Besprechung: Elif Shafak, Der Bastard von Istanbul, 2006.

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Schon mehrfach habe ich Bücher gelesen, die wegen ihrer moralischen Verfehlungen oder aus anderen Gründen vor Gericht gebracht und sogar verurteilt wurden. Spontan fallen mir etwa Klaus Manns Mephisto, Flauberts Madame Bovary oder Baudelaires Les fleurs du mal ein. Auch wenn ich diese Prozesse immer unsinnig und die Verurteilungen falsch finde – sogar das lange Unterverschlusshalten von Hitlers Mein Kampf hat meiner Meinung nach eher zu einer Mystifizierung dieses grundschlechten Machwerks geführt, aber das ist ein anderes Thema -, kann ich sie doch im Kontext ihrer Zeit nachvollziehen. Persönlichkeitsrechte, wie sie im Falle von Klaus Manns kaum verschlüsselten Schlüsselroman eine Rolle spielen, sind eben auch ein wichtiges Gut. Dass Flaubert das Moralempfinden des 19. Jahrhunderts verletzt hat, erschließt sich auch, und Baudelaire verletzt heute wahrscheinlich immer noch das Moralempfinden vieler. Der Prozess, den man Elif Shafaks Der Bastard von Istanbul wegen „Beleidigung des Türkentums“ gemacht hat (alleine schon die Benennung diese Straftatbestands…) hingegen, erschließt sich mir bei der Harmlosigkeit ihrer Beschäftigung mit dem Genozid an den Armeniern überhaupt nicht. Beziehungsweise erschließt sich die Anklage schon, sie wirft jedoch ein katastrophales Licht auf den Zustand der Freiheitsrechte und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der damaligen Türkei. Und bei allen Entwicklungen der letzten Jahre möchte man sich kaum ausmalen, was der Autorin bei einer Veröffentlichung heute geblüht hätte.

Elif Shafak widmet sich ihrem Thema, dem Genozid an den Armeniern im Jahre 1915 und der Verdrängung dieser Tatsache durch die türkische Öffentlichkeit, in Form zweier kombinierter Familiengeschichten, wobei ich den Begriff des großen „Familienepos“, der im Klappentext gewählt wird, dann doch etwas hochgegriffen finde. Shafak schreibt einen schönen, angenehm zu lesenden, interessanten, immer wieder komischen Roman über die Verwicklungen einer türkischen und einer armenischen Großfamilie – von einem großen Familienepos erwarte ich dann doch etwas mehr Gehalt und Volumen. Aber der Reihe nach: Es geht in Der Bastard von Istanbul wie gesagt um zwei Familien, eine türkische in Istanbul namens Kazancı und eine armenische in den USA namens Tchakhmakhchian, wobei Armanoush, die Tochter der Tschakhmakhchians bei ihrer amerikanischen Mutter und dem türkischen Stiefvater aufwächst. Dieser wiederum ist als ohne Kontakt zu seiner Familie lebender Sohn der Kazancıs zunächst das einzige Bindeglied. Armanoush macht sich heimlich auf nach Istanbul, um ihre eigene armenische Herkunft besser zu verstehen. Von hier war ihre Familie vor langer Zeit ins Exil gegangen. Sie wird in Istanbul von der ausschließlich weiblichen Familie ihres Stiefvaters aufgenommen, die voller kurioser Gestalten steckt. Neben der an Alzheimer leidenden Urgroßmutter Petite-Ma und der matriarchischen Großmutter Gülsüm sind das vor allem die vier Schwestern Tante Banu (Hellseherin und Liebhaberin guten Essens), Tante Ceyrice (strenge Lehrerin, die das auch zu Hause auslebt), Tante Feride (deren Verrücktheit sich einer medizinischen Diagnose stetig entzieht) und Tante Zeliha (eine minirocktragende Tattoostudiobesitzerin) sowie die Enkelin Asya (eine rebellische und mit sich selbst im Unreinen seiende Nihilistin). Diese Konstellation bietet viel komisches Potenzial und der Autorin die Möglichkeit verschiedene Themen des türkischen Alltags und der Kultur zu thematisieren. So wird etwa unglaublich viel gegessen und dass die türkische Kultur komplexer ist, als Vorurteile es glauben lassen, zeigt sich etwa, wenn es darum geht, dass sich Armanoush auf eine konservative Kleiderordnung eingestellt hat:

Deshalb hatte es sie wie ein Schock getroffen, als sie am Flughafen von Istanbul von Tante Zeliha in einem schamlos kurzen Minirock und noch schamloseren Stöckelschuhen begrüßt wurde. Noch überraschter war sie allerdings gewesen, als sie Tante Banu mit Kopftuch und langem Mantel kennenlernte und erfuhr, wie fromm sie war und dass sie fünfmal am Tag betete. Dass diese zwei Frauen, trotz des krassen Gegensatzes im Aussehen und offensichtlich auch in der Persönlichkeit, Schwestern waren und unter einem Dach lebten, war Armanoush ein Rätsel, dessen Lösung sie sicher eine ganze Weile beschäftigen würde.

