Kurzbesprechung: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, 1923.

47_bunin

Manchmal gibt es diese lustigen Zufälle im Leseleben: Gerade bewundere ich noch die wunderschönen Bände der Bunin-Werkausgabe bei Dörlemann und kann mich nicht entscheiden, welchen der Bände ich mir zuerst bestelle, da fallen mir in einem Antiquariat, in das mich meine Füße zufällig getragen haben, gleich zwei dieser blauen Büchlein in die Hände: Ein unbekannter Freund und Verfluchte Tage. Begonnen habe ich dann mit Ein unbekannter Freund, eine Erzählung aus dem Jahr 1923, die nur gut zwanzig großzügig bedruckte Seiten einnimmt und trotzdem eine ganz besondere Intensität entfaltet.

Es handelt sich bei Bunins Erzählung um einen einseitigen Briefwechsel: Eine Leserin schreibt etwa einen Monat lang Briefe an einen Autor, von dem sie ein Buch gelesen hat, welches sie besonders beeindruckt hat, ja in welchem sie sich wiederfindet. Die Spannung, die es Bunin auf nur sehr wenigen Seiten zu erzeugen gelingt, entsteht durch die schnellen Wendungen und Volten, die das Verhältnis der Briefschreiberin zu dem unbekannten Autoren schlägt. Zunächst drückt sie ganz bescheiden ihre Begeisterung für das Buch aus, während sie schnell mehr Fragen stellt und immer intensiver auf eine Antwort dringt. Es entwickelt sich eine stärker werdende Abhängigkeit. Heißt es nach wenigen Tagen noch:

Ich bitte Sie sehr – schreiben Sie mir. Nur zwei, drei Worte, versteht sich, nur, damit ich weiß, daß Sie mich hören. Verzeihen sie meine Beharrlichkeit.

So schreibt sie schon bald darauf:

Kein Brief, und meine Qual dauert an… Übrigens, schwer sind nur die Morgenstunden, wenn ich mit unnatürlicher Ruhe und Gelassenheit, aber mit vor Beherrschung eiskalten Händen mich ankleide, zum Morgenkaffee erscheine, die Klavieraufgaben meiner Tochter abhöre, die so rührend fleißig übt und mit so entzückend geradem Rücken am Flügel sitzt, wie nur fünfzehnjährige Mädchen sitzen. Gegen zwölf kommt endlich die Post. Ich stürze mich auf sie, entdecke nichts – und bin beinahe ruhig bis zum nächsten Morgen…

Doch auch hier bleibt das Verhältnis nicht stehen, es entwickelt sich immer weiter, bis es zu einem abrupten Abbruch kommt. Bunin gewährt dem Leser in einer unglaublichen Präzision und Kürze Einblicke in das Leben einer gelangweilten Oberschichtdame in der Provinz. Letztlich passiert in diesem kurzen Text nahezu nichts, es ist jedoch die Präzision, mit der Bunin die kleinen Regungen in dieser Ereignislosigkeit erfasst, die mich in den Bann gezogen haben.

Den zweiten Teil des Bändchens bilden die Nobelpreis-Tage, Bunins Schilderung seiner Reise nach Stockholm zur Verleihung des Nobelpreises. Sie gewährt einen interessanten Einblick in das Selbstverständnis des Exilanten und ersten russischen Literaturnobelpreisträgers.

Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, aus dem Russischen von Swetlana Geier, Zürich: Dörlemann, 2003 (OA: 1923).

Advertisements

2 Kommentare zu „Kurzbesprechung: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund, 1923.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s