Kurzbesprechung: Iris Alanyali, Gebrauchsanweisung für die Türkei, 2015.

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Wenn ich einen längeren Urlaub in einem mir unbekannten Land verbringe, finde ich es häufig nett mit dem entsprechenden Band dieser Reihe einzusteigen und neben den klassischen Reiseführerinformationen ein wenig mehr über Land und Leute, Geschichte, regionale Unterschiede und kulturelle Besonderheiten zu lernen. Trotz des schrecklichen Namens der Reihe vermitteln die Bände diese Dinge meistens ganz gut, natürlich auch mit wechselnder Qualität: Irland habe ich wirklich gerne gelesen, Schottland war eher etwas dröge, aber trotzdem informativ. Jetzt also die Gebrauchsanweisung für die Türkei.

Iris Alanyali, eine Deutschtürkin, die ihre Urlaube jedes Jahr bei ihrer Familie und in den verschiedenen Regionen der Türkei verbringt, wählt einen sehr persönlichen Zugang, um in die verschiedenen thematischen und regionalen Kapitel ihres Buches einzuführen. Den Anfang macht beispielsweise eine familiäre Szene auf einem Balkon in Istanbul und um ein Verständnis für die äußerst säkulare Stadt Izmir zu wecken, erzählt sie, wie ihr Onkel, der sich einen feschen Dreitagebart stehen lassen hat, dort misstrauisch beäugt wurde, weil man in dem Bart ein religiöses Statement statt eines modischen Accessoires sah. Dieser Zugang funktioniert über weite Strecken ganz gut und so reihen sich die Kapitel über Istanbul, Izmir, die Mittelmeer- und die Schwarzmeerküste, aber auch über Küche, Aberglaube, antike Stätten und den türkischen Hang zur Musik aneinander. Das geht alles nicht sonderlich in die Tiefe, aber wenn man sich damit abfindet, dass manchmal doch ein wenig zu schematisch über „die Türken“ und ihre Eigenheiten gesprochen wird, dann kann man doch manches Wissenswerte über die Türkei erfahren. So heißt es etwa über das Trampen, es funktioniere sehr gut,

weil für einen Türken ein ungeselliges Herumstehen ein gänzlich unvorstellbarer Zustand ist, aus dem man jeden Mitmenschen so schnell wie möglich befreien muss.

Deswegen läuft das Trampen in der Regel folgendermaßen ab: Man stellt sich an die Straße, winkt, das erste Auto hält, man steigt ein. So einfach ist das. Das erste Auto hält – und sei es, damit der Fahrer sich so betrübt wie wortreich erklären, sämtliche Türen öffnen und demonstrieren kann, warum leider kein Tramper in sein Auto passt, dass er aber per Handy seinen Kollegen, der ihm nur ein paar Minuten entfernt auf der Straße folge und Platz im Wagen habe, anrufen werde, damit der auf jeden Fall stoppe.

Spannend gerade auch in Bezug auf mein Lesevorhaben zur Türkei ist dann vor allem die von der Autorin offengelegte Entwicklungsgeschichte ihres letzten Kapitels. Hieß dieses in früheren Ausgaben noch „Die Türkei auf dem Weg nach Europa“, so heißt es nun „Zwischen Islam und Gezi – die Türkei taumelt“. Die Autorin beschreibt hier problematische Entwicklungen in den Jahren vor 2015 und erklärt, warum man eben nicht mehr einfach sagen kann, dass sich die Türkei auf dem Weg nach Europa befindet. Aber trotzdem, und hier merkt man das Tempo der aktuellen Entwicklungen in der Türkei, erscheint dieses Buch eben 2015 und somit zwar nach den Protesten im Gezi-Park, aber vor dem Putschversuch im Juli 2016, dem zahllose Repressalien, Verhaftungen und Entlassungen folgen, und vor dem Verfassungsreferendum im Frühjahr 2017, ist die Autorin immer noch optimistischer als sie es wohl wäre, wenn es heute eine erneute Neuauflage gäbe. Das will ich der Autorin überhaupt nicht vorwerfen, niemand kann in die Zukunft sehen und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber die sich überschlagenden Entwicklungen seit der Neuauflage deuten leider alle darauf hin, dass der Weg der Türkei aktuell nicht nach Europa führt. Das ist sehr schade, vor allem wenn man an die vielen weltoffenen und pro-europäischen Menschen denkt, die für den Gezi-Park protestiert haben, oder auf eine andere Weise für eine zukunftsgewandte und laizistische Türkei stehen.

Unabhängig von diesen politischen Entwicklungen bietet Alanyalis Gebrauchsanweisung eine nette kleine Einführung in die Eigenarten der Türkei, die zwar nicht sonderlich in die Tiefe geht, aber sich flott ließt und mir manches Neue vermittelt hat.

Iris Alanyali, Gebrauchsanweisung für die Türkei, München/Berlin: Piper, Neuauflage 2015 (E-Book).

Dieser Beitrag ist Teil meines Lesevorhabens zur Türkei und zur türkischen Literatur.

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