Besprechung: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, 1888.

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Bild der Ausgabe, die zu Hause im Regal steht, die ich auf Reisen leider nicht lesen konnte…

Es gibt diese Werke, bei denen hat man das Gefühl, dass sie eigentlich jeder – außer einem selbst – schon mindestens seit der Schulzeit gelesen hat. Ich glaube fast jeder, außer vielleicht den ganz Belesenen, hat diese Schwächen. Bei mir gehört etwa Brecht dazu, von dem es ja einige klassische Schullektüren gibt, die aber allesamt an mir vorbei gegangen sind (Im Semester zur Exilliteratur lasen wir in der Oberstufe Anna Seghers und Klaus Mann.). Fast genauso schlecht bestellt ist es bei mir um Grass und auch bei Shakespeare habe ich erhebliche Mängel… Aus zwei Gründen finde ich diese Leselücken jedoch gar nicht so schlimm: Erstens liegt ja hoffentlich noch ein langes Leseleben vor mir, in dem ich sie nach und nach füllen kann und zweitens heißt das ja auch, dass, wenn diese Klassiker halten, was sie versprechen, noch viele großartige Lektüren vor mir liegen, die bei Anderen schon im Regal und Gedächtnis verstauben. Das ist doch ganz tröstlich!

Eine dieser bisher ungelesenen Schullektüren, die ich jetzt endlich gelesen habe, ist auch Der Schimmelreiter von Theodor Storm, dem großen norddeutschen Realisten. In diesem Fall haben sich die Erwartungen erfüllt, denn – so viel sei vorweg genommenen – Der Schimmelreiter ist eine wunderbar erzählte und konstruierte Novelle, die den Leser mitnimmt in spannende Konflikte des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die Novelle beginnt, ganz genretypisch, mit einer Rahmung, die in diesem Fall gleich zweifach angelegt ist: Ein alternder Erzähler erinnert sich an eine Begebenheit, die er in sehr viel früheren Zeiten im Hause seiner Großmutter in der Zeitung gelesen hat. In dem Zeitungsbericht wiederum erzählt ein anderer Erzähler, was ihm widerfahren ist, doch auch in dieser Erzählung gibt es nur einige Handlungselemente – der Erzähler reitet bei Sturm den nordfriesischen Deich entlang, begegnet dabei dem mysteriösen Schimmelreiter und kehrt danach vom Sturm und dem Schreck der Begegnung getrieben in ein Gasthaus ein -, sie bietet jedoch eigentlich vor allem den Anlass für die dritte Erzählebene. Im Gasthof berichtet der zweite Erzähler von seiner Begegnung, woraufhin ihm vom örtlichen Schulmeister die Geschichte des Schimmelreiters erzählt wird. Erst auf dieser dritten Ebene spielt sich dann ein Großteil der eigentlichen Handlung ab, wobei sie an wenigen Stellen kurz durch Verweise auf die zweite Ebene unterbrochen wird.

Der Schulmeister erzählt also die Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien, desjenigen, der später zum Schimmelreiter wird. Diese Geschichte lässt sich eigentlich recht kurz zusammenfassen: Hauke Haien lebt als Junge am nordfriesischen Deich, er ist schon früh ein Eigenbrödler, der viel nachdenkt und sich mit den Deichen und dem Meer beschäftigt. Später wird er dann zum Knecht des Deichgrafen und schließlich zu dessen Nachfolger, der auch seine Tochter heiratet. Aus verschiedenen Gründen, auf die ich gleich noch ausführlicher eingehe, hat es Hauke Haien im Dorf nicht leicht. Um schließlich doch akzeptiert zu werden, plant und baut er einen neuen und neuartigen Deich, durch den dem Meer viel neues Land abgerungen werden kann. Die Stimmung im Dorf bleibt trotzdem gegen ihn gerichtet und so kommt es bei einer Sturmflut letztlich zum dramatischen Ende des Deichgrafen, das hier nicht näher ausgeführt werden soll, aber trotzdem erwähnt werden kann, denn bei der Vielzahl der Andeutungen im Text kann es eigentlich für keinen Leser mehr überraschend kommen.

Wie so oft in realistischen Texten geht es nicht so sehr um den Kern der Handlung, sondern vielmehr um die Nuancen der Erzählung und die Art, wie das ganze Umfeld und die Themen angelegt sind (Erinnert sei hier etwa an die berühmte Entstehungsgeschichte von Flauberts Madame Bovary, die auf einem einfachen fait divers beruht und trotzdem zu einem der größten realistischen Romane wurde.). Mich haben bei der Lektüre neben dem sehr netten norddeutschen Lokalkolorit zwei Dinge besonders fasziniert, zum einen die Anlage des Konfliktes zwischen Hauke Haien und den Dorfleuten, angeführt von Ole Peters, und zum anderen die Einbettung des Fantastischen in die realistische Erzählung.

