Besprechung: Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, 2003.

Vor kurzem habe ich den Entschluss gefasst, mich ein wenig intensiver mit der Türkei und der türkischen Literatur zu beschäftigen. Mal sehen, wie lange das trägt, aber gerade bin ich sehr motiviert und habe Lust, mich diesem komplexen Land zu nähern. Und wer ist besser dafür geeignet, einen Anfang zu machen, dachte ich mir, als das Aushängeschild der türkischen Literaturlandschaft, der Friedens- und einzige Nobelpreisträger des Landes Orhan Pamuk? Die Wahl des Werkes war auch schnell getroffen: Da ich auf einer längeren Reise gerade in Istanbul angekommen war, entschied ich mich für Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. Jetzt, nach der Lektüre, zweifele ich ein wenig, ob das eine gute Entscheidung war. Es ist nicht direkt so, dass ich Pamuks Istanbulbuch ungerne gelesen habe, aber andere Wege in die türkische Literatur wären sicherlich zugänglicher gewesen.

Ich glaube eines der Hauptprobleme, die ich mit Pamuks Buch hatte, war, dass mir nie so ganz klar war, worum es hier eigentlich geht. Das mag merkwürdig klingen, da der Titel – Istanbul – ja recht eindeutig scheint. Aber es ist trotzdem so, da der Autor seine eigene Entwicklung vom Kind zum Künstler (in Istanbul) genauso intensiv (oder noch intensiver) zum Thema macht wie seine Beobachtungen der Stadt Istanbul und seine Gedanken zu den Beobachtungen anderer. Zwar schreibt Pamuk an einer Stelle recht weit hinten im Buch, dass „der geneigte Leser“ wohl gemerkt habe,

dass ich mich bemühe, durch mich über Istanbul und durch Istanbul über mich zu berichten,

aber das gelingt dem Autor über weite Strecken des Buches nicht wirklich. Zwar merkt zumindest dieser „geneigte Leser“ hier zwar, dass es Pamuks Absicht ist, sich selbst und Istanbul irgendwie gemeinsam zu beschreiben, aber mir ist nicht klar geworden, was die verschiedenen Episoden, die aus den beiden Bereichen erzählt werden, jeweils mit dem anderen Bereich zu tun haben. Inwiefern belichten Pamuks kindliche Idee, es gäbe irgendwo einen zweiten Orhan, seine mehr und mehr verzweifelten Versuche als Maler, die bittere Erfahrung der ersten Liebe oder die Streitereien mit seinem älteren Bruder die Stadt Istanbul? Umgekehrt ließen sich genauso Beispiele auflisten. So bleiben für mich zwei nur sehr lose, nämlich durch den Wohnort des Autors, verbundene Themen des Buches. Diese haben jeweils ihre interessanten Aspekte, wobei allein der Titel des Buches wohl dazu führen dürfte, dass die meisten Leser mehr Istanbul und weniger Autobiografie erwartet hätten.

Der zweite Punkt, mit dem ich meine Probleme hatte, ist die Darstellung eines der leitenden Konzepte in Pamuks Buch, „hüzün“. Hüzün ist für Pamuk eine spezifische Art kollektiver Melancholie, die die EinwohnerInnen Istanbuls aufgrund der vergangenen Größe der Stadt und des sie umgebenden Verfalls verspüren, er schreibt, es sei ein

Gefühl, das einem als das Schicksal der ganzen Stadt erscheinen kann.

Nun bin ich bei solchen kollektiven Gemütsbeschreibungen per se skeptisch. Die Menschen einer Stadt sind viel zu unterschiedlich, als dass man ihnen allen das gleiche besondere Gefühl von Traurigkeit zuschreiben könnte. Darüber hinaus ist mir das ganze Konzept, welches wirklich das gesamte Buch durchzieht, vollkommen unklar. Einerseits betont Pamuk immer wieder, es handele sich um ein kollektives Gefühl der Istanbuler und unterscheide sich darin von der westlichen Melancholie. Andererseits passen seine Schilderungen im Buch dann überhaupt nicht dazu. Die Istanbuler sind dann nämlich dumm, unreflektiert, geschichtsvergessen und entweder zu arm und ungebildet, um sich diese Gedanken zu machen, oder zu unkritisch am Westen orientiert, um einer großen osmanischen Vergangenheit nachzutrauern. Wenn der Autor im Buch beschreibt, wie er hüzün empfindet, dann ist er immer der Einzelne in der Masse, der (von wenigen Autoren abgesehen) Einzige, der dieses Bewusstsein hat. Diesen Widerspruch löst Pamuk meiner Meinung nach bis zum Ende nicht auf, sodass mir hüzün ein Rätsel geblieben ist.

Das dritte Manko des Buches, das in den Kommentaren zu diesem Beitrag auch zwei andere BuchbloggerInnen ansprechen, sind die Längen des Buches, womit ich einerseits einen in bestimmten Fällen langwierigen und umständlichen Schreibstil meine, der auch zu Wiederholungen neigt. Andererseits sind es die Themen mancher Kapitel, die – für mich – einfach nicht sonderlich interessant sind, schon gar nicht in dieser Länge. Das ist natürlich subjektiv, aber manchmal fällt es einfach schwer, sich vorzustellen, dass es Anderen anders geht.

