Besprechung: Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), 2014.

46_haratischwiliZwei Anläufe in zwei Urlauben habe ich gebraucht, um Nino Haratischwilis knapp 1300 Seiten starken Monumentalroman Das achte Leben (Für Brilka) durchzulesen. Beim ersten Versuch führte das Ende des Urlaubs mit anschließendem direktem Start in ein arbeitsintensives Praktikum dazu, dass ich den Faden des Buches verloren hatte (bzw. gelang es mir nicht mehr, um in einem Bild des Buches zu bleiben, die vielen, vielen Fäden, die gemeinsam den Teppich dieser Geschichte bilden, zu entwirren). Jetzt habe ich es geschafft, Das achte Leben durchzulesen, und hatte dabei die besondere Freude, große Teile des Romans im Land des Romans, in Georgien, zu lesen. Das war gleich doppelt spannend: Zum einen habe ich einen unglaublich tiefen und breiten Einblick in das Land gewonnen, welches ich bereist habe, und zum anderen kann ich Bilder mit den Orten verbinden, an denen der Roman spielt. Auf einmal sehe ich den Freiheitsplatz und den Rustaveli-Boulevard in Tbilissi vor mir und kann mir auch die Steppe, durch die junge Stasia mit ihrem weißen Oberleutnant reitet, viel besser vorstellen. Dass Das achte Leben bei mir, trotz dem es ein großartiger Roman ist, nicht nur positiv in Erinnerung bleibt, darauf will ich später noch eingehen, zunächst möchte ich jedoch auf die spannenden und großartigen Seiten zu sprechen kommen.

Und von diesen gibt es wirklich viele, denn Nino Haratischwili hat mit Das achte Leben wirklich ein großes und großangelegtes Panorama geschrieben, welches sich über ein ganzes Jahrhundert voller sehr bewegter Geschichte erstreckt und mit Georgien im Zentrum zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschiedene andere Teile Europas wie Russland, England und Deutschland mit in den Blick nimmt. Das Zentrum des Romans ist und bleibt aber Georgien und gerade das ist sehr spannend, rückt es doch ein kleines Land ganz am Rande Europas in die Mitte der Aufmerksamkeit, über welches die meisten Menschen, die die verschiedenen Völker der Sowjetunion häufig immer noch unter dem Begriff „Russland“ subsumieren, sich kaum Gedanken machen. Dafür dass dieses anspruchsvolle Panorama nicht in alle möglichen Richtungen auseinander läuft, sorgt die Autorin zum einen mit ihrem erzählerischen Geschick, die unterschiedlichen Fäden dieses Romans immer wieder aufzugreifen und miteinander zu verflechten, und zum anderen damit, dass die ganze großangelegte Geschichte eines Jahrhunderts mit Kriegen, Bürgerkriegen, totalitären Regimen und Revolutionen als Familiengeschichte erzählt wird. Die Familie, um die es geht, ist die Familie Jaschi, die von einem georgischen Schokoladenfabrikanten in der Provinz abstammt, dann jedoch große Teile ihres Lebens in der Hauptstadt Tbilissi verbringt. Während der Schokoladenfabrikant selbst noch recht schnell in der Hintergrund tritt, sind schon zwei seiner Töchter – Stasia und Christine, die 1900 und 1907 geboren werden – tragende Figuren des Romans, die diesem fast bis zum Ende erhalten bleiben. Das – im Kontext der Geschichte und der Ereignisse des 20. Jahrhunderts muss man sagen – noch unglücklichere Pendant der Jaschis bilden die Eristawis, die über die vier hauptsächlich handelnden Generationen hinweg jeweils auf bedrückende Art und Weise mit den Jaschis verbunden sind.

