Kurzbesprechung: Karl May, Der Schatz im Silbersee, 1890/91.

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Cover der ersten Buchausgabe, gemeinfrei, Quelle: karl-may-wiki.de

So ganz losgelassen hat mich die Lust an der Karl-May-Lektüre nach meinen Erfahrungen bei der Wiederentdeckung der Winnetou-Romane dann doch nicht und so erinnerte ich mich an Der Schatz im Silbersee, einen Wild-West-Roman Karl Mays, den ich als Jugendlicher besonders gerne gelesen habe. Beim Nachlesen auf Wikipedia habe ich dann herausgefunden, dass das auch ganz logisch ist, denn Karl May hat diesen Roman wie auch einige andere explizit als Jugendroman geschrieben. Das weckte dann meine Neugier: Was unterscheidet diesen Roman von den Winnetou-Büchern, die ja heute landläufig auch als Jugendromane wahrgenommen werden? Nun, es gibt doch einige Unterschiede, die es logisch erscheinen lassen, dass Karl May diesen Roman für eine andere Altersgruppe geschrieben hat.

 

Zunächst ist der Charakter der Geschichte ein anderer. Während die Winnetou-Romane doch zumindest größtenteils durch einen Handlungsbogen zusammengehalten werden, ist es hier ganz anders. Es werden immer neue Episoden aneinandergereiht, die zwar oberflächlich durch die Hauptpersonen und ihre Gegner miteinander verbunden werden, die jedoch in Art und Weise sowie Reihenfolge letztlich austauschbar wären. Es geht Karl May einfach darum, seine Protagonisten einige Abenteuer erleben und bestehen zu lassen, wobei sie durch ihre Überlegenheit immer ungefährdet aus diesen Abenteuern herauskommen. Da besteht nie eine echte Gefahr. Dies führt dann auch zu einem weiteren Unterschied zu den Winnetou-Büchern: Zwar sterben auch in Der Schatz im Silbersee reihenweise Menschen, möglicherweise sind es auf die Kürze der Zeit gesehen sogar mehr als in Winnetou, aber hier gibt es keine dramatischen oder traurigen Tode von Hauptpersonen (Man denke nur an Klekih-petra, Intschu tschuna, Nscho-tschi oder Winnetou selbst.), und nur die sind es ja letztlich, die in einem Wild-West-Roman oder auch in einem Actionfilm berühren. Haufenweise sterbende ‚Komparsen‘ hingegen nimmt man kaum wahr.

Außerdem liegt ein weiterer Unterschied in der hohen Dichte an kuriosen, kauzigen und lustigen Figuren, die sich neben den großen Drei, Old Firehand, Winnetou und Old Shatterhand, in einer Art Best-Of der Karl-May-Figuren über den Roman hinweg in einer Gruppe ansammeln. Da gibt es den Hobble-Frank, der stark humpelt, dank seines Witzes jedoch trotzdem bei einem Wettrennen um Leben und Tod gewinnt, die Tante Droll, einen in Frauenkleidern steckenden Privatdetektiv, den dicken Jemmy und den langen Davy, wobei ersterer den Hobble-Frank fortwährend auf falsch verwendete Redewendungen und Fremdwörter hinweist und letzterer als gescheiterter Schauspieler nur in Versen spricht. Diese kuriose Truppe besteht (fast?) nur aus Deutschen und zwar aus Sachsen, die sich allesamt sehr daran erfreuen im fernen Westen auf Landsleute zu treffen. Eine kuriose Szene, die ich noch aus Jugendzeiten in Erinnerung habe, in der mitten in der Prärie am Lagerfeuer über die korrekte sächsische Aussprache des Wortes meißtenteils diskutiert wird – heißt es merschtenteils, meißtenteels, merschtenteels oder doch ganz einfach meißtenteils? – muss sich doch in einem anderen Karl-May-Roman befinden, obwohl sie sehr gut in diese Atmosphäre gepasst hätte.

Insgesamt ist das alles ganz nett und unterhaltsam und dabei viel harmloser als die Winnetou-Romane, man merkt dem Schatz im Silbersee sehr an, dass er für ein jüngeres Publikum geschrieben wurde. Die kuriosen Figuren und Unterhaltungen tragen jedoch auch diesen Roman, sodass er mit dem Wissen darüber, worauf man sich einlässt, durchaus zu empfehlen ist.

Karl May, Der Schatz im Silbersee, OA: 1890/91, 1894 (gelesen als gemeinfreie Datei aus dem Internet).

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