Besprechung: James Fenimore Cooper, Lederstrumpf, Bd. 1: Der Wildtöter, 1841.

Cover einer deutschen Ausgabe von 1888, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

Mit Der Wildtöter, dem chronologisch ersten, historisch aber letzten Teil von James Fenimore Coopers Pentalogie Lederstrumpf, wird hier schon wieder ein Wild-West- und Abenteuerroman besprochen, aber ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, es wird fürs Erste der letzte sein. Wie es zu diesem unerwartet aufflackerndem Interesse gekommen ist, kann man in meinem Artikel zu Winnetou nachlesen und von diesem Roman her rührt letztlich die Idee jetzt auch noch den Lederstrumpf zu lesen. Denn an verschiedenen Stellen wird bei Karl May auf die Romane Coopers Bezug genommen und zwar in Ablehnung: Wenn ein ‚Greenhorn‘, ein Neuling, in den Westen kommt, dann wird er gefragt, ob er die Romane Coopers gelesen habe, und wenn er dies bejaht, wird er belehrt, dass die Realität, wie er selbst noch merken werde, ganz anders sei als die idealisierte und romantische Welt der Lederstrumpfromane. Wie groß und welcher Art die Unterschiede zwischen Cooper und Karl May wirklich sind, darauf wird später noch eingegangen. Zunächst soll kurz ein wenig in die Lederstrumpfromane eingeführt werden.

Lederstrumpf ist ein fünfteiliger Romanzyklus, der laut Wikipedia zunächst nicht als Zyklus angelegt war und der auch nicht in der Reihenfolge seiner Chronologie entstanden ist. Es geht um das Leben des Waldläufers Nathaniel Bumppo, der in den unterschiedlichen Romanen unterschiedliche Kriegernamen trägt. Im ersten Teil heißt er Wildtöter, wie auch der Roman. Wildtöter, der zwar ein Weißer ist, jedoch Teile seiner Jugend bei den Delawaren-Indianern verbracht hat, kommt mit einem Bekannten, Hurry Harry genannt, an den See Glimmerglas, wo er auf Thomas Hutter mit seinen beiden Töchtern Judith und Hetty trifft. Erstere ist wunderschön und sehr selbstbewusst, letztere anscheinend leicht geistig behindert, was im Roman abwechselnd als ’schwachsinnig‘ und ’nicht ganz klug‘ bezeichnet wird. Die drei leben in einer kleinen Holzfestung auf Pfählen mitten im See. Bald überschlagen sich die Ereignisse: Indianer belagern den See, der beste Freund von Wildtöter Chingachcok will seine Verlobte aus ihren Händen befreien, verschiedene Mitglieder der Gesellschaft werden gefangen genommen und wieder befreit, es kommt zu Kämpfen und auch zu Toten. All das klingt recht ähnlich wie die Zusammenfassung eines Karl-May-Romans und doch ist der Charakter dieses Romans ein ganz anderer, wofür es mehrere Gründe gibt, die sich größtenteils darin bündeln lassen, dass Der Wildtöter ein Text der Romantik ist.
Dies zeigt sich zunächst im Erzähltempo und der Erzählweise des Romans: „Überschlagen“, wie ich es weiter oben geschrieben habe, tut sich in diesem Roman überhaupt nichts. Das Erzähltempo ist unglaublich langsam und die Erzählung dabei sehr dialoglastig, wobei die Dialoge nicht so sehr die Handlung vorantreiben, sondern vielmehr in leichten Variationen um die immergleichen großen romantischen Themen kreisen: die Vorzüge des Natürlichen und die Probleme der Zivilisation, den allem anderen überlegenen christlichen Glauben sowie die unterschiedlichen Eigenarten von Männern und Frauen (Frauen sind häuslich, brauchen den Mann als Stütze, der sehr viel mehr verträgt als die Frau.) und, hier auch, von Weißen und Indianern (Indianer dürfen skalpieren, bei Weißen ist das Sünde.). Diese Gespräche sind auf Dauer doch relativ dröge und vor allem Wildtöter, der nicht nur hier wie ein Vorgänger Old Shatterhands in Sachen Moralismus und dem Halten von Predigten wirkt, zieht diese Dialoge als Sprachrohr der romantischen Weltsicht erheblich in die Länge. Dies wird im Roman jedoch positiv bewertet, denn Wildtöter spricht durch seine einfache, naturnahe Erziehung ja als einer dieser schlichten Wahrheitskünder, die nicht von der Zivilisation verdorben wurden. Im Roman wird er als ‚ungebildet‘ bezeichnet, was positiv gemeint ist. Eine andere, aber in diesem Punkt ähnliche Rolle spielt Hetty, deren ‚Schwachsinn‘ und tiefreligiöse Erziehung durch ihre Mutter dafür sorgen, dass auch sie als eine Verkünderin tiefer Wahrheiten wahrgenommen wird. Dass sie mehrmals versucht die Indianer bibelverslesend von der Freilassung ihrer Liebsten zu überzeugen, wird jedoch trotzdem nicht von Erfolg gekrönt. Diese moralingeschwängerten Dialoge und die immer wiederkehrenden romantisch überhöhten Schilderungen der naturbelassenen Landschaft in all ihren Facetten machen den Erzählfluss insgesamt so träge, dass ich es zunächst einmal bei der Lektüre des ersten Teils der Pentalogie belassen werde. Bei meiner jugendlichen Erstlektüre der Lederstrumpfromane muss ich wohl eine dieser in Literaturliebhaberkreisen verpönten gekürzten Ausgaben gelesen haben. Ich verstehe und teile die Einwände gegen das Kürzen literarischer Texte zwar, in diesem Fall muss ich jedoch sagen, dass die Romane durch die Kürzungen eindeutig an Lesbarkeit gewinnen und an Zähigkeit verlieren… eine Zwickmühle! Zur Verteidigung Coopers kann man neben seinem Dasein als Romantiker noch anführen, dass er selbst seine Romane nicht so sehr als Abenteuerromane, sondern vielmehr als historische Romane im Stile Walter Scotts konzipiert hat. An einen Abenteuerroman kann man sicherlich andere Maßstäbe in Sachen Spannung anlegen als an andere Romangenres.