Dass ich das Buch trotzdem zu Ende und zumindest in Teilen auch gerne gelesen habe, liegt eben an den anderen Kapiteln und Textstellen, die ich trotz ihrer Umständlichkeit und manchmal vielleicht auch wegen ihrer Langsamkeit gerne gelesen habe. Und davon gab es doch einige! Besonders spannend fand ich es immer wieder, wenn Orhan Pamuk berichtet, wie er sich mit anderen Autoren oder Malern beschäftigt hat, die über Istanbul schreiben bzw. es malen. Die Fähigkeit des Autors, sich auf Details einzulassen, kommt hier sehr positiv zum Tragen. So beginnt er eine Schilderung eines Buches mit Stichen von Anton Ignaz Melling, einem deutschen Künstler des 18. Jahrhunderts so:

Wenn wir diesen großen Band mit seinen achtundvierzig Stichen betrachten, fällt uns auch heute noch vor allem die unglaubliche Detailgenauigkeit auf. Um sich dieser versunkenen Welt und den Schönheiten Istanbuls und des Bosporus ungestört hingeben zu können, giert unser Intellekt beständig nach Echtheitsnachweisen, und Melling mit seinem Augenmerk auf architektonische Details und seinem talentierten Spiel mit perspektivischen Reizen weiß diese zu bieten. Selbst bei dem imaginärsten dieser Bilder, das das Innere des Sultansharems zeigt, ist durch die Querschnittdarstellung, die Ausnutzung der „gotischen“ Möglichkeiten der Perspektive und durch die Tatsache, daß die Haremsfrauen ernster und vornehmer abgebildet sind, als westliche Haremsromantik dies erwartet, letztendlich dafür gesorgt, daß sogar der Istanbuler Betrachter das Bild als wahrheitsgetreu empfindet. Um den ernsten, akademischen Charakter seiner Werke ein wenig abzumildern, läßt Melling am Rand der Bilder etwas menschlichere Aspekte aufleuchten. So sehen wir am Haremseingang zwei umschlungene, zum Küssen bereite Haremsfrauen stehen, doch im Gegensatz zu anderen europäischen Malern jener Zeit überspitzt er jenes beliebte Motiv nicht und stellt es auch nicht dramatisch ins Zentrum des Bildes.

Und so weiter, und so weiter. Das mag jetzt auch nicht jeden oder jede auf Anhieb ansprechen, aber mir hat dieses Auge fürs Detail und die Würdigung von Kleinigkeiten beim Lesen großen Spaß gemacht. Neben Melling ist Reşat Ekrem Koçu, ein Istanbuler Enzyklopädist der Kuriositäten der Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert, besonders prägend für Pamuk. Meiner frankophilen Ader hat vor allem die ausführliche Besprechung französischer Istanbulreisender entsprochen, wobei die Kapitel über Nerval und Gautier sehr viel interessanter waren als das über Flaubert. Spannend zu lesen sind auch Pamuks kritische Bezugnahmen auf den türkischen Nationalismus, der noch in den 50er-Jahren zur pogromartigen Demolierung griechischer und armenischer Stadtviertel führte. 

Eine weitere Stelle, die ich hier unbedingt noch erwähnen möchte, weil ich die Idee so schön finde, lautet wie folgt:

Es gibt im Türkischen eine von mir sehr geschätzte spezielle Vergangenheitsform für alles, was in Träumen und Märchen geschieht oder wir nicht direkt miterlebt haben, und im Grunde genommen ist das auch das geeignete Tempus, um alles wiederzugeben, was wir in der Wiege erleben, im Kinderwagen oder bei unseren ersten wackeligen Schritten.

Und so gibt es viele Textstellen, die mich dann trotz aller Kritik in ihren Bann gezogen haben. Welche Stellen das sind, wird wohl bei jedem unterschiedlich sein. Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt ist so divers und uneinheitlich, dass ich hier keine allgemeine Leseempfehlung aussprechen möchte. Obwohl wahrscheinlich alle LeserInnen etwas interessantes finden werden, werden sich vermutlich auch alle irgendwo langweilen und gegen die Lust zu überblättern ankämpfen oder ihr sogar nachgeben. Meine nächste Chance für Orhan Pamuk wird einer seiner Romane sein (Mein Name ist Rot oder Schnee?). Mal sehen, ob die eingängiger geschrieben sind.

Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2013 (OA: 2003).

Dieser Beitrag ist Teil meines Lesevorhabens zur Türkei und zur türkischen Literatur.

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6 Kommentare zu „Besprechung: Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, 2003.“

  1. Ich hatte auch so meine Schwierigkeiten mit „Istanbul“, das ich mit großen Erwartungen aufgeschlagen habe, nachdem mir „Schnee“ so gut gefallen hatte. Bin gespannt, ob es dir auch so gehen wird (nur anders herum 😉 ) Viele Grüße, Petra

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  2. Istanbul habe ich abgebrochen, auch Versuche mit anderen Büchern von ihm scheiterten – diese Langatmigkeit ist einfach nichts für mich, auch wenn dann – so wie Du es auch beschreibst – dazwischen Textstellen aufblitzen, die wirklich toll sind. „Schnee“ war bislang der einzige Roman von ihm, den ich wirklich mit großer Begeisterung von Anfang bis Ende gelesen (und dabei auch das umständliche Mäandern verkraftet) habe.

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    1. Petras und dein Kommentar gehen ja beide in eine sehr ähnliche Richtung und decken sich da auch mit meiner Leseerfahrung, Pamuks Erzählweise ist schon sehr zäh. Abgebrochen habe ich das Buch zwar nicht, aber das hatte sicher auch mit der Reise zu tun. Wäre ich andauernd an den Verlockungen meines Bücherregals vorbeigelaufen… puh!
      Also dann, mit „Schnee“ werde ich bald einen neuen Versuch starten 🙂

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      1. Nachdem Dein Vorhaben, dich mit der türkischen Literatur vertraut zu machen, sicher auch mit der aktuellen politischen Entwicklung dort zu tun hat, kann ich Schnee wärmstens (grins – warmer Schnee) empfehlen – es zeigt einfach, wie komplex das alles ist.

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