Obwohl ich den Roman mit all diesen interessanten und lustigen Figuren und Familiengeschichten wirklich gerne gelesen habe, gab es doch zwei Dinge, die mich gestört haben. Zum einen ist die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Haupt- und Aufregerthema des Buches, dem Genozid an den Armeniern, einfach nicht sonderlich tiefgehend und tritt so schnell relativ stark in den Hintergrund. Gerade in Istanbul angekommen erzählt Armanoush ihrer Gastfamilie die Geschichte ihrer Familie und ihres Volkes. Diese ist erst unwissend und dann betroffen. Aber mehr kommt da nicht. Die Suche nach dem alten Haus der Tschakhmakhchians verläuft erfolglos, dort steht ein Neubau. Dann gibt es einige Chatgespräche einer antitürkischen armenischen Exilgruppe und ein kurzes Aufeinandertreffen mit einem türkischen Nationalisten. All das ist aber schnell abgehandelt. Die eigentliche Historie wird vor allem in einigen Episoden um die Hellseherin Banu beschrieben. Grundsätzlich ist es zwar eine spannende Idee diese traurigen Ereignisse mit einem übernatürlichen Element zu kombinieren, aber auch diese Episoden bleiben dann doch recht schwach. Eine der Schlüsselstellen des Armenienthemas ist für mich das Aufeinandertreffen Armanoushs mit Aram, dem armenischen Geliebten von Tante Zeliha. Dieser sagt auf das Angebot doch nach Amerika ins Exil zu kommen:

Warum sollte ich das wollen, liebe Armanoush? Diese Stadt ist meine Stadt. Ich bin in Istanbul geboren und aufgewachsen. Die Geschichte meiner Familie in dieser Stadt reicht mindestens fünfhundert Jahre zurück. Armenische Istanbuler gehören ebenso zu Istanbul wie türkische, kurdische, griechische und jüdische Istanbuler. Wir haben es lange geschafft, zusammenzuleben, dann aber auf der ganzen Linie versagt. Das können wir uns nicht noch einmal leisten.

Trotz dieses schönen Ansatzes des Nicht-Aufgeben-Wollens der Stadt Istanbul mit ihrem multikulturellen Charakter zeigt auch diese Stelle wieder, dass Shafak bei diesem Thema irgendwie zu kurz springt. So schön es wäre, wenn ein Völkermord so einfach zu verarbeiten wäre, fürchte ich, dass es leider nicht so ist. Ich will gar nicht sagen, dass man ein solches Thema nur in tieftrauriger, dunkler Lyrik im Stile Paul Celans angehen soll, aber so ist es mir doch etwas zu wenig. Dass Shafaks Buch trotz dieser an der Oberfläche bleibenden Auseinandersetzung mit dem Genozid solche Wellen geschlagen hat, zeigt wie oben geschrieben, dass die Türkei hier noch einen weiten Weg zu gehen hat und hoffentlich irgendwann geht.

Zum anderen konnte ich mit dem merkwürdigen Ende des Romans, zu dem hier nicht viel gesagt werden soll, wenig anfangen. Eigentlich habe ich immer meine Freude an Merkwürdigkeiten, kauzigen Figuren und skurrilen Dialogen, gerade in der Literatur ist ja zum Glück sehr viel möglich. Aber die Esoterik und der Schicksalsglaube, die am Ende des Romans ziemlich unerwartet auftauchen, überzeugen mich einfach nicht. Sie wirken nach dem vorherigen Verlauf wie ein schlecht konzipierter und erzählter Versuch, den Roman zu Ende zu bringen. Da wäre mehr möglich gewesen!

Trotz dieser Kritik habe ich Elif Shafaks Der Bastard von Istanbul über weite Strecken gerne gelesen. Ob Asyas Manifest des Nihilismus, Tante Banus Brottheorie oder das ruhige Einverständnis in der Beziehung zwischen Zeliha und Aram – es gibt viele Stellen, die mir in Erinnerung bleiben werden. Wenn man also ein schwaches Ende verzeihen und die Erwartungen an die literarische Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern aus türkischer Sicht etwas zurückschrauben kann, dann bleibt ein schöner Roman, der sich schnell gelesen hat und Freude bereitet.

Elif Shafak, Der Bastard von Istanbul. Roman, aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller, Zürich/Berlin: Kein & Aber, 2016 (OA: 2006).

Dieser Beitrag ist Teil meines Lesevorhabens zur Türkei und zur türkischen Literatur.

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