Besprechung: Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, 2002.

46726Was für ein Roman. Was! Für! Ein! Roman! Schon während der Lektüre von Amos Oz‘ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis habe ich das Buch immer wieder sinken lassen und mich in Gedanken über seine Figuren und Themen verloren und jetzt, nachdem ich das Buch zu Ende gelesen habe, versuche ich immer noch zu fassen, wie es dieser großartige Roman geschafft hat, all das zu vereinen, was ihn ausmacht. Selten habe ich es erlebt, dass ein Autor so gewaltige Stoffmengen so schön und fesselnd in einen Erzählfluss verwebt, wobei dieser Fluss nicht einfach nur geradeaus vor sich hinfließt, sondern immer wieder Vor- und Rückgriffe macht, Nebenarme geschickt einführt und in den Hauptstrang einfließen lässt und so ein faszinierendes Panorama einer Gesellschaft entstehen lässt.

Es stellt sich zunächst die Frage nach dem Romangenre: Handelt es sich um einen Gesellschaftsroman? Einen Liebesroman? Einen historischen Roman? Einen Familienroman? Einen Künstlerroman? Eine Coming-of-Age-Geschichte? Eigentlich ist Eine Geschichte von Liebe und Finsternis all das gleichzeitig. Und dann ist da das Thema, worum geht es hier eigentlich? Der Roman erzählt gleichzeitig die Vor- und Frühgeschichte des Staates Israel, die Geschichte zweier Familien, die Geschichte eines Paares, die Geschichte eines Jungen, der Künstler wird, die Geschichte der Intellektuellen Israels und noch viel mehr, sodass es sich hier kaum alles auflisten lässt. So entsteht ein unglaublich reiches Panorama jüdischen Lebens in Palästina und später dann in Israel, welches aber auch weit in die jüdische Geschichte Ost- und Mitteleuropas zurückgeht und mir so einen neuen oder zumindest sehr viel reicheren Blick auf die israelische Gesellschaft eröffnet hat. Ich kann hier dem auf dem Buchrücken abgedruckten Zitat Felicitas von Lovenbergs nur zustimmen, welche sagt:

Ein erhellenderes, klügeres, vielschichtigeres Buch über Israel, über Familien und das, was Menschen zusammenhält und was sie trennt, kann man niemandem empfehlen.

Ich weiß, diese Sätze auf dem Umschlag sollen vor allem die große Werbetrommel rühren, aber in diesem Fall gönne ich dem Buch jede Werbung.

Ich versuche es einmal mit einer Beschreibung des Inhalts. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Amos, in großen Teilen des Buches ein Junge unter zwölf Jahren, später dann älter. Er lebt mit seinen Eltern im Jerusalem der 30er- und 40er-Jahre. Eine unruhige Zeit, wie man sich vorstellen kann, es ereignet sich eine Vielzahl von Dingen. Natürlich handelt es sich um die Zeit der Shoa, doch diese tritt meistens nur indirekt auf den Plan, sie wird nur relativ selten zur Hauptsache. Stattdessen geht es um das alltägliche Leben in Jerusalem, um Flüchtlinge, um Araber und um die großen politischen Ereignisse, wie Kolonialherrschaft, Unabhängigkeit und Krieg. Neben dieser Gegenwart nehmen große Teile des Buches, vor allem in der ersten Hälfte, auch Rückblicke in das Leben von Amos‘ Vorfahren in Mittel- und Osteuropa ein. Die Frage, auf welchen Traditionen das kulturelle Leben Israels aufbaut, wird hier auf eine sehr persönliche und interessante Weise in den Blick genommen. All das ist jedoch nur die gesellschaftliche Seite des Romans, die jedoch immer durch das Familienleben gespiegelt auftritt. Aber auch darüber hinaus spielt das Zusammenleben in Amos‘ Klein- und Großfamilie eine bedeutende Rolle und es ereignen sich viele Dinge, die hier jedoch eher offen gelassen werden, da nicht zuviel vorweg genommen werden soll. Es sei nur so viel gesagt, dass auch diese familiäre und persönliche Seite des Romans mich sehr in ihren Bann gezogen hat und keinesfalls der Eindruck entstehen soll, hier habe ein Autor eine Familiengeschichte nur zur Illustration der Historie dazu erfunden. Diese ist ein wichtiger Bestandteil des Romans, möglicherweise wichtiger als die gesellschaftlichen Aspekte, auch wenn die Schwerpunkte in dieser Besprechung etwas anders gelegt werden.