Was den Roman dann doch positiv von den Karl-May-Romanen abhebt, ist ein gewisser Realismus. Nicht in Bezug auf die geistige Haltung ihres Protagonisten, die ist mindestens so erhaben wie die Old Shatterhands, sondern in Bezug auf ihre Handlungen und Fähigkeiten. Die Hauptcharaktere Karl Mays sind wahre Übermenschen, ihnen gelingt jedes Unternehmen, sie gewinnen jeden Kampf und keine Übermacht kann sie aufhalten. Wildtöter hingegen ist in dieser Hinsicht, ganz im Gegensatz zu den oben genannten Textstellen bei Karl May, sehr viel realistischer gezeichnet. Er wählt immer wieder den defensiveren, klügeren Weg, weil der direkte Weg eben nur einem Winnetou, aber kaum einem normalen Menschen gelingen kann. Er entkommt nicht aus jeder Falle und kann seine Freunde nicht aus jedem Indianerlager befreien. Das macht ihn zwar weniger heldenhaft, aber dafür eben auch realistischer.

Trotz dieser positiven Aspekte überwiegt doch der Eindruck des zähen und von moralingeschwängerten Dialogen durchzogenen Erzählfluss‘, was dafür sorgt, dass ich die Lektüre der weiteren Bände in die fernere Zukunft verschiebe. Einschränkend möchte ich hier noch hinzufügen, dass ich nicht beurteilen kann, wie groß der Einfluss der alten, gemeinfreien Übersetzung ist, aber der grundsätzliche Charakter des Romans wird davon wohl nicht betroffen sein.

James Fenimore Cooper, Lederstrumpf, Bd. 1: Der Wildtöter. Eine Erzählung, möglicherweise übersetzt von Carl Kolb, OA: 1841, gemeinfrei als E-Book aus dem Internet.

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2 Kommentare zu „Besprechung: James Fenimore Cooper, Lederstrumpf, Bd. 1: Der Wildtöter, 1841.“

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