Lesevorhaben: Die literarische Moderne

Seit langer Zeit fasziniert mich die Zeit um die letzte Jahrhundertwende. Es ist eine Zeit, in der unfassbar viel passiert. Die technische Entwicklung geht rasend schnell voran, die Gesellschaften verändern sich und die politischen Systeme auch. Die Kunst verändert sich komplett: So entstehen in den 1870ern noch die realistischen Gemälde eines Gustave Courbet und schon vor 1910 entstehen die ersten kubistischen Gemälde Picassos. Und in der Literatur ist es ähnlich: Schreibt man eben noch realistisch, kommen bald der Naturalismus, die Décadence und die Fin-de-siècle-Literatur. Nach der Jahrhundertwende steigert sich das noch weiter, es treten die verschiedensten Avantgarde-Bewegungen bis hin zum Expressionismus und Surrealismus auf den Plan. Und mittendrin entstehen fast klassisch-realistische Texte wie Thomas Manns Buddenbrooks. Was für eine verrückte, dicht gedrängte, überhaupt nicht einheitliche Zeit, in der sich die Ereignisse zu überschlagen scheinen!

Ich möchte mir in einem Lesevorhaben diese literarische Moderne erlesen. Ich möchte einige der großen literarischen Texte dieser Zeit endlich einmal lesen und den einen oder anderen, den ich schon kenne, wiederlesen. Da stellen sich gleich einige Fragen. Zunächst wahrscheinlich: Bist du verrückt? Dazu später mehr. Außerdem: Welche Zeit bezeichnet man eigentlich genau als literarische Moderne? Und was zeichnet diese Zeit aus, sodass man ihr einen übergreifenden Name ‚Moderne‘ gibt?

Wann genau die Moderne überhaupt beginnt, gehört wohl zu den umstritteneren Fragen der Geistesgeschichte. Während manche sie sozusagen mit der Neuzeit gleichsetzen, sie also wahlweise mit der Renaissance, dem Humanismus, der Reformation oder der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus anfangen lassen, setzt der Modernebegriff, den ich aus dem sozialwissenschaftlichen Teil meines Studiums kenne, die Zäsur mit den großen Revolutionen in Amerika und Frankreich, also am Ende des 18. Jahrhunderts an (so etwa auch Henning Ottmann in seiner mehrbändigen Geschichte des politischen Denkens). In Bezug auf die Literaturgeschichte erklärt Moritz Baßler in diesem kleinen, aber sehr schönen Video, dass es in der Germanistik zwei verschiedene Begriffe der Moderne gibt: einen, der die Moderne um 1800 ansiedelt (was ja dem gesellschaftlichen Modernebegriff entsprechen würde) und einen, dem er auch selbst anhängt, der die Moderne etwa ab den 1880er Jahren ausmacht. Und mit 1933 enden lässt. Denn nach dem Anfang der Moderne ist ihr Ende ja die nächste Frage, die sich stellt. Die Deutsche Literaturgeschichte bei Metzler sieht das ähnlich wie Baßler, aber etwas enger, hier geht die Moderne von 1890–1920, während die Anglistik anscheinend mit 1880 eine „Vormoderne“ beginnen lässt und die Moderne erst um das Jahr 1910 ansetzt (so nachzulesen in der Englischen Literaturgeschichte bei Metzler). Es zeigt sich also, dass, wenn man von der „literarischen Moderne“ spricht, doch meistens die Zeit um 1900 (mit einigen Jahrzehnten davor und danach) gemeint ist. Um diese Zeit soll es hier auch gehen.

Und weil ich Romanist (genauer: Galloromanist) bin, kann ich mir einen wunderbaren – natürlich eigentlich vollkommen sinnlosen – Spaß erlauben und die literarische Moderne in einem exakten Jahr anfangen lassen: Es handelt sich um das Jahr 1857. In diesem Jahr erscheint Gustave Flauberts Madame Bovary als Buch und Charles Baudelaires Les Fleurs du Mal. Beide werden häufig als das erste moderne Werk ihrer Gattung genannt (stellvertretend für viele andere kann man das für Flaubert bei Nathalie Sarraute und für Baudelaire bei Hugo Friedrich nachlesen). Wolfgang Matz schreibt in seinem Buch über die Konstellation ebendieses Jahres, in die er auch noch Stifters Nachsommer einbezieht:

Jahreszahlen sind Zufälle. Die Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 hätten auch ein Jahr zuvor oder ein Jahr danach stattfinden können, und wenig hätte gefehlt, so wären Madame Bovary ein paar Monate früher, Der Nachsommer einen später erschienen und damit beide jeweils in einem anderen Jahr. Der Zufall aber schuf das Jahr 1857, und damit ein emblematisches Datum für etwas, was alles andere ist als ein Zufall. 1857 ist das Jahr der Moderne, das Jahr der modernen Literatur.

