderen Texten, die für eine weit längere Reise reichen würden, als ich sie vorhabe, landeten auch einige der Wild-West-Bücher Karl Mays (Die anderen habe ich nie gelesen.) auf meinem Reader. Und tatsächlich waren es die Winnetou-Romane, die fast als erstes mein Interesse auf sich zogen und gelesen wurden. Ganz allgemein kann man wohl schon daran sehen, dass ich alle drei Teile gelesen habe, dass diese Texte immer noch funktionieren und eine gewisse Faszination ausüben, auch wenn ich einschränkend hinzufügen muss, dass ein Teil dieser Faszination wohl an dem Wiederaufleben von Jugenderinnerungen liegt und dass die ewige Abfolge aus Ritten, Kämpfen, Gefangennahmen und Befreiungen trotzdem spätestens im dritten Teil zunehmend monotoner wurde.

Am stärksten aufgefallen im Vergleich zu meinen Jugendlektüren ist mir wie stark Karl May mit seinen Geschichten, Themen und Wertungen im 19. Jahrhundert verwurzelt ist. Las ich früher einfach Abenteuer- und Indianerromane, wie es sie in der Kinder- und Jugendliteratur in großen Mengen gibt, so fällt mir heute viel mehr die Zeitgebundenheit der Romane auf. Einer der wichtigsten Punkte dabei ist natürlich die Darstellung der Indianer selbst, die bei Karl May immer zwischen einem rousseauistisch geprägten Ideal des ‚edlen Wilden‘ und dem Bild blutrünstiger Barbaren changiert. Immer klar ist dabei, dass die Indianer unter den Weißen stehen, es handelt sich eben um ‚Wilde‘, die sich nicht zivilisieren lassen wollen oder dazu kulturell nicht in der Lage sind. Entsprechend ist es immer etwas Anderes, wenn ein Weißer stirbt, als wenn ein Indianer stirbt, und selbst Old Shatterhand, das Vorbild an christlicher Güte und Gerechtigkeitsstreben, ist in höherem Maße betroffen, wenn ein weißer Verbrecher stirbt, als wenn das gleiche einem Indianer widerfährt. Immer wieder wird bedauert, dass die Indianer dem Untergang geweiht sind, aber letztlich wird das von allen als unvermeidliche Tatsache angesehen, da diese ‚Wilden‘ eben nicht zivilisierbar sind. Dass auch eine Verhaltensänderung der weißen Siedler hier Abhilfe schaffen könnte, wird überhaupt nicht reflektiert.

Noch schlechter weg kommen in den Romanen schwarze Menschen (zeittypisch durchgehend ‚Neger‘ genannt). Natürlich steht man bei Karl May als guter Mensch auf Seiten der Nordstaaten und ist für die Abschaffung der Sklaverei und gegen den aufkommenden Kuklux-Clan, aber trotzdem ist die Distanz zu Schwarzen groß. Ganz natürlich bekommen sie immer die schlechtesten Pferde und Waffen, haben (ganz natürlich, nicht auf Grundlage festgeschriebener Dienstverhältnisse) die Stellung von Dienern, während der Rest der Gesellschaft Partner oder Freunde sind, und müssen häufig bei den Pferden Wache halten, während die anderen sich beraten oder gemeinsam essen. Manchmal wird dies noch durch andere Anwesende als die Hauptcharaktere begründet, denen der Schwarze vielleicht unangenehm sein könnte, oft ist es aber auch ohne Begründung einfach so. Insgesamt ist ihre Darstellung zwar durchaus positiv, aber trotzdem in hohem Maße rassistisch: Schwarze sind bei Karl May meistens irgendwie gutmütig und treu, aber unbeholfen und einfältig, außerdem haftet ihnen häufig ein animalisch-triebhafter Zug an.