Das Milieu, in dem Amos aufwächst, ist ein bürgerliches, sehr gebildetes und bildungsnahes. Der berühmte Onkel Joseph ist ein großer Gelehrter an der Jerusalemer Universität und Amos‘ Vater hätte das Zeug gehabt, in seine Fußstapfen zu treten. Doch aus übergroßer Vorsicht vor Vorwürfen der Vetternwirtschaft wählt der Professor seinen Neffen nicht zum Assistenten. So arbeitet dieser als Bibliothekar mit einem schmalen Gehalt, was seiner Bibliophilie und seinem philologischen Forschergeist jedoch keinen Abbruch tut. Wie wichtig Bücher in diesem Umfeld sind, zeigt neben diesem literarischen Fundstück eine kleine Anekdote, bei der es darum geht, dass Amos‘ Vater selten, wenn das Geld am Monatsende einmal nicht reicht, einige seiner geliebten Bücher schweren Herzens zum Antiquar tragen muss:

Zumeist kam Vater ein, zwei Stunden später ohne die Bücher zurück, dafür aber mit braunen Tüten, die Brot, Eier, Käse und manchmal sogar eine Dose Büchsenfleisch enthielten. Doch es kam auch vor, daß er überglücklich von der Opferung Isaaks zurückkehrte, mit einem großen Lächeln, ohne seine geliebten Bücher, aber auch ohne Lebensmittel: Die Bücher hatte er tatsächlich verkauft, dafür aber auf der Stelle andere erworben, weil er in dem Antiquariat auf solch großartige Schätze gestoßen war, wie sie einem vielleicht nur ein einziges Mal im Leben unterkommen, so daß er sich nicht hatte beherrschen können. Mutter verzieh ihm und ich auch.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist so reich an Themen, an Perspektiven, am Einsichten und an faszinierenden Textstellen, dass ich mich sehr beherrschen muss, nicht immer weiter zu schreiben. Ich will mich daher im Folgenden auf zwei Aspekte beschränken, die mich besonders interessiert und zum Nachdenken gebracht haben.

Als erstes ist da, und leider kann es bei einem Roman, der sich mit dem Judentum in der Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigt kaum anders sein, die Shoa und der sie begleitende und ihr vorangehende Antisemitismus. Diesem Thema, zu dem wohl leider niemals alles gesagt sein wird (wie etwa in letzter Zeit unter anderem hier und hier nachzulesen war), werden auch in diesem Roman wieder (mir) neue Aspeke hinzugefügt. So etwa in diesem Zitat, in dem der Erzähler eine Perspektive auf Flucht und Tod in Europa darstellt, von der ich nicht wusste, dass sie damals so in der jüdischen Gesellschaft gedacht wurde:

Daneben gab es noch die Flüchtlinge und die Überlebenden, denen wir im allgemeinen mit Mitleid und auch ein wenig mit Abscheu begegneten: armselige Elendsgestalten – und ist es unsere Schuld, daß sie dort bleiben und auf Hitler warten mußten, statt noch rechtzeitig herzukommen?

Aber auch der normalere Weg des Gedenkens an die Opfer findet seinen Raum, häufig auf eine sehr persönliche Weise, indem der Erzähler sein Leben mit dem möglichen, nie gelebten Leben seines gleichaltrigen Cousins parallelisiert, der im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern von den Nazis umgebracht wurde.

Eine hochspannende Passage beschreibt, wie jüdischen Kindern in Mittel- und Osteuropa eingetrichtert wurde, nicht aufzufallen, nicht anzuecken, „immer das schönste und richtigste Polnisch [zu] sprechen, damit sie [die Nichtjuden der Mehrheitsgesellschaft] nicht sagten, wir verunreinigten die Sprache, aber auch kein hochgestochenes Polnisch, damit sie nicht sagten wir würden uns erdreisten, ihnen überlegen zu sein“. Es gilt, bloß nicht den „Pöbel“ zu erzürnen, von dem jederzeit ein Pogrom zu erwarten ist. Diese Textstelle endet in der erschütternden Feststellung der gerade erzählenden Tante von Amos:

Nur die Deutschen fürchtete man nicht so sehr. Ich erinnere mich, wie im Jahr 1934 oder 1935, ich war noch in Rowno, die letzte aus der ganzen Familie, um die Schwesternausbildung abzuschließen, da gab es bei uns nicht wenige, die sagten, hoffentlich kommt Hitler hierher, bei dem herrscht wenigstens Gesetz und Ordnung und jeder kennt seinen Platz.