Gerade weil dieses Jahr 1857 ein so wichtiges ist, möchte ich mein Lesevorhaben dann auch mit dem erwähnten Buch von Wolfgang Matz 1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter beginnen. Danach soll aber nicht chronologisch weitergelesen werden. So diszipliniert bin ich dann doch nicht und dafür interessieren mich spätere Texte dann auch zu sehr.

Damit ist also geklärt, um welchen Zeitraum es hier ungefähr gehen soll, was jedoch noch nicht geklärt ist, ist die Frage, was die literarische Moderne eigentlich ist, also welche Charakteristika sie auszeichnen. Diese Frage ist wahrscheinlich noch schwieriger als die Frage nach dem Zeitraum; sie kann und soll hier dementsprechend nur versuchsweise, kurz und in einigen Elementen beantwortet werden. Genaueres ergibt ja dann hoffentlich die Lektüre der Werke. Es gilt aber auf jeden Fall, dass diese Zeit ein sehr vielfältiger Zeitraum ist, in dem verschiedene Stile und Paradigmen nebeneinanderbestehen. ‚Die Moderne‘ wird sich also kaum in ein paar Worten komplett erfassen lassen.

Typisch modern ist zum einen dieser Impetus, dass die Moderne etwas Anzustrebendes ist, der sich etwa in dem berühmtem Ausspruch „Il faut être absolument moderne“ von Arthur Rimbaud zeigt. Dann sind da bestimmte ‚moderne‘ Themen: der technische Fortschritt (Fotografie, Eisenbahn, Automobil, moderne Großstadt), Krieg und neue Zerstörungspotenziale, Bürokratie. Kulturkritik spielt sicherlich auch eine Rolle. Außerdem spielen bestimmte Autoren der Geistesgeschichte eine Rolle für ein verändertes Weltbild, hierzu zählen etwa Darwin, Marx, Nietzsche und Freud. Unter anderem mit diesen Autoren geht dann auch eine veränderte Auffassung von Wahrnehmung und Erfahrung und des Ichs einher, die sich auch stark darauf auswirkt, wie Literatur geschrieben wird. In dem oben erwähnten Video erklärt Moritz Baßler, dass das Zeichenverhältnis umgestellt werde, die Sprache erschaffe nunmehr den Inhalt des Textes und in den Avantgarden werde das noch einmal radikalisiert. Speziell für die erzählende Literatur erklärt er, dass die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur im „Sturmlauf der Moderne gegen das Erzählen“ (Burkhard Spinnen) verändert werde. Das klingt alles erstmal relativ unkonkret und verschwurbelt, es wird jedoch konkreter, wenn es um den Naturalismus geht, der in Deutschland den Anfang der Moderne darstellt. Dieser ziele nicht mehr auf eine Goethe’sche Verklärung, wie es noch der poetische Realismus getan habe und so bleibe nur noch der konkrete Fall, der dann sehr partikular werden könne. Das zeige sich dann etwa in der Verwendung von Dialekt (Hauptmann) oder dem Sekundenstil (Arno Holz) und der Text wird damit schwer lesbar, weil die textuelle Oberfläche nicht mehr die gewohnte Oberfläche ist, wie man sie aus realistischen Romanen gewöhnt ist. Weiter gehe das dann mit der Schilderung von psychotischen Fällen bei Panizza, wobei der Erzähler selbst der Fall ist und somit eine sehr eigene Weltsicht hat. Diese neuen Textverfahren verselbstständigen sich immer mehr und es kommt zu immer neuen Avantgarden. Das klingt für mich erstmal sehr interessant und einleuchtend, auch wenn ich mir diese Verselbstständigung bisher noch nicht so gut vorstellen kann. Andere Autoren würden die Entwicklung zur literarischen Moderne sicherlich ganz anders beschreiben. Für den oben erwähnten Hugo Friedrich ist etwa Baudelaires „Ästhetik des Hässlichen“ zentral. Gerade weil es hier so viele unterschiedliche Meinungen und Ansätze gibt, die sich vielleicht auch gar nicht unbedingt widersprechen, sondern nur unterschiedliche nebeneinanderexistierende Dinge beschreiben, belasse ich es jetzt erstmal dabei. Wie ‚die literarische Moderne‘ dann genau aussieht, werde ich mir dann ja (hoffentlich bald) erlesen. Ich bin gespannt!

