Kurzbesprechung: Klaus Walther, Was soll man lesen?, 2005.

51_walther_was_soll_man_lesenWie schon an anderer Stelle erwähnt, mag ich Bücher über Bücher einfach sehr gerne; Leseempfehlungen und Lesebiografien anderer finde ich immer wieder faszinierend und inspirierend, weil sie Bücher auf persönliche Art und Weise darstellen und sie einem so oft näherbringen als die leicht variirenden, aber doch oft sehr ähnlichen Listen der Weltliteratur, die sich so finden lassen. Dabei geht es mir aber auf keinen Fall darum, mir mein Leseleben durch die Leseempfehlungen eines anderen diktieren zu lassen – es handelt sich immer um Anregungen! Bei einer solchen Einstellung ist ein Buch mit dem Titel Was soll man lesen? provokant. Das klingt nach Anweisung, nach: Du sollst diese Bücher lesen, weil ich sie für gut halte! Aber weil eben auch die Reibung an diesen Anweisungen Freude bereitet, habe ich Klaus Walthers Buch trotzdem zu lesen begonnen, auch weil der Untertitel Ein Leseverführer wiederum etwas versöhnt. Denn er deutet an, dass es um Verführung, das heißt um Überzeugung und nicht um Anordnung geht, und außerdem zeigt der bescheidene indirekte Artikel, dass hier nicht der Anspruch erhoben wird, selbst der Weisheit letzter Schluss zu sein.

Dieses Andeutung des Untertitels bestätigt sich dann auch in Walthers einführendem Kapitel, hier heißt es:

Jeder Leser sucht sich seine Bücher, aber auch das Buch sucht sich seine Leser. Ein schwieriges Unterfangen also, von den Büchern zu reden, die man lesen sollte, eine Unternehmung, für die es wohl Landkarten gibt, Literaturgeschichten oder ähnliches, aber im Grunde ist ein solcher Versuch ein Gehen in unwegsamem Gelände.

Und:

Was soll man denn nun wirklich lesen? Und ich müsste ehrlicherweise antworten: Ich weiß es nicht. Doch es gibt Erfahrungen, eigene und andere, und da bin ich mir mit vielen Lesern einig: Der große Fundus der Weltliteratur ist in seinen meisten Teilen lesenswert. Nicht, weil dies die Literaturgeschichten, die Autoritäten behaupten, sondern weil immer wieder Leser diese Erfahrungen machen. Wer auf Homer, Shakespeare, Dickens, Balzac, Tolstoi, Dostojewski verzichtet, er verzichtet auf eine Begegnung mit einem Schatz menschlicher Grunderfahrungen.

Das klingt doch interessant und sagt mir zu. Und so macht sich Walther dann an einen größtenteils chronologisch strukturierten Durchlauf durch die Weltliteratur, wobei die Empfehlungen immer aus der persönlichen Lesebiografie abgeleitet sind und der chronologische Ablauf immer wieder durch Kapitel zu persönlichen Vorlieben unterbrochen wird, so etwa zum Detektivroman, zur Reiseliteratur oder zu fünf Lieblingsautoren Walthers. Bei diesen handelt es sich übrigens um Samuel Pepys, Samuel Johnson, James Boswell, Karl Gutzkow und Arno Schmidt – eine illustre Zusammenstellung!

In einigen Teilen seines Buch ist Walther sehr berechenbar und manchmal hat sein Buch dann auch einen gewissen Aufzählungscharakter, so etwa wenn er Autoren wie Homer, Goethe, Schiller, Dickens oder Balzac empfiehlt. Damit hat er natürlich recht, aber das ist dann doch nicht so sehr spannend. Und dann findet man wieder Empfehlungen, die man zuvor noch nicht gelesen hat und bei denen man sofort die Lektüre unterbricht, um am Computer herauszufinden, ob und zu welchen Konditionen diese Werke zu beschaffen sind. So hat beispielsweise ein Kunsthistoriker namens Hermann Uhde-Bernays eine sich über fünf Jahrhunderte erstreckende Anthologie mit dem Titel Künstlerbriefe über Kunst herausgebracht. Das klingt genauso faszinierend wie Walthers Berichte aus seinem Leseleben in der DDR, in denen er beschreibt, was es bedeutete, ein Stück Sartres in szenischer Lesung zu erleben oder sich Erzählungen eines noch unbekannten Autors namens Alexander Solschenizyn aus dem Russischen zu erschließen.

Derlei Geschichten bietet Walthers Leseverführer viele, es bleiben jedoch auch pflichtbewusst aufzählenden Seiten, bei denen man manchmal etwas schneller blättert. Aber trotz dieser Stellen habe ich das Buch mit Gewinn gelesen und mal wieder viele noch imaginäre und schon reale Anregungen für meinen SuB mitgenommen.

Klaus Walther, Was soll man lesen? Ein Leseverführen, Leipzig: Faber & Faber, 2005.

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