Hier eine Inhaltsangabe des Romans zu schreiben, würde komplett den Rahmen dieser Besprechung sprengen, weshalb ich das einfach gar nicht versuche. Es seien nur einige der Lebensumstände, die die Leben der handelnden Personen prägen, genannt. Wie gesagt, beschreibt Das achte Leben vor allem das 20. Jahrhundert in Georgien, welches zu großen Teilen unter sowjetischen Vorzeichen stand: Es geht also um Revolution, Bürgerkrieg, Krieg und totalitäre Diktatur. Die unterschiedlichen Personen gehen mit diesen politischen Umständen jeweils auf eigene Art um: Von überzeugten Sowjetbürgern, die in höchste Kreise aufsteigen, über verschieden Formen des Mitläufertums und des Rückzugs ins Private bis zu künstlerischem Widerstand, politischer Dissidenz und dem Gang ins Exil bietet sich die komplette Bandbreite an Haltungen. Und damit verbunden sind auch die Schicksale sehr unterschiedlich: Während die einen Macht und Luxus genießen (und so auch immer wieder in das Leben ihrer Familienmitglieder eingreifen können), erleben die anderen (und teilweise auch die gleichen) Ausgrenzung, körperliche und psychische Gewalt sowie geistigen und körperlichen Verfall. Durch die Entwicklung der Ereignisse bieten sich so immer wieder spannende und sich verändernde Konstellationen und Konfrontationen. Selten hatte ich beim Lesen eines Romans das Gefühl, einen so tiefen und lebensnahen Einblick in eine Gesellschaft zu bekommen, die mir allergrößtenteils unbekannt ist. Nino Haratischwili gelingt es dabei auf sehr sehr spannende Weise die große Weltgeschichte mit der Geschichte des kleinen Georgiens zu verknüpfen und das Ganze als die Geschichte einer Familie zu erzählen.

Spannend finde ich es auch, wie Haratischwili in diesen Roman, der so fest in der Geschichte verwurzelt ist, fantastische Elemente einbaut. So sieht Stasia mit zunehmendem Alter immer häufiger verstorbene, ihr nahe stehende Personen, die sich im Garten des Hauses unterhalten. So erfährt sie dann im hohen Alter dann auch von einem Tod, den man ihr eigentlich verheimlichen will. Außerdem spielt die köstliche, suchterregende und unheilbringende Schokoladenkreation des Stammvaters der Familie, deren Rezepte in der Familie als Geheimnis gehütet wird, eine mysteriöse Rolle. Wer ihr verfällt, dem bringt sie Unglück, und so gelingt es Christine sogar einmal, in die ganz große Weltpolitik einzugreifen. Hier merkt man Haratischwilis Freude am Erzählen und am Fabulieren, was die Lektüre des Buches zu einem besonderen Genuss macht.

Viel härter als dieses fantastische Spiel ist dann die Schilderung des immer wieder durch brutale Gewalt geprägten Lebens der Protagonisten im sowjetischen Georgien. Diese Schilderungen haben mich als Leser sehr mitgenommen und emotional aufgewühlt. Oft hingen mir die Gedanken noch eine ganze Weile nach, nachdem ich das Buch zugeklappt hatte. Die wohl schrecklichste Szene des Buches ist ein Verhör durch den Geheimdienst, welches in eiskalter, präziser Brutalität soweit führt, dass man es sich kaum vorstellen kann. Haratischwili baut diese Szene so gekonnt auf, indem sie nicht nur die Gewalt schildert, sondern immer wieder auch menschliche Züge, Gedanken und Schilderungen einsetzt, dass sie noch viel wirksamer und eindrücklicher sind, als wenn es diese retardierenden Momente nicht gäbe. So heißt es mitten in dieser Verhörszene über die Verhörerin:

In der Ecke saß die uniformierte Frau. Kitty sah zu ihr hin und auch diesmal konnte sie ihren Blick nicht von ihren roten Lippen abwenden. Die Lippen waren perfekt geschminkt. Sie hatte schöne, harmonische Gesichtszüge. Eine feine Nase, die fast schon gemalt wirkte, sie trug eine raffinierte Hochsteckfrisur, die hier, an diesem Ort, merkwürdig deplatziert wirkte. Als sei sie von einem vornehmen Fest hierhin geeilt, um die lästige und unangenehme Arbeit hinter sich zu bringen und dann schnellstmöglich wieder zurück zu ihrem Fest zu gehen.

