Kurzbesprechung: Ralf Sotscheck, Mein Irland, 2016.

48_irlandDer wunderbare, in Hamburg ansässige Mareverlag ist vielen Büchernarren schon durch seine prachtvoll ausgestatteten Klassikerausgaben bekannt (Hier schreibt beispielsweise Tobi von den Lesestunden über Hugos Die Arbeiter des Meeres.), er hat jedoch auch eine langsam wachsende Reihe mit dem Titel Meine Insel im Programm. Dort schreiben verschiedene teilweise bekannte Autoren und Autorinnen über „ihre“ Insel, also über eine Insel, die ihnen ganz persönlich sehr nahe liegt. So schreibt etwa Fritz J. Raddatz über Sylt und Frido Mann über Nidden. Ralf Sotscheck, den Autor von Mein Irland, kannte ich bisher als Irlandkorrespondenten der taz und als Gesprächspartner Harry Rowohlts in dem skurril-interessanten Interviewbuch In Schlucken-zwei-Spechte. In diesem Buch nun steht Sotschecks Wahlheimat Irland im Mittelpunkt.

Um diese Insel vorzustellen, macht sich Sotscheck von Dublin aus auf, sie einmal im Uhrzeigersinn zu umrunden. Dabei weicht er auch manchmal von der Küste ab, größtenteils folgt er ihr jedoch. Von seiner Reise bzw. von den bereisten Orten erzählt Sotscheck allerlei interessante, spannende, kuriose und teilweise auch nicht ganz so interessante Begebenheiten. Tatsächlich ist das Problem manchmal, dass sich die eine oder andere Geschichte  doppelt, wenn der Leser oder die Leserin schon andere Bücher über Irland gelesen oder die fünfteilige Serie auf 3sat gesehen hat, die der gleichen Reiseroute folgt. Die irischen „matchmaker“, also Heiratsvermittler, sind etwa eines dieser gern gewählten Themen, ohne die kaum eine Irlandberichterstattung auszukommen scheint. Nett ist hier allerdings Sotschecks persönliche Anekdote, der vollkommen unabsichtlich in eine solche Veranstaltung hineingeriet und dort dann seine spätere Frau kennenlernte, wobei allerdings kein Vermittler mitwirkte.

Aber es gibt eben auch viele interessante Einblicke in das irische Leben und die irische Kultur. Besonders gefallen hat mir etwa das Kapitel über die Insel Achill, wo einst der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll sein Cottage hatte und sich unter die einheimische Bevölkerung mischte. Ebenfalls spannend sind Sotschecks Berichte über den Rückbau der ländlichen Infrastruktur und damit verbunden das Eingehen der traditionellen Publandschaft. Auch die Geschichte Irlands, die leider stark von Armut und Hunger geprägt ist, wird thematisiert. Um den Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Royalisten und Republikanern geht es dann vor allem, wenn Sotscheck in Nordirland ist. Aber Irland hat nicht nur diese traurigen und düsteren Seiten zu bieten, sondern auch viel Lebensfreude, Kunst und witzige Geschichten. Wirklich kurios fand ich etwa diese Anekdote von einem berühmten Friedhof in Dublin:

Dieser ältere Teil des Friedhofs ist gesichert wie ein Fort: Eine vier Meter hohe Mauer mit Wachtürmen sollte den Friedhof vor Grabräubern schützen. Frische Leichen brachten Anfang des 19. Jahrhunderts eine Menge Geld ein, denn Mediziner benötigten für ihre anatomischen Untersuchungen ständig Nachschub.

Manchmal mischten sich die Leichenräuber deshalb dreist unter die Trauergäste und ließen eine Flasche Whiskey kreisen, in die sie ein Betäubungsmittel gegeben hatten. Wenn die Gemeinde dann bewusstlos zu Boden sank, macht sie sich mit dem Toten davon. Um an den Wachtposten vorbeizukommen, hakten sie die Leiche unter und taten so, als sei sie ein Betrunkener. Manchmal kam es sogar zu Schießereien auf dem Friedhof.

Später wechselten einige der Grabräuber die Profession: Statt Leichname zu stehlen, brachten sie einfach selbst Leute um und verkauften deren Körper. Das machte deutlich weniger Mühe.

Schon lange reizt es mich sehr, nach Irland zu reisen und diese Insel zu erkunden. Bisher ist es leider nicht dazu gekommen und bis es soweit ist, ist Mein Irland eine kurzweilige und angenehme Möglichkeit, die Wartezeit zu überbrücken.

Ralf Sotscheck, Mein Irland, Hamburg: mareverlag, 2016.

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