Diese mir teilweise bekannten, teilweise unbekannten Perspektiven auf Antisemitismus und Shoa, die dieser Roman so greifbar und nah vor Augen führt, haben für mich auch noch einmal ein neues Licht auf die absolute Notwendigkeit der Staatwerdung Israels im Unabhängigkeitskrieg geworfen, was auch das folgende Zitat eindrucksvoll belegt:

Und noch immer im Ton der Dunkelheit, während seine Hand weiter durch mein Haar irrte (denn er war das Streicheln nicht gewohnt), sagte mir mein Vater unter meiner Bettdecke gegen Morgen, früh am 30. November 1847: „Bestimmt werden auch dir noch öfter irgendwelche Rowdys auf der Straße oder in der Schule zusetzen. Möglicherweise werden sie das deshalb tun, weil du mir ähnlich bist. Aber von jetzt an, von dem Augenblick an, in dem wir unseren eigenen Staat haben werden, von nun an werden dir Rowdys niemals mehr deswegen zusetzen, weil du Jude bist und weil die Juden so und so sind. Das – nicht. Niemals. Von dieser Nacht an ist hier Schluß damit. Schluß für immer.“

Ein weiteres faszinierendes Thema des Romans ist die sprachliche umd kulturelle Vielfalt der jüdischen Gesellschaft im Palästina der 30er und 40er Jahre und die damit verbunden Situation der hebräischen Sprache. Juden kamen aus allen Teilen Europas und wahrscheinlich der Welt nach Palästina, was gemeinsam mit der immer wieder betonten wichtigen Rolle, die Bildung in jüdischen Familien der Diaspora spielte, dazu führte, dass eine sprachlich unglaublich reiche und heterogene Gesellschaft entstand, wie sich am Beispiel der Familie des Erzählers zeigt:

Mein Vater konnte sechzehn oder siebzehn Sprachen lesen und elf sprechen  (alle mit russischem Akzent). Meine Mutter sprach vier oder fünf Sprachen und konnte acht lesen.

Weiter heißt es dann, und ich musste beim Lesen immer wieder an diese Sätze zurückdenken, weil sie eine so furchtbare Seite am Erlernen von Fremdsprachen eröffnen:

Aber mich lehrten sie einzig und allein Hebräisch. Vielleicht fürchteten sie, Fremdsprachenkenntnisse könnten auch mich den Verlockungen des wunderbaren und tödlichen Europa aussetzen.

Für das Hebräische, die Sprache des entstehenden Staates Israel, ergab sich aus dieser Vielfalt, die auch bedeutete, dass die Wenigsten mit Hebräisch als Muttersprache aufgewachsen waren, jedoch eine komplizierte Situation:

Außerdem herrschte damals ein großer Mangel an Worten: Das Hebräische war noch dabei, eine gesprochene Sprache zu werden, und bestimmt noch keine Sprache für Intimes. Es war schwer vorherzusehen, was letztlich herauskam, wenn man Hebräisch sprach. […] Sogar Menschen wie meine Eltern, die gut Hebräisch konnten, beherrschten die Sprache nicht perfekt. Sie sprachen Hebräisch mit einem gewissen obsessiven Bemühen um Perfektion, nahmen häufig etwas zurück und formulierten das Gesagte noch einmal um. So fühlt sich vielleicht ein kurzsichtiger Fahrer, der sich nachts im Gassengewirr einer fremden Stadt vorantastet, in einem unvertrauten Wagen.

Die Vorstellung, mit einer Sprache zu leben, die über lange Zeit keine tatsächlich gelebte Sprache war und die nun sozusagen wiederbelebt wird, finde ich wirklich spannend und auch erschreckend. Wir alle sind es ja gewohnt, in der sicheren Umgebung unserer Muttersprache aufzuwachsen und von dort aus, neue Sprachberge zu erklimmen. Die Situation, dass ein Kind von seinen Eltern eine Muttersprache lernt, in der sich diese selbst nur unsicher bewegen und die auch noch nicht wirklich als ‚ganze‘ Sprache besteht, hat irgendwie etwas angsteinflößendes für mich.

Es gibt, wie gesagt, noch viele spannende Aspekte, die man hier ansprechen könnte, doch ich belasse es dabei. Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist ein wunderbarer und erhellender Roman, der mir, wie es oben steht, ein neues Verständnis des Landes Israel eröffnet hat und den ich jedem Leser und jeder Leserin wirklich ans Herz lege. Absolute Leseempfehlung!

Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Roman, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, 2016 (OA: 2002), Berlin: Suhrkamp pocket.

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8 Kommentare zu „Besprechung: Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, 2002.“

  1. Hey! Wow, was für eine ausführliche und tolle Rezension! Mich hat vor allem die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Palästina fasziniert, die der Roman anscheinend so gut transportiert. Da ich bisher von Oz noch nichts gelesen habe, bin ich nach dem Lesen deiner Rezension schon sehr beeindruckt von ihm 🙂 Das Buch wandert auf meine Wunschliste!
    Liebe Grüße
    Svenja (https://pantaubooks.wordpress.com/)

    Gefällt 1 Person

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