Lesevorhaben: Die Türkei und türkische Literatur 

Ich möchte mich in diesem Lesevorhaben intensiver mit der Türkei, ihrer aktuellen Situation, ihrer Historie und vor allem ihrer Literatur beschäftigen. Wie es dazu gekommen ist, ist eine etwas längere Geschichte.

Meine Freundin und ich haben uns im Frühjahr 2017 zur Feier des Studienabschlusses zu einer mehrmonatigen Reise aufgemacht. Von Berlin ging es zunächst nach Wien und von dort über verschiedene Länder Südosteuropas und die Türkei in den Kaukasus. Schon in der Planungsphase zu Hause ging es bei besorgten oder kritischen Nachfragen von Freunden und Verwandten und unserem eigenen Nachdenken über Probleme dieser Reise dabei immer nur um ein Land. Nicht Serbien, ein Land, das vor noch nicht einmal einem Vierteljahrhundert „in Europa das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit Ende des zweiten Weltkriegs“ begangen hat, oder Georgien, welches vor noch nicht einmal zehn Jahren in einen Krieg mit Russland verwickelt war, stand im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Türkei. Seit dem Putschversuch im Juli 2016, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wohl nicht inszeniert, aber als „Geschenk Allahs“ dankend angenommen hat, geht er mit neuer Härte gegen verschiedene oppositionelle Gruppen vor und entwickelt die Türkei Schritt für Schritt in Richtung einer Autokratie. Die türkische Autorin Elif Shafak sagt: „Die Türkei ist nationalistischer und religiöser geworden, während das Regime immer autoritärer wurde.“

Es gab gegen die Türkeireisepläne grundsätzlich zwei verschiedene Einwände: erstens Sorgen um unsere Sicherheit und zweitens die moralische Frage, ob man in der aktuellen Situation in die Türkei reisen könne. Ersteres sahen wir recht entspannt, dass deutschen Touristen in der Türkei Gefahr droht, glaube ich eigentlich nicht und das hat sich zumindest in Bezug auf uns auch bestätigt. Mit dem moralischen Aspekt haben wir länger gehadert, uns aber schließlich mit dem Argument, dass die Türkei mehr ist als seine politischen Machthaber, doch für diese Reise entschieden. Das mag der eine oder die andere sehr pragmatisch finden, aber die Entscheidung, welche Länder noch als Urlaubsländer dienen dürfen, ist einfach schwierig zu treffen: Was ist mit Trumps Amerika? Was mit etablierten Autokratien wie Marokko oder Kuba? Was ist mit den EU-Ländern Polen und Ungarn, die ebenfalls kräftig an der Rechtstaatlichkeit sägen? Und was ist mit Frankreich, dem Land dessen Sprache ich mein Studium gewidmet habe und das nun schon seit geraumer Zeit im Ausnahmezustand lebt, was eine bedeutende Einschränkung der Grundrechte mit sich bringt? Ich möchte das keinesfalls alles auf eine Stufe stellen, aber die Abstufungen sind schwierig zu treffen. Außerdem wollten wir eben auf den Landweg in den Kaukasus und die nördliche Umgehung des Schwarzen Meeres bietet sich aktuell nun wirklich nicht an…

Während unserer Reise waren wir dann in so vielen spannenden Ländern, dass wir gar nicht mehr so sehr an die Türkei gedacht haben. Aktuell war immer das Land, in dem wir gerade waren. Aber natürlich kann man als regelmäßiger Medienkonsument die Entwicklungen in der Türkei kaum verpassen. Die Lage von Journalisten und Journalistinnen in der Türkei ist in Deutschland vor allem seit der Verhaftung Deniz Yücels in den Fokus geraten. Dieser sitzt immer noch in Haft, genau wie Mesale Tolu und sieben andere deutsche Journalisten. Dabei geht manchmal etwas unter, dass noch viel mehr türkische Journalisten betroffen sind, schon im Februar saßen in der Türkei über 150 von ihnen im Gefängnis. Die Zeit schrieb, die Türkei sei „das größte Gefängnis der Welt für Journalisten“. Da tröstet es kaum, dass die Schriftstellerin Asli Erdoğan wieder auf freiem Fuß ist und das Land wieder verlassen darf, eine Verurteilung droht ihr trotzdem weiterhin (Hier gibt es ein erschütterndes Interview über ihre Situation in der Haft.). Entsprechend wundert es kaum, dass immer mehr Intellektuelle oder auch einfach nur denkende Menschen der Türkei den Rücken kehren und ins Exil gehen. Can Dündar ist da nur einer der prominentesten Fälle. Neben dieser Thematik war es vor allem das Referendum über eine Verfassungsänderung, die Erdoğan eine sehr viel größere Machtfülle einräumt, welches große Aufmerksamkeit erregte. Ob es sich bei der Türkei nach dem Referendum nun schon um eine Diktatur handelt, ist schwierig festzulegen – wo genau fängt eine Diktatur an? – die Richtung ist sicherlich keine gute. Außerdem kommt es seit dem Putschversuch zu immer neuen Entlassungswellen unbequemer Staatsbeamter, inzwischen gehen die Zahlen in den sechsstelligen Bereich. Und neben diesen großen Themen sind da die vielen kleineren: Deutschland zieht seine Bundeswehrsoldaten aus dem NATO-Partnerland ab. Die Türkei streicht die Evolution aus dem Schulstoff und steigert dafür den Einfluss der Religion in der Schule. Türkische Medien hetzen gegen eine liberale Moschee in Berlin. Man könnte lange so weiter schreiben.