Hauke Haien ist wie gesagt von Kindheit an ein Eigenbrödler, der sich von den Anderen zurückzieht, viel liest, beobachtet und sich Gedanken macht. Dabei ist klar, er ist kein einfacher Charakter. Sehr deutlich wird das an verschiedenen Textstellen, die fast alle mit Tieren zu tun haben und bei denen man als Leser immer eine gewisse dunkel raunende, böse Vorahnung bekommt. Schon als Junge bewirft Hauke häufig Vögel am Strand mit Steinen, später kommt es dann in einer fast märchenhaft merkwürdigen Szene dazu, dass er einen Kater erwürgt, dem er zuvor immer tote Vögel mitbrachte. Noch später dann nimmt er sich dem titelgebenden Schimmel an, einem verwilderten Pferd, das allen Anderen unheimlich ist und sich nur von Hauke zähmen lässt. Auch im Umgang mit Menschen ist der Deichgraf nicht einfach, was sich besonders bei seiner kompromisslosen und wenig vermittelnden Durchsetzung seiner Deichbaupläne zeigt. Trotzdem ist Hauke durchaus sympathisch, etwa im häuslichen Umgang mit seiner Frau und seiner offenbar geistig behinderten Tochter, hier zeigt er sich sehr liebevoll. Auch sonst ist er sehr arbeitsam und einfach in seinen Bedürfnissen. Dass das Verhältnis zu den Leuten im Ort so schlecht ist, hat vor allem damit zu tun, dass diese mit seiner Überlegenheit und seinem starken Willen nicht zurecht kommen. Hier wird auf spannende Weise ein Konflikt zwischen der Gruppe und dem einzelnen überlegenen Individuum dargestellt, der immer wieder von dem erwähnten Ole Peters befeuert wird, der Hauke aus gemeinsamen Knechtszeiten kennt und schon damals eine Ablehnung gegen ihn entwickelte. Storm entwickelt dieses Verhältnis auf sehr interessante und differenzierte Weise. So steht man als Leser zwar auf der Seite Hauke Haiens, man erkennt jedoch immer wieder auch, dass dieser an den Konflikten nicht unbeteiligt ist.

Der zweite interessante Aspekt des Textes, die Einbettung des Fantastischen in die realistische Erzählung, was sich ja vordergründig auszuschließen scheint, beginnt schon auf der Ebene der Rahmenerzählung: Der Erzähler begegnet in Sturm und Regen dem Schimmelreiter auf dem Deich und kann dies nicht fassen, wobei er sich trotzdem sicher ist, ihn gesehen zu haben, worauf später auch noch einmal Bezug genommen wird. Der Schulmeister, der die Binnenerzählung dann erzählt, wird dezidiert als „Aufklärer“ eingeführt, der die Geschichte des Deichgrafen zwar erzählt, er tut dies jedoch, wie ein Anderer ankündigt, „nicht so richtig, wie zu meinem Haus meine alte Wirtschafterin Antje Vollmers es beschaffen würde“. Das bewahrheitet sich dann auch und der Schulmeister erzählt die Geschichte Hauke Haiens ohne eigentlich Bezug zu nehmen auf die Gestalt des Schimmelreiters, dies geschieht dann nur noch in einigen dürren Andeutungen nach der eigentlichen Erzählung. Durch diesen Kniff wird über das fantastische Phänomen des Schimmelreiters eine realistische Geschichte erzählt, die jedoch durch die vorherige Begegnung des zweiten Erzählers mit dem Schimmelreiter und durch die Bekräftigung von dessen Existenz durch andere trotzdem in einen fantastischen Kontext eingebunden wird. Auch in der Erzählung des Schulmeisters spielt der Aberglaube des Dorfvolkes immer wieder eine Rolle, etwa wenn es um den Schimmel geht, dem die Dorfleute etwas teuflisches nachsagen, oder bei der Fertigstellung des Deiches, bei der die Arbeiter unbedingt noch etwas „Lebiges“, das heißt einen lebenden Hund im Deich vergraben wollen, da der Deich dem Volksglauben nach nur dann hält. Dies verhindert Hauke und auch an anderen Stellen wird der Aberglaube von ihm oder vom Erzähler als „Altweibergewäsch“ und Unsinn abgetan. Aber die Dorfleute glauben an ihre Wahrheiten und so entsteht auch hier wieder eine Differenz zwischen Hauke Haien und den Dorfleuten, die es nicht akzeptieren können, dass er den Hund rettet oder das Teufelspferd behält. Hier vermischt sich der dörfliche Aberglaube mit der Ablehnung des überlegenen Deichgrafen. Insgesamt ist diese Vermischung von realistischer Erzählung und fantastischen Elementen sehr gelungen und raffiniert gemacht, denn obwohl es ja letztlich schon im Titel um ein solches fantastisches Element geht, hält Storm dies immer so in der Schwebe und im Hörensagen des Volksglaubens oder der Ungenauigkeit einer blitzschnellen, erschöpften Wahrnehmung, dass die realistische Erzählung nie durchbrochen wird; nie lässt sich ein fantastisches Element irgendwo klar der Realität der Erzählung zuordnen.

Der Schimmelreiter ist also eine faszinierende Novelle Theodor Storms, die mit ihrer feinfühligen und präzisen Darstellung der sozialen Beziehungen auf dem Dorf und ihrer wunderbar in der Schwebe gehaltenen Einbeziehung des Fantastischen in die realistische Erzählung einmal mehr zeigt, was für eine kunstvolle Epoche der Realismus ist, eine Tatsache, die mit Blick auf die Vielzahl der spannenden literarischen Strömungen nach dem Realismus manchmal in Vergessenheit gerät.

Theodor Storm, Der Schimmelreiter, OA: 1888 (gelesen als gemeinfreie Datei aus dem Internet).

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2 Kommentare zu „Besprechung: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, 1888.“

  1. Bei mir sind ja in der Schulzeit auch so einige Klassiker an mir vorbeigeganen. Aber den Schimmelreiter mussten wir lesen. Und ich mochte es sehr. Wohl auch, da wir erst einmal jeder für sich dieses Buch lesen musste. Erst danach kamen die vielen Stunden der Buchbesprechung. Ach, ich sollte es auch noch einmal lesen….
    LG

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