Wer war sie? Wo kam sie her? Aus welch einer Welt? Wie roch ihre Welt? Wurde sie in ihr geliebt? Liebte sie? War sie manchmal auch traurig? Mochte sie Tomaten oder lieber Gurken? War sie ein Bergmensch oder liebte sie das Meer? Und ging sie spät ins Bett, hatte sie Kinder? Hatte sie eine Mutter, die ihr Wiegenlieder vorgesungen hatte? Roch ihre Haut etwas süßlich, wie Kitty es sich vorstellte?

Kitty sah sie einen Augenblick lang an, auch wenn es ihr schwerfiel, ihren Kopf in ihre Richtung zu drehen, da der Gurt an ihren Oberschenkeln in ihr Fleisch schnitt. Auf eine ungesunde Art und Weise freute sie sich, die Frau wiederzusehen. Sie war noch da. Noch wollte sie etwas von ihr. Noch sah sie gefasst und mitfühlend aus, also würde sie sie nicht diesen groben, stummen Männern überlassen, also würde sie nicht bis zum Äußersten gehen. Aber was genau war das Äußerste?

Durch die Struktur des Familienromans, der immer weiter geht, bekommt diese Gewalt noch einmal eine ganz andere Dimension. Denn anders als in vielen anderen Romanen, die bestimmte Episoden erzählen und dann auch wieder zu Ende sind, begleiten wir die einzelnen Charaktere in diesem Roman immer weiter – mal von näherem und mal mehr aus der Ferne. So erleben wir die körperlichen und psychischen Folgen der Gewalt das ganze Leben der Personen lang und sehen teilweise noch, wie die Verstörung an nachfolgende Generationen weitergegeben wird.

Letztlich ist es dann aber auch diese generationenübergreifende und zunehmend unrealistische Anhäufung von Elend, Unglück und Lebenskatastrophen in der Familie Jaschi, die mich beim Lesen immer mehr gestört und teilweise auch geärgert hat. Damit meine ich ganz explizit nicht, dass Bücher nicht hart und schockierend sein dürfen und wahrscheinlich sogar müssen, wenn sie sich einem Thema wie dem von Kriegen und totalitären Diktaturen geprägten Georgien des 20. Jahrhunderts widmen. Es wäre einfach falsche Schönfärberei, diese Aspekte nicht zu thematisieren, und Kafkas (vielleicht zu) häufig zitierter Satz vom Buch als Axt für das gefrorene Meer in uns meint ja genau das: Bücher müssen aufrütteln, sie müssen – um es etwas kleiner zu halten – zum Denken anregen, und wenn sie uns ein kleines wenig verändern, dann ist das sehr viel wert. Aber, und genau das ist mein Problem mit Das achte Leben, irgendwann schockiert es eben nicht mehr, wenn die Autorin eine Katastrophe an die andere reiht. Stattdessen wird es erwartbar. Bei mir führte dies dann zu zunehmendem Sarkasmus. Wenn ein Kind geboren wird, habe ich mich gefragt, wie wohl dieses Leben wieder vor die Wand gefahren wird und jedes Mal geht das Leben tatsächlich den Bach herunter. Wenn einem beim Lesen so sarkastische Gedanken im Kopf herumgehen, dann erreicht das Buch eben nicht mehr das, was es will. Dann ist es einfach irgendwann schade, weil ich als Leser mehr und mehr abgestumpft und mit meiner Rezeption den fortwährend erzählten Katastrophen nicht mehr gerecht geworden bin.

Trotz dieser Einschränkung bleibt Das achte Leben ein beeindruckender Roman, der mich während der Lektüre und darüber hinaus sehr beschäftigt und mir viele Eindrücke in ein mir weitgehend unbekanntes Land und Leben geschenkt hat. Nino Haratischwili ist eine beeindruckende Erzählerin, die diesen Roman mit viel Freude an der Erzählung und ohne Angst vor harten Darstellungen geschrieben hat. Eine Leseempfehlung!

Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka). Roman, Frankfurt a. M.: Frankfurter Verlagsanstalt, 2014.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s