Mir ist klar, dass das ein Mammutprogramm ist. Ein Vorhaben, das Jahre in Anspruch nimmt. Vor allem, wenn man zwischendurch auch noch andere Bücher lesen möchte. Ich will ja nicht nur noch die literarische Moderne lesen und alles, was davor oder danach geschrieben wurde, ignorieren. Noch dazu sind ja einige der Romane der literarischen Moderne selbst schon größere Lesevorhaben. Man denke nur an Prousts Recherche oder an Joyce‘ Ulysses, der in dem Zehn Fragen zu Büchern-Projekt von Sätze & Schätze immer wieder als eines der ungelesenen Meisterwerke genannt wurde, vor denen man etwas Bammel hat.

Aber ich will da heran, an diese literarische Moderne, mit ihren schwierigen, aber auch unglaublich vielversprechenden Texten. Ich will sie mir nach und nach erlesen. Und ich möchte nicht nur die literarischen Texte der Zeit lesen, sondern auch einige Sekundärliteratur, um die Literatur aber auch die Zeit besser zu verstehen. Denn die Literatur entsteht ja nicht in einem luftleeren Raum. Technischer Fortschritt, politische Ereignisse und Kriege, aber auch intellektuelle und andere künstlerische Weiterentwicklungen lassen die Literatur ganz sicher nicht unberührt. Dementsprechend möchte ich auch einige wenige Werke der Geistesgeschichte der Zeit lesen, die den Kontext der Literatur bilden. Vielleicht dann auch mal einen wissenschaftlichen Aufsatz, der Zentrales einordnet und erklärt. Wahrscheinlich werde ich dann auch darüberschreiben, auch wenn manche das merkwürdig finden werden: Zum einen hilft so ein Aufsatz ja vielleicht doch dem einen oder anderen außer mir beim Verständnis der Moderne und zum anderen ist dies hier ja auch eine Art Lesetagebuch. Wenn ich mich dann später mal erinnern möchte, was ich da mal gelesen habe, dann kann das sehr nützlich sein.

Also: Nein, ich bin nicht verrückt. Ich will mir einfach nur nach und nach die Zeit nehmen.

Literarische Werke

Gustave Flaubert, Madame Bovary, 1857.

Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, 1857.

Gustave Flaubert, Die Erziehung der Gefühle, 1869.

Oscar Wilde, Märchen und Erzählungen, 1887–1891.

Kurt Hamsun, Hunger, 1890.

Joris-Karl Huysmans, Tief unten, 1890.

Oskar Panizza, Der Corsetten-Fritz, 1893.

Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie, 1901.

Hugo von Hofmannsthal, Ein Brief, 1902.

Robert, Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 1906.

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910.

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 1913–1927.

Miguel de Unamuno, Nebel, 1914.

Franz Kafka, Der Process, 1914/15, 1925.

James Joyce, Ulysses, 1922.

John Dos Passos, Manhattan Transfer, 1925.

Federico García Lorca, Mariana Pineda, 1927.

Virginia Woolf, Orlando, 1928.

Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, 1929.

William Faulkner, Schall und Wahn, 1929.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, ab 1930.

Hermann Broch, Die Schlafwandler, 1931–1932.

Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht, 1932.

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, bis 1934.

Louis-Ferdinand Céline, Tod auf Kredit, 1936.

William Faulkner, Absalom, Absalom!, 1936.

Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942.

Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, 1951.

Werke der Geistesgeschichte

Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, 1872.

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, 1883–1885.

Sigmund Freud, Die Traumdeutung, 1900.

Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, 1903.

Sigmund Freud, Das Unheimliche, 1919.

Sigmund Freud, Das Unbehagen der Kultur, 1930.

Sekundärliteratur (alphabetische Ordnung)

Moritz Baßler, Deutsche Erzählprosa 1850–1950, 2015.

Karl-Heinz Bohrer, Die Ästhetik des Schreckens, 1978.

Michel Butor, Versuch über Rimbaud, 1994.

Hugo Friedrich, Die Struktur der modernen Lyrik, 1956.

Walter Jens, Statt einer Literaturgeschichte. Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert, 1998.

Thomas Karlauf, Stefan George. Die Entdeckung des Charismas, 2007.

Helmuth Kiesel, Geschichte der literarischen Moderne, 2004.

Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland, 2009

Wolfgang Matz, 1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter, 2007.

Peter Sprengel, Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870–1900, 1998.

Peter Sprengel, Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900–1918, 2004.

Mit dieser Liste ist ein Anfang gemacht, sie wird weiter ergänzt. Für Lesehinweise bin ich sehr dankbar! Keine Sorge: Ich habe keine Angst vor einem großen SuB (so einen habe ich schon zu Hause), und diese Liste ist ja dann auch nur ein weiterer großer Stapel, nur dieses Mal braucht er nicht so viel Platz…

Stand: 17.01.2017

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