All das verdichtete sich zu einem merkwürdigen Gefühl als wir schließlich mit dem Nachtzug (besser gesagt Tag-und-Nachtzug, der Zug fuhr gegen Mittag ab) aus Bukarest Richtung Istanbul rollten. Wie fühlt sich das als Reisender an, aktuell in der Türkei zu sein? Merkt man etwas von der Situation oder der Stimmung?

Zunächst einmal verschlingt uns Istanbul mit 1000 verschiedenen Eindrücken: das Gewimmel der Menschen, die Fähren auf dem Bosporus, Moscheen und Minarette, Stände und Läden und überall verlockendes Essen. Irgendwo habe ich gelesen, die türkische Küche sei mit der italienischen und der chinesischen eine der reichsten der Welt – nach einem Tag in Istanbul glaube ich das ungeprüft. Das Spektrum der Bekleidung der Frauen geht vom Kopftuch bis zum Minirock und ist damit ebenso breit wie in Berlin. Am ersten Abend sind wir überfordert, aber glücklich, was für eine spannende Stadt! Jetzt noch schnell auf Wikipedia etwas über das Viertel lesen, in dem wir wohnen. Fehlermeldung. Noch einmal laden, das WLAN ging doch gerade noch. Fehlermeldung. Und dann dämmert es wieder: Wikipedia ist in der Türkei aktuell gesperrt, man hält den Zugang zum freien Wissen für „Terrorpropaganda“. Diese Sperre lässt sich auch ohne größeren technischen Sachverstand leicht umgehen, aber jetzt ist das Bewusstsein dafür, in welche politische Lage wir hier gereist sind, wieder da. In den nächsten Tagen lässt die Überforderung etwas nach und ich beginne darauf zu achten, ob mir etwas auffällt. Auf einer Bosporusfähre liest eine junge Frau ein Buch von George Orwell mit einem Schweinekopf auf dem Cover. Den türkischen Titel kann ich nicht lesen, aber es ist unschwer zu erraten, dass es sich um die Farm der Tiere handelt. In Amerika wird 1984 dank Trump gerade wieder zum Bestseller, was bedeutet es für Menschen in der Türkei Orwell zu lesen? Ein paar Tage später spielt eine junge Frau auf einer Bosporusfähre Lieder von Joan Baez. Singt sie die nur, weil sie zu ihrer Stimme und ihrem Stil passen oder geht es auch um den politischen Gehalt? Es wird auf jeden Fall reichlich Geld in ihren bereitgestellten Gitarrenkoffer geworfen. Beim Besuch der türkisch-deutschen Buchhandlung steht bei den Werken Elif Shafaks zwar Der Bastard von Istanbul, wegen dem die Autorin von nationalistischen Kreisen stark angefeindet und sogar vor Gericht gebracht wurde, aber nicht das Buch Ehre über einen Ehrenmord. Hat das etwas zu bedeuten? Ein paar Tage später bin ich wieder da. Ehre steht im Regal neben den anderen Büchern. Anscheinend war es nur vergriffen. Irgendwie bin ich froh, dieser Buchhandlung innerlich nichts vorwerfen zu müssen, denn sie ist mit ihrem großen Café zum Schmökern, Reden und Teetrinken ein wunderbarer Ort in Istanbul, der jedem Besucher ans Herz gelegt sei. Hier werden eine vorzügliche Auswahl deutschsprachiger Literatur, Lernmaterialien, wunderschöne Bildbände und vor allem ein ganzes Regal voll türkischer Literatur in deutscher Übersetzung geboten. Neben den großen Namen wie Orhan Pamuk und Elif Shafak (Beide sind übrigens auch in der Türkeifolge der wunderbaren Arte-Serie Europa und seine Schriftsteller zu sehen. Wer das bisher verpasst hat, unbedingt nachholen!) stehen hier vor allem viele Bände der Türkischen Bibliothek des Schweizer Unionsverlags, die ich zuvor noch nicht kannte. Da sind viele interessante Titel dabei!

Ich merke, dass ich mit meiner einfachen Alltagsbeobachtung nicht wirklich weiter komme. Natürlich sieht man viele Dinge und manches denkt man sich, aber wirklich verstehen kann man die Situation kaum. Man sieht Menschen einfach nur sehr bedingt an, was sie denken und fühlen, was sie beschäftigt und womit sie (un)zufrieden sind. Auch Zensur in Zeitungen und Druck auf Richter kann man nicht sehen. Aber dies wäre ja kein Buchblog, wenn es dafür nicht eine gute Lösung gebe. Viele intelligente Journalisten und spannende Autoren haben sich mit der Türkei beschäftigt und Bücher darüber geschrieben, von denen ich hier einige lesen möchte. Dabei soll es aber nicht nur um aktuelle politische oder journalistische Texte gehen, sondern auch und gerade um literarische Texte, die häufig noch einmal einen ganz anderen Blick auf ein Land mit seinen Menschen eröffnen. Ich bin gespannt darauf, was ich mir da erlesen werde.

Leseliste journalistischer Texte

Hülya Adak und Erika Glassen (Hgg.), Hundert Jahre Türkei. Zeitzeugen erzählen, 2014.

Iris Alanyali, Gebrauchsanweisung für die Türkei, 2015.

Can Dündar, Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, 2016.

Deniz Yücel, Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei, 2014, Spezialedition 2017.

Leseliste literarischer Texte 

Aslı Erdoğan, Die Stadt mit der roten Pelerine, 2001.

Sema Kaygusuz, Wein und Gold, 2006.

Yaşar Kemal, Memed mein Falke, 1955.

Ayşe Kulin, Der schmale Pfad, 2005.

Orhan Pamuk, Schnee, 2002.

Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, 2003. (Literarisches Fundstück)

Elif Shafak, Der Bastard von Istanbul, 2006.

Ahmet Ümit, Nacht und Nebel, 1996.

Murat Uyurkulak, Zorn, 2002.