Ebenso spannend wie diese Bilder von Menschengruppen ist in Bezug auf die Zeitgebundenheit der Romane die Rolle des Christentums. Hier ist die Figur des Ich-Erzählers Old Shatterhand zentral, die gleichzeitig als ‚Parade-Christ‘ und Sprachrohr des Autors angelegt ist. Old Shatterhand beeindruckt  (teilweise löst diese Haltung auch Mitleid oder Hohn aus) seine Umgebung durch sein christlich-barmherziges Verhalten: Er verschont viele seiner Feinde, indem er sie mit der Faust niederschlägt und wieder auf freien Fuß setzt, wenn sie ihm nicht mehr direkt gefährlich werden können. Dieses Verhalten ist zwar gütig und wird auch im Roman so gewertet, eigentlich ist es in der beschriebenen Welt jedoch notorisch dysfunktional, da natürlich alle Feinde Old Shatterhands grundböse Menschen sind, die diesem direkt nach ihrer Freilassung wieder an den Kragen wollen, andere, weniger wehrhafte Menschen töten oder anderweitiges Unheil treiben. Dieses Problem wird jedoch in den Romanen nicht oder kaum thematisiert, da der Autor wohl an der Probagierung dieses Christentums interessiert war. Wegen dieser Haltung gerät Old Shatterhand immer wieder mit anderen Protagonisten, so auch mit Winnetou aneinander, die ihm hierin nicht folgen wollen. Interessant sind dabei auch immer wieder auftretende Diskussionen über die Werte der christlichen Religion, die Old Shatterhand mit so viel Konsequenz und Elan vertritt, während viele andere weiße Christen den Indianern mit aller Brutalität und Hinterlist ihr Land und ihr Eigentum rauben und dabei in den Romanen meistens für die schlimmeren Verbrechen verantwortlich sind als die unzivilisierten Indianer. Diesen Widerspruch kann auch der Ich-Erzähler nicht wegdiskutieren, der zwar darauf verweist, dass es eben überall gute und böse Menschen gibt, dessen Anspruch auf eine generelle Überlegenheit des Christentums die Romane (und wohl auch die Realität) jedoch nicht einlösen. Besonders interessant ist dann das Verhältnis Winnetous zum Christentum. Dieser verbittet sich von Anfang an jegliche Bekehrungsversuche seines Blutsbruders Old Shatterhand, was jener mit dem Wissen um die Langzeitwirkung seines guten Vorbilds auch akzeptiert. Trotz dieser Verweigerung erkennt Old Shatterhand, der gegen jeglichen ‚Mummenschanz‘ indianischer Medizinmänner geradezu allergisch ist, doch von Anfang an ein werteorientiertes vernunftreligiöses Weltbild bei Winnetou, welches seinem Christentum durchaus nahesteht. Die letztliche Bekehrung Winnetous, die im Kontext eines Ave-Maria-Gesangs und seines bald folgenden Todes steht, ist an triefendem Kitsch kaum zu überbieten und gehört zu den schlechtesten Passagen der Romane.

Trotz dieser Aspekte, die einen ja abschrecken und stören könnten, hat mir die Lektüre der Winnetou-Romane auf eine bestimmte Art wieder Spaß gemacht und dafür gibt es, neben meinen Jugenderinnerungen, verschiedene Gründe. So kann man schlicht und einfach festhalten, dass diese Romane als Abenteuerliteratur gut funktionieren, Karl May versteht es, Spannung zu erzeugen, interessante Figuren zu schaffen und insgesamt eine Geschichte zu erzählen, die einen in ihren Bann schlägt. Auch wenn man natürlich weiß, dass die handelnden Figuren immer überlegen sind und so jede Episode an ihr gutes Ende kommt, so will man doch wissen, wie es weitergeht und wie sie dieses Mal ihren Kopf aus der Schlinge ziehen. Außerdem kann ich die aufgeführten Aspekte einem Roman des 19. Jahrhunderts viel eher als Zeitphänomene verzeihen als einem moderneren Roman. Denkstrukturen dieser Art finden sich ja auch in vielen Klassikern dieser Zeit, die wir heute trotzdem noch aufgrund ihrer literarischen Qualitäten lesen und schätzen. Neben dieser Freude am Lesen der Geschichte tritt ein eher literaturwissenschaftliches Interesse an der Denkweise und dem Weltbild der Zeit und des Autors, die sich etwa in den angesprochenen Phänomenen zeigen. Hier fände ich es fast spannend doch einmal einen der in meiner Jugend verschmähten Orientromane Karl Mays zu lesen, um zu die Darstellung der Araber und Berber mit der der Indianer zu vergleichen…

Karl May, Winnetou, Band 1-3, OA: 1893 (gelesen als gemeinfreie Datei aus dem Internet).

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2 Kommentare zu „Besprechung: Karl May, Winnetou, Band 1-3, 1893.“

    1. Hallo Marc,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Deinen Beitrag habe ich jetzt auch gelesen, er hat mir sehr gut gefallen und ich fand es nett zu sehen, wie sich die Erfahrungen beim Wiederentdecken dieser Werke ähneln und dann doch in Manchem unterscheiden.
      Liebe